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Im Gespräch: Jean-Paul Fitoussi „Hohe Bankgewinne verhöhnen die Steuerzahler“

 ·  Die Börsen boomen. Sie befänden sich jedoch längst wieder in „Spekulationsblasenstimmung,“ erklärt Jean-Paul Fitoussi, Professor am l'Institut d'Etudes Politiques de Paris und wirtschaftlicher Berater des französischen Staatspräsidenten.

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Die Börsen boomen. Das Schlimmste scheint überstanden. Gemeinhin ist von einer wirtschaftlichen Bodenbildung und von einer absehbaren konjunkturellen Erholung die Rede. Optimistische Strategen gehen sogar davon aus, dass wir bald wieder ähnliche Wachstumsraten wie in den Jahren des Kredit getriebenen Booms erreichen könnten.

Dazu zählt Jean-Paul Fitoussi nicht. Für den Professor am l'Institut d'Etudes Politiques de Paris und wirtschaftlichen Berater des französischen Staatspräsidenten hat sich nichts geändert. Die Finanzmärkte befänden sich längst wieder in „Spekulationsblasenstimmung“ und der Finanzsektor sei schon wieder überhitzt. Die Tatsache, dass die Banken hohe Gewinne erzielten, nachdem sie mit Steuergeldern gerettet worden sind, sei eine Beleidigung für die Steuerzahler.

Die Krise sei vorbei und man sie längst zur Tagesordnung übergegangen, heißt es gemeinhin. Was denken Sie, Herr Fitoussi?

Gemäß meiner Analyse ist die Krise primär auf soziale Faktoren zurückzuführen. Sie ist die Folge zunehmender Ungleichheit weltweit, seit etwa einem Vierteljahrhundert. Diese hat zu einer notorisch schwachen Nachfrage geführt, welche wiederum durch eine expansive Geldpolitik bekämpft wurde. Diese war das wichtigste Instrument, um gegen das globale Nachfragedefizit vorzugehen.

Mit welchen Folgen?

Laxe monetäre Politik führt, so wie sie eben wirkt, zu zunehmender Verschuldung der privaten Haushalte. Die zweite Konsequenz ist der so genannte „Leverage-Effekt“: Von der größer werdenden finanziellen Ungleichheit profitierte nur ein kleiner Teil von weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Für diesen war es angesichts ihrer hohen Einkommen reizvoll, Vermögenswerte zu kaufen. Schließlich konnten sie nur auf diese Weise eine anständige Rendite erzielen. Und genau das führt immer wieder zu Vermögenspreisblasen.

Blickte man während der Entwicklung auf die volkswirtschaftliche Gesamtbilanz, so schien es kein Nachhaltigkeitsproblem zu geben. Denn die zunehmende Verschuldung auf der einen Seite wurde ausgeglichen durch zunehmende Vermögen auf der anderen. Das Grundproblem zeigt sich jedoch immer dann, wenn einen Preisblase platzt. Und gerade das ist in den vergangenen Monaten passiert.

Was brachte die Blase zum Platzen?

Jede Vermögenspreisblase platzt - früher oder später. Denn sie ist eine künstliche Abweichung vom fairen Wert. Und die kann per Definition nicht ewig dauern. Wann sie korrigieren wird, ist kaum prognostizierbar. Dass sie das tun wird, ist jedoch sicher. In den vergangenen Jahren gingen die Preise von Immobilien zunächst durch die Decke. Als die Marktteilnehmer das schließlich realisierten, führte das zu einer Welle von Insolvenzen, die durch das ganze Finanzsystem führte.

Welche Rolle spielten dabei die Ratingagenturen?

Sie haben beim Versuch, verschiedenste Wertpapiere diese Art zu bewerten, völlig versagt. Sie waren verantwortlich dafür, dass Anleger strukturierte Immobilientitel im Glauben an die zertifizierte Solidität kauften, obwohl sie an sich Ramschpapiere waren.

Wo stehen wir jetzt?

Die Regierungen der industrialisierten Staaten haben versucht, die finanziellen Konsequenzen einer systemischen Krise zu vermeiden. Aus diesem Grund retteten sie die Banken ohne Vorbedingungen und ohne größere finanzielle Provisionen. Das führt dazu, dass die Anteilseigner der Banken inzwischen wieder reicher werden, nachdem sie auf Kosten der Steuerzahler riesigen Verlusten entgangen sind. Die wahren Folgen dieser Strategie sind wieder sozialer Art. Immerhin nimmt die Arbeitslosigkeit als negative externe Folge der Krise beinahe überall zu. Faktisch zahlen also sowohl die Arbeitslosen für die Bankenkrise, als auch einige Entwicklungsländer, die weder die Mittel noch das Standing hatten, um ihre Bankensysteme zu retten. Einige in Osteuropa oder Afrika, Asien oder Lateinamerika etwa.

Mit welchen Folgen für das Wachstum?

In Europa dürfte das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2009 um etwa vier Prozent geschrumpft sein. Im kommenden Jahr wird es nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds kaum oder allenfalls minimal wachsen. Und ich denke, er hat recht.

Sie sehen also nicht das Wachstum, welches die Finanzmärkte zu antizipieren scheinen?

Nein, die Finanzmärkte befinden sich längst wieder in „Spekulationsblasenstimmung“. Der Finanzsektor ist schon wieder überhitzt. Dabei wissen wir nur sicher, nicht zu wissen, was die Banken alles in ihren Bilanzen verstecken. Trotzdem erzielen die Finanzunternehmen wieder hohe Gewinne. Das ist eine Beleidigung für die Steuerzahler.

Was würden Sie tun, wenn sie in Deutschland, Frankreich oder den Vereinigten Staaten regieren würden?

Ich würde die Banken deutlich stärker besteuern. Denn erstens würden die Steuerzahler auf diese Weise für die Rettung des Finanzsystems kompensiert werden. Zweitens würde sich das Bonusproblem von selbst lösen: Wer mehr Steuern zahlen muss, erzielt geringere Gewinne und hat demzufolge weniger Geld für solche Zahlungen übrig. Ich würde auf diese Weise über zwei Jahre sämtliche Gewinne der Banken abschöpfen.

Gehen Sie davon aus?

Nein, nicht wirklich. Denn das ist eine Frage, die sich zwischen verschiedenen Staaten nicht einfach umsetzen lassen wird. So gibt es immer Trittbrettfahrer.

Werden die Banken ausreichend reguliert?

Nein, überhaupt nicht. Das Problem besteht darin, dass die Banken entdeckt haben, mit dem Wertpapierhandel höhere Gewinne erzielen zu können, als mit dem traditionellen Geschäft der Kreditvergabe. Folglich sind sie am traditionellen Geschäft kaum noch interessiert, während das Interesse an jenen Bereichen übersteigert ist, welche zu Kurs- und Preisblasen führen. Aus diesem Grund müssen die Kapitalanforderungen deutlich erhöht werden. Ferner sollte das Investmentbanking auf globaler Ebene vom kommerziellen Bankengeschäft getrennt werden (Glass-Steagall).

Halten Sie das für realistisch?

Ironisch gesprochen: So realistisch, wie die Regulierung des CO2-Marktes auf dem Klimagipfel in Kopenhagen!

Fazit?

Da nichts Ernsthaftes dagegen unternommen wurde, wird das Ganze wieder von vorne beginnen und in den kommenden Jahren zu einer neuen Krise führen. Auf der einen Seite ist die Ungleichheit aufgrund der zugenommenen Arbeitslosigkeit nun noch größer als vor der jüngsten Krise. Auf der anderen Seite suchen viele Anleger nach hohen Renditen und werden von den Banken dazu verführt, an den Vermögensmärkten zu spekulieren.

Wieso ändern die Europäer- Angela Merkel und Nicolas Sarkozy - nichts?

Wir haben keine europäische Regierung, sondern 27 verschiedene in den einzelnen Staaten - und die müssten alle überzeugt werden. Das ist hart, zumal manche, wie Luxemburg, gerne auf dem Trittbrett fahren. Es handelt sich um ein diplomatisches Spiel, in welchem solche Staaten - unter anderem auch Großbritannien - stark unter Druck gesetzt werden müssen. Aber wer weiß, was in den kommenden zehn Jahren möglicherweise im Rahmen einer weiteren Krise alles passieren kann und wird.

Lassen Sie uns zum Schluss über Griechenland und eine mögliche Rettungsaktion reden. Wird sie kommen?

Ich bin nicht so sicher, wie real solche Probleme sind. Denn wie können wir uns auf das Urteil der Rating-Agenturen verlassen, die in den vergangenen Jahren hinlänglich bewiesen haben, dass sie völlig inkompetent sind? Es ist unglaublich, dass sie mit ihren Landerratings nun so beachtet werden. Wir sollten sie stattdessen verklagen und vor Gericht bringen. Immerhin stehen sie im Zentrum der Probleme und sie sind mit dafür verantwortlich, dass Millionen von Anlegern ihre Ersparnisse verloren haben.

Tatsächlich gibt es jedoch die Probleme in Griechenland, Irland und Spanien…

… ja, aber Irland und Griechenland sind relativ klein … und in Spanien ist es nicht so schlimm …

… nicht so schlimm? Schauen Sie sich die Wirtschaftsstruktur des Landes an und die Entwicklung der Immobilienpreise. In Spanien ist und war die Immobilienblase größer als in den Vereinigten Staaten …

.. ja, das stimmt ..

… was wird mit den Banken, den Immobilien- und Bauunternehmen des Landes passieren?

Sie werden gerettet werden. Entweder von den Regierungen oder der Europäischen Zentralbank.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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