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Hochfrequenzhandel : Keine Angst vor den Flash Boys

Machen Hochfrequenzhändler das große Geld auf Kosten des kleinen Mannes? Bild: F.A.S.

Hochfrequenzhändler zocken uns alle an der Börse ab – diese Story ruft sogar den Staatsanwalt auf den Plan. Doch sie ist falsch.

          Die Wall Street bebt. Der amerikanische Reporter Michael Lewis hat mit seinem Buch „Flash Boys“ den Generalangriff auf die weit verbreiteten Hochfrequenzhändler gestartet. Er beschuldigt sie, mit tausenden echten oder fingierten Aufträgen in Millisekunden den Aktienmarkt zu manipulieren. Seitdem berichtet jeder Fernsehsender des Landes über die „massivste Börsenkursmanipulation aller Zeiten“. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman sagt: „Ich denke, Michael hat recht“ und kündigte eine härtere Gangart gegen jene Börsen an, die Hochfrequenzhändler für viel Geld nahe an die Handelsplätze rücken lassen. Nur so ist die Manipulation überhaupt möglich.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Denn das spart den Händlern wertvolle Millisekunden und versetzt ihre Computer in die Lage, um einen winzig kleinen Augenblick „voraus“ zu sehen, wenn irgendwo auf der Welt einer eine Aktie kaufen will: die Roboter der „Flash Boys“ erteilen dann ebenfalls eine Kauforder, treiben damit den Preis der Aktie in die Höhe, stornieren diese aber gleich wieder. Der Käufer aber kauft zum nach oben manipulierten Preis – die Aktie, die der Hochfrequenzhändler loswerden will.

          Dieser Vorwurf an die Branche ist nicht neu, brandneu ist aber sein Platz ganz vorn auf der politischen Agenda, den der Hochfrequenzhandel plötzlich nach der Erscheinung von Lewis’ Buch einnimmt. 40 Prozent des Aktienmarkts in Deutschland kontrollieren Hochfrequenzhändler, die bei uns schon seit dem vergangenen Jahr reguliert werden. In Amerika macht Hochfrequenzhandel bis zu zwei Drittel aus – und steht nun auf der Kippe. Die Bundespolizei FBI hat sich eingeschaltet. Justizminister Eric Holder sagte in Washington vor dem Kongress, die „Integrität“ der Märkte sei gefährdet.

          Nehmen die Händler die kleinen Leute aus?

          Die Hochfrequenzhandelsfirma Virtu, die in „Flash Boys“ hart angegangen wird, hat ihren Börsengang abgesagt, „vorerst“. Nur ist fraglich, ob überhaupt noch irgendein Hochfrequenzhändler eine Zukunft hat, lautet der Vorwurf von Lewis doch: Die Flash Boys zocken jeden ab, nicht nur institutionelle Anleger wie den weltweit größten Vermögensverwalter Blackrock. Der hat Lewis’ Buch gleich mal genutzt, über die hohen Kosten zu klagen, die ihm Hochgeschwindigkeitshändler angeblich bescheren, wenn sie riesige Aktienpakete in Millisekunden kaufen und verkaufen. „Wenn der Hochfrequenzhandel nicht so kompliziert wäre, wäre er nicht erlaubt“, sagt Buchautor Lewis.

          Das klingt bedrohlich, verkaufsfördernd dazu. Und der Verweis auf die Komplexität schlägt alle Argumente tot, die den Hochfrequenzhandel zwar als Risiko für die Stabilität der Börsen ansehen, aber nicht als Gefahr für den kleinen Anleger.

          Ein von Computern ausgelöster Börsencrash ist tatsächlich gefährlich. Vier Jahre ist es her, dass nach falsch plazierten Orders der Dow-Jones-Index in kurzer Zeit um neun Prozent in den Keller rauschte. Doch was praktisch vergessen war, hätte das Buch „Flash Boys“ wohl niemals in die Abendnachrichten und den Staatsanwalt in Stellung gebracht. Die Warnung indes, jeder könne ins Visier der Blitzjungs geraten, die Kurse auf den Anzeigetafeln der Börsen seien nicht mehr als schöner Schein, hat das Zeug zur Staatskrise.

          Der kleine Anleger, der per Heim-PC eine Microsoft-Aktie kaufen will und dabei am anderen Ende der Leitung auf einen Hochfrequenzhändler stößt, werde von den Roboterprogrammen betrogen, sagt Lewis: „Durch ihre schnellen Leitungen sehen sie, was Du vorhast. Sie schnappen Dir die Aktie vor der Nase weg und verkaufen sie Dir dann zu einem überhöhten Preis, ohne dass Du es merkst. Auf Deine Kosten.“ Im Buch lässt er einen Kleinanleger klagen, das Herz des kapitalistischen Wirtschaftssystems blute: „Die Hochfrequenzhändler nehmen Leute wie mich aus, Leute wie meine Eltern.“

          Verlust ja, aber wie hoch?

          Ist die Börse kein demokratischer Ort mehr, wo jeder die gleichen Chancen und Risiken hat? Sind die einfachen Leute den Hochgeschwindigkeitshändlern mit ihren superschnellen Glasfaserleitungen ausgeliefert? Die Experten sind sich einig: nein. Diese Story ist eine Ente.

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