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Heidelbergcement Ein Aufstieg wie Phönix aus der Zementasche

01.06.2010 ·  Heidelbergcement brachte das Merckle-Imperium an den Rand der Pleite. Auf wundersame Weise hat sich der Konzern erholt. Und steigt jetzt in den Dax auf.

Von Carola Sonnet
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Am 4. Juni um 22 Uhr ist es so weit: Die Deutsche Börse verkündet die neue Zusammensetzung des Dax. Und Heidelbergcement wird wohl aus dem M-Dax nach oben klettern, denn laut aktuellem Börsenwert und Handelsumsatz gehört das Unternehmen schon jetzt zu den 25 größten in Deutschland.

Diese beiden Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Unternehmen von der Fast-Entry-Regel in den Dax profitieren können. Denn dessen Zusammensetzung ändert sich zwar öfter mal, der nächste Wechsel stünde aber erst im September an. Laut aktuellster Berechnung von Ende April lag Heidelcement nach Börsenwert auf Rang 22 und auf Rang 25 nach Handelsumsatz.

Mit Hanson verhoben

Einzig ein dramatischer Kurssturz könnte den Aufstieg noch gefährden. Da hat Anke Platzek, Börsenanalystin der Landesbank Baden-Württemberg, aber keine Bedenken: „Das wird nicht passieren.“ Der Heidelberger Zementhersteller hat also die Sensation geschafft: von der gerade noch abgewendeten Insolvenz im vergangenen Jahr in die Top 30 der deutschen Unternehmen.

Die Geschichte dieser Kehrtwende hat viele Facetten: erst der Poker mit den Banken, dann die erfolgreiche Refinanzierung, ein hartes Sparprogramm und eine Kapitalerhöhung. Und trotz Krise in der Baubranche hatte Heidelcement immer auch ein bisschen Glück.

Alle Facetten sind untrennbar verbunden mit dem Schicksal der Familie Merckle. Als das Familienoberhaupt Adolf Merckle am 5. Januar 2009 Selbstmord beging, gehörte ihm Heidelcement zu 80 Prozent - fast allein. Den Juristen Dirk Scheifele hatte er auserkoren, die Geschäfte zu führen, er galt als sein Ziehsohn. Der Zementhersteller war zwar einer der größten der Welt, aber mit 12 Milliarden Euro vollkommen überschuldet.

Mit der Übernahme des britischen Konkurrenten Hanson für 14 Milliarden Euro hatte sich Merckle übernommen. „Er kaufte zu einem schlechten Zeitpunkt für einen zu hohen Preis im falschen Markt“, erklärt Marc Gabriel, Analyst des Bankhauses Lampe, das Problem. Zwar war die Übernahme für Heidelcement die einzige Möglichkeit, den Abstand zu den großen Konkurrenten Holcim und Lafarge zu verkleinern. Aber kurz danach brachen die Finanzmärkte zusammen.

Durch die Krise

Vor der Krise hätte sich Merckle über seine VEM Vermögensverwaltung vermutlich noch refinanzieren können. Doch er hielt am Konsortialkredit der Banken fest, die Bedingungen waren günstig. Als ihm dann die Schulden seines Firmenkonglomerats über den Kopf wuchsen, nahm er sich das Leben.

Der Aktienkurs sank stark. Heidelcement-Chef Scheifele musste die Kreditverträge einhalten, deshalb wagte er im Juni 2009 die kritische Refinanzierung. Denn schon im Juli hätten die Banken die Kredite fällig stellen können. „Es war ein Pokerspiel für Heidelbergcement und die Banken“, sagt Matthias Hellstern, Experte für europäische Baustoffunternehmen bei der Ratingagentur Moody's. Denn hätte auch nur eine der Banken darauf bestanden, ihr Geld sofort zurückzubekommen, wäre das Kartenhaus zusammengebrochen.

„Man muss den Hut davor ziehen, dass Heidelbergcement das geschafft hat“, findet Hellstern. Mit 8,7 Milliarden Euro schaffte es die größte Refinanzierung, die im vergangenen Jahr weltweit umgesetzt wurde. Scheifele hatte seine Chance bekommen und sie genutzt. Er sorgte dafür, dass die Firma massiv sparte. Allein im zweiten Quartal 2009 reduzierte er die Schulden um 700 Millionen Euro. 15.000 Mitarbeiter wurden in den vergangenen zwei Jahren entlassen, hauptsächlich in Amerika und Großbritannien, wo die Aufträge besonders stark zurückgegangen waren.

Kapitalerhöhung macht Dax-reif

Das reichte noch nicht. Um sich aus der Umklammerung der Banken zu befreien, musste mehr Geld eingesammelt werden. Ein strategischer Investor fehlte, also folgte Plan B: die Kapitalerhöhung.

Trotz Einbruch in der Baubranche hatten die Heidelberger Glück und erwischten das richtige Zeitfenster: Im September 2009 erholten sich die Finanzmärkte wieder. Auf einen Schlag konnte Heidelcement 2,25 Milliarden Euro einsammeln - 37 Euro kostete jede Aktie. Der Verkauf der Anteile von Ludwig Merckle und der Aktien einiger Banken brachte weitere 2,1 Milliarden Euro. Konzernchef Scheifele konnte schon einen Teil der 11,3 Milliarden Euro Schulden abbauen. Bis 2011 will er sie von derzeit 8,4 Milliarden Euro auf fünf Milliarden Euro reduzieren.

Die VEM Vermögensverwaltung von Merckle hält seit der Kapitalerhöhung nur noch 24,4 Prozent der Aktien. Der Anteil der frei handelbaren Papiere stieg damit dramatisch und mit ihm auch der für die Fast-Entry-Regel ausschlaggebende Handelsumsatz. Die Analysten empfehlen die Aktie wieder mehrheitlich zum Kauf, seit die Firma 4,5 Milliarden Euro frisches Kapital in einem Markt eingesammelt hat, der alles andere als positiv gestimmt war. Der Aktienkurs von Heidelcement „kennt nur noch eine Richtung: die nach oben“, sagt Analyst Marc Gabriel.

Der Aufstieg der Baubranche ist wichtiger

Trotzdem, so sagt er, dürfte der Dax-Aufstieg bei den meisten Anlegern keine besondere Aufregung mehr auslösen. Ob der Kurs langfristig vom Aufstieg in den Dax profitiert, hält er zumindest für fraglich. Auch bei Dax-Aufsteigern wie K+S und Salzgitter habe es allein durch den Dax-Eintritt keine nachhaltigen Kursgewinne gegeben. Eine Rolle wird dabei spielen, wie schnell sich die Baubranche von der Krise erholt. Die ersten Quartalszahlen 2010 waren geprägt vom harten Winter in Europa und Amerika. Aber falls sich die Baubranche hier von dem Einbruch erholt, wird sich das zuerst bei Heidelcement bemerkbar machen.

Anders sieht es in Asien aus, dort wächst der Markt zweistellig. Dort sind aber auch die Konkurrenten von Heidelcement gut positioniert. Heidelcement rechnet nun mit zunehmendem Wachstum in China, Indien, Indonesien und Bangladesch. Australien sollte insbesondere im zweiten Halbjahr 2010 von der starken Rohstoffnachfrage in Asien profitieren.

Der Bundesverband der Deutschen Zementindustrie (BDZ) erklärt das mit der zunehmenden Verstädterung und reger Bautätigkeit in Metropolen. Die Nachfrage nach Wohnraum und Infrastruktur wächst. „Während der Wohnungsbau in Deutschland seit Jahren schrumpft, wächst er in Asien stark“, sagt Andreas Kern, Präsident des BDZ. Trotzdem ist er auch für die deutsche Bauindustrie vorsichtig optimistisch: „Den Boden haben wir jetzt erreicht.“ Spätestens 2011 werde auch die Industrie wieder mehr investieren und neue Hallen und Gebäude bauen.

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