Home
http://www.faz.net/-gv7-x2vs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Handelsumsätze stark gefallen Börsenaktien im Abseits

04.06.2008 ·  Einst Lieblinge der Anleger werden die Aktien der großen Börsenbetreiber in diesem Jahr abgestraft. Mangelnde Übernahmephantasie und wachsende Konkurrenz belasten die Aktienkurse. Die Handelsumsätze fielen im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent.

Von Daniel Mohr und Norbert Kuls
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Den Aktien der großen Börsenbetreiber ist in diesem Jahr eines gemeinsam: Sie sind von der Favoritenliste der Anleger auf die Verkaufslisten gewandert. Ihre Aktien gehören im Jahr 2008 zu den großen Verlierern, nachdem sie zuvor stark von den Börsenturbulenzen im Zeichen der Kreditkrise und den damit verbundenen hohen Handelsumsätzen profitiert hatten.

Doch diese Zeit scheint vorbei. Am Montagabend vermeldete die Deutsche Börse für den Mai gegenüber dem Vorjahr um 27 Prozent gefallene Handelsumsätze auf dem elektronischen Handelssystem Xetra. Bereits seit Februar hatte der Frankfurter Börsenbetreiber nur noch von stagnierenden oder leicht fallenden Handelsumsätzen berichten können. Zuvor hatte die Deutsche Börse regelmäßig neue Rekordumsätze und Umsatzverdopplungen vermeldet.

Diese Nachrichten hatten die Aktie zum größten Gewinner im Deutschen Aktienindex Dax im Jahr 2007 gemacht. Seit Jahresanfang liegt der Kurs nun mit fast 40 Prozent im Minus. Schlechter entwickelten sich im Dax nur die Papiere der Hypo Real Estate. Allein am Dienstag ging es in Reaktion auf die schwachen Zahlen zu den Handelsumsätzen für die Aktie der Deutschen Börse nochmals um 4 Prozent nach unten.

Den Amerikanern ergeht es nicht besser

Wie in Deutschland fürchten auch in den Vereinigten Staaten die Anleger weitere Rückgänge der Handelsvolumina an den Börsenplätzen, weil die Brisanz der Kreditkrise in den vergangenen Wochen etwas nachgelassen hat. So ist der Aktienkurs der größten amerikanischen Terminbörse CME Group seit Anfang des Jahres um 40 Prozent eingebrochen. Damit wurden die Kursgewinne der vergangenen zwei Jahre ausradiert. Der Kurs der Nyse Euronext, Betreiber der weltgrößten Aktienbörse New York Stock Exchange sowie der europäischen Mehrländerbörse Euronext, zu der auch die Londoner Terminbörse Liffe gehört, liegt mit 29 Prozent im Minus. Und der Kurs ihres Erzrivalen Nasdaq OMX Group ist um 32 Prozent abgesackt.

Zu der Sorge um sinkende Handelsumsätze gesellt sich immer mehr die Befürchtung des Entstehens größerer Konkurrenz durch alternative elektronische Handelssysteme. „Die Börsen waren traditionell Monopole und sehen sich jetzt einem Wettbewerb ausgesetzt“, sagt Larry Tabb, Präsident der Beratungsgesellschaft Tabb Group. In jüngster Zeit sind einige alternative Systeme für elektronischen Handel entstanden. Dahinter stehen große Kunden der Börsen. Die Investmentbank Goldman Sachs und elf andere Finanzfirmen, darunter der große Hedge-Fonds Citadel, planen derzeit einen alternativen Terminmarkt, der die Dominanz der CME angreifen könnte.

Neue Anbieter drücken die Preise

Auch in Europa locken die hohen Gewinnmargen der Börsenbetreiber Konkurrenz an. Namhafte Großbanken (Deutsche Bank, Citigroup, UBS, Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley, BNP Paribas, Société Générale und Crédit Suisse) wollen im Herbst mit ihrer alternativen Handelsplattform Turquoise nach einigen Anlaufschwierigkeiten an den Start gehen. In London erzielt bereits seit Anfang 2007 die Plattform Chi-X beachtliche Erfolge. „Diese neuen Anbieter werden den etablierten Börsenplätzen Umsätze abnehmen und zudem die Preise drücken“, sagt Konrad Becker, Analyst der Privatbank Merck Finck & Co.

Der Aktienkurs der London Stock Exchange (LSE) hat sich seit Jahresanfang halbiert und ist am Dienstag auf den tiefsten Stand seit einem Jahr gefallen. Neben der Konkurrenz leidet die Aktie unter dem Wegfall ihres größten Kurstreibers - den Übernahmespekulationen. Nach einigen größeren Übernahmen in der Branche sind die Spekulationen auf weitere Transaktionen dieser Größenordnung erst einmal stark abgeflacht.

Einige Analysten halten die gesunkenen Kurse der Börsenaktien nun für attraktive Kaufgelegenheiten. Die Deutsche-Börse-Aktien werden von der Mehrheit der Analysten für kaufenswert gehalten, schließlich verfüge sie weiter über ein margenstarkes Geschäftsmodell, und der Xetra-Handel spiele zwar eine wichtige, aber für die Gewinne nicht alles entscheidende Rolle.

Nasdaq wieder auf dem Vormarsch

Roger Freeman von der Investmentbank Lehman Brothers hat jüngst die Bewertung der Nasdaq OMX auf „übergewichten“ angehoben. Nasdaq OMX betreibt den zweitgrößten amerikanischen Aktienmarkt Nasdaq sowie seit kurzem auch die nordeuropäische Mehrländerbörse OMX. Dazu übernimmt das Unternehmen derzeit die Börse Philadelphia, die ein starkes Optionsgeschäft betreibt. Befürchtungen, dass die Nasdaq möglicherweise noch einmal für die Londoner Börse LSE bieten könnte, und die Sorgen um ein nachlassendes Handelsvolumen seien in der derzeitigen Bewertung bereits reflektiert. Die Nasdaq hatte im vergangenen Jahr erfolglos versucht, die LSE zu kaufen.

Für die CME sieht es derweil weiter recht düster aus. Das amerikanische Justizministerium fordert eine Abtrennung der Wertpapierabwicklung bei Terminbörsen, da es sonst für neue Konkurrenten schwierig sei, in diesen Markt einzudringen. Die Wertpapierabwicklung ist jedoch ein lukratives Geschäft für die Börse. Der fallende Aktienkurs der CME bringt zudem die geplante Übernahme der Rohstoff-Terminbörse Nymex ins Wanken - das Angebot in bar und CME-Aktien ist nurmehr 9 statt 11 Milliarden Dollar wert. Aktionäre der Nymex, die der Übernahme noch zustimmen müssen, fordern Nachbesserungen der Offerte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%