19.10.2005 · Biotechnologie-Aktien werden von der Börse hoch bewertet. Man erwartet von ihnen offenbar nicht weniger als eine Revolution. Sehr gut ist einfach nicht genug - deswegen dürfte die Rally der Gilead-Aktie vorläufig nicht weitergehen.
Biotechnologie-Aktien, so möchte man bisweilen meinen, haben immer noch die Aura des Geheimnisvollen, vergleichbar etwa mit dem Stein der Weisen, mit dessen wunderkräftiger Hilfe die Alchemisten des Mittelalters unedle Metalle in Gold oder Silber verwandeln wollten.
Viele Anleger scheinen von dieser Disziplin zu erwarten, daß sie einst alle großen und kleinen Geißeln der Menschheit ausrotten und die konventionelle Pharmazie ablösen wird. Nur so läßt sich die bisweilen aberwitzige Bewertung so mancher Biotechnologie-Aktie erklären.
Satte Gewinnsteigerungen mit AIDS-Medikamenten
Dabei ist die Wirklichkeit viel profaner. Pharmazie und Biotechnologie beginnen zusammenzuwachsen, wie sich in Übernahmen und Beteiligungen von Pharmafirmen an Biotech-Unternehmen zeigt. Und von diesen machen einige mittlerweile gute Umsätze und verzeichnen deutliche Gewinnsteigerungen ohne die Welt zu revolutionieren, wie es sich für am Markt erfolgreiche Unternehmen eben gehört.
Dazu gehört auch Gilead Sciences, die besonders im Bereich der AIDS-Behandlung aktiv sind. Im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres konnte das Unternehmen den Nettogewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 58 Prozent auf 179,2 Millionen Dollar und den Gewinn je Aktie auf 0,38 von 0,25 Dollar je Aktie steigern. Damit stieg der Gewinn auch überproportional zum Umsatz, der um 51 Prozent auf 493,5 Millionen Dollar zulegte. Überraschend waren die Zahlen indes nicht. Analysten hatten im Durchschnitt ein Ergebnis je Aktie von 0,37 Dollar und einen Umsatz von 488 Millionen Dollar erwartet.
Besonders gut entwickelte sich der Umsatz der HIV-Medikamente, der insgesamt um 59 Prozent auf 363,5 Millionen Dollar zunahm und damit fast drei Viertel der Erlöse einbrachte. Mit „Truvada“ wurden 32 Prozent mehr und insgesamt 162,4 Millionen Dollar eingenommen. Das neuere Medikament konnte damit den leichten Umsatzrückgang beim Präparat „Viread“ mehr als wettmachen, der um zwei Prozent auf 189,4 Millionen Dollar zurückging. Nach Ansicht von Gilead war dies vor allem durch den Umstieg von Patienten auf „Truvada“ bedingt.
Ärger mit Roche und der Vogelgrippe
Noch stärker konnte Gilead den Umsatz bei „Hepsera“ steigern, einem Medikament gegen Hepatitis B. Hier legte der Umsatz um 58 Prozent auf 46,9 Millionen Dollar zu, das Pilzinfektionspräparat „AmBisome“ kam dagegen nur auf ein Plus von 9,8 Prozent auf 54,7 Millionen Dollar. Ein hübsches Zubrot stellen die Lizenzeinnahmen für das Grippemittel „Tamiflu“ dar, das von der Roche Holding vermarktet wird. Diese stiegen um mehr als das Siebenfache auf 12,1 Millionen Dollar - nicht zuletzt dank der Sorgen über eine mögliche pandemische Entwicklung der Vogelgrippe.
Indes ist gerade „Tamiflu“ derzeit für Gilead ein Ärgernis. Im Juni hatte Gilead das Lizenzabkommen gekündigt mit der Begründung, Roche habe gegen das Abkommen materiell verstoßen. Vor allem geht es letzlich um die Beteiligung an den Erlösen, die sich im ersten Halbjahr 2005 auf 452 Millionen Dollar vervierfacht hatten. Gilead begründet die Kündigung mit mangelhaftem Marketing, Herstellungsproblemen und der Zurückhaltung von Lizenzgebühren. Wahrscheinlich will man aber einfach nur mehr Geld. Denn die Lizenz wurde 1996 erteilt, zu einem Zeitpunkt, als Gilead 33,4 Millionen Dollar im Jahr umsetzte und einen Nettoverlust von 21,7 Millionen verzeichnete, sich die HIV-Medikamente noch in teilweise frühen Entwicklungsstadien befanden und die Abkommen mit Roche noch die Haupteinnahmequelle darstellten.
Kleine Rückschläge und große Erwartungen...
Wie auch immer die mittlerweile eingeleiteten Nachverhandlungen ausgehen mögen, Wachstumsmöglichkeiten hat Gilead noch genug. So möchte man gern die Umsätze von „Truvada“ dadurch beschleunigen, daß man dem Konkurrenzprodukt Combivir von GlaxoSmithKline noch mehr Marktanteile abnimmt. Bislang haben nur zehn Prozent der Patienten zu „Truvada“ gewechselt.
Gescheitert sind dagegen in diesem Quartal zum zweiten Mal die Versuche „Truvada“ mit dem Bristol-Myers Squibb-Präparat „Sustiva“ zu einer einmal täglich eingenommenen Tablette zu kombinieren. Da in der komplexen AIDS-Behandlung bei Kombi-Präparaten die Gefahr von Fehl- oder unzureichenden Dosierungen sinkt, rechnen sich beide Partner im Erfolgsfall gute Marktchancen aus. Doch mit dem erhofften Zulassungsantrag für das Medikament wird es in diesem Jahr angesichts des Rückschlags nichts mehr.
Aus den großen Erwartungen und den kleinen Rückschlägen erklärt sich, warum die Aktie von Gilead am Mittwoch auch keinerlei Anstalten macht, sich nach oben zu bewegen und vor allem, warum sie am Dienstag nachbörslich 2,4 Prozent nachgab.
... werden wohl für eine Pause in der Rally sorgen
„Es war ein äußerst solides Quartal und untermauert die These, daß Gilead mit seinen HIV-Medikamenten klarer Marktführer ist“, sagt Jason Kantor, Analyst bei RBC Capital Markets. Doch Anlegern auf der Suche nach dem Stein der Weisen ist das eben nicht genug. „Die Leute erwarten, daß Gilead die Erwartungen um zwei, drei oder vier Cents übertrifft und das hat das Unternehmen diesmal nicht getan“, sagt Geoffrey Porges, Analyst bei Sanford C. Bernstein. „Daher meine ich, daß die Aktie unter Druck kommen wird“.
Denn die hohen Erwartungen sind bei einer Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 31 für das laufende und 27 für das kommende Geschäftsjahr nun einmal im Aktienkurs drin. Schon in den vergangenen Wochen hat das Papier, das in den vergangenen sieben Jahren praktisch nur den Weg nach oben kannte, eine Verschnaufpause eingelegt und daran dürfte sich wohl jetzt nichts ändern. Zumindest solange nicht, bis Gilead mit einem neuen Medikament, einer neuen Dosierung oder höheren Lizenzeinnahmen aus Tamiflu aufwarten kann. Das dürfte die Phantasie wieder beflügeln - allen Bewertungen zum Trotz.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |