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Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Hatzius : „Jeder will gerade eine schwache Währung haben“

  • Aktualisiert am

Jan Hatzius Bild: MICHAEL FALCO/The New York Times

Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius ist Berater des Haushaltsbüros des amerikanischen Kongresses. Er spricht über die Erholung Amerikas, günstige Aktien und die Ursache der Euro-Krise.

          Wir Deutschen machen uns ja gern Sorgen. Dürfen wir uns noch welche über die Vereinigten Staaten machen, nachdem jetzt viele bessere Konjunkturzahlen bekannt geworden sind, einschließlich einer wieder sinkenden Arbeitslosenquote?

          Ökonomen machen sich auch gern Sorgen. Deutsche machen sich gern Sorgen. Deutsche Ökonomen machen sich ganz besonders gern Sorgen. Ich glaube allerdings, dass es in Amerika schon merkliche Fortschritte gegeben hat in den vergangenen Jahren.

          Welche?

          Die Amerikaner haben stark über ihre Verhältnisse gelebt von ungefähr 1997 bis 2007, enorm Schulden angehäuft über Finanzdefizite im privaten Sektor, die man so noch nie gesehen hatte. Im Jahr 2007 waren es zum Beispiel 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das hat sich jetzt wirklich umgedreht. In den letzten Jahren haben wir im Privatsektor große Überschüsse gesehen von bis zu 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, jetzt sind es ungefähr 6 Prozent. Einfach gesagt: Die Amerikaner sparen jetzt, zahlen Schulden zurück, bauen Finanzvermögen auf.

          Im Gegensatz zur besseren Entwicklung der privaten Verschuldung hat der amerikanische Staat infolge der Krise nun einen deutlich höheren Schuldenstand, ungefähr 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Auf dem Markt rentieren amerikanische Staatsanleihen gleichwohl sehr niedrig - warum eigentlich?

          Die niedrigen Renditen sind begründet. Die kurzfristigen Defizite im amerikanischen Staatshaushalt sind in erster Linie das Gegenstück zu den Überschüssen des privaten Sektors. Das Defizit des öffentlichen Sektors lag im Jahr 2007 bei nur 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ist in der Krise dann aber auf 10 Prozent angestiegen. Wenn man glaubt, dass der private Sektor nicht für immer in diesem Ausmaß mit seiner Entschuldung voranschreitet, dann wird das über mittlere Sicht auch wieder zu einem geringeren öffentlichen Defizit führen. Solange der private Sektor der Antreiber ist und der öffentliche Sektor sozusagen nur reagiert, gibt es direkt eine Finanzierungsquelle für die Staatsdefizite.

          Wieso?

          Weil die Privaten ja etwas mit ihren Überschüssen machen. Sie leihen sich weniger Geld für Privat- oder Immobilienkredite oder sie häufen sicherere Anlagen an wie zum Beispiel amerikanische Staatsanleihen. Deswegen ist gar nicht so überraschend, dass wir in den vergangenen Jahren einen starken Anstieg der Neuverschuldung der Vereinigten Staaten gesehen haben, und trotzdem die Zinsen niedrig sind. Ich erwarte, dass das auch über die kommenden Jahre so bleiben wird.

          Anleger beobachten die Höhe der Arbeitslosigkeit in Amerika genau. Geht sie weiter zurück?

          Wir erwarten, dass die Arbeitslosenquote ungefähr auf dem aktuellen Niveau von 8,5 Prozent bleiben wird im Verlauf dieses Jahres. Einen Rückgang der Arbeitslosenquote könnte man sehen, wenn die Erwerbsquote weiter zurückgeht, womit wir aber nicht rechnen.

          Wird die amerikanische Zentralbank noch einmal ein Programm beschließen ("Quantitative Easing", QE), mit dem sie mehr Geld in Umlauf bringt?

          Die besseren Konjunkturzahlen der letzten Zeit haben die Wahrscheinlichkeit eines neuen QE etwas gesenkt, allerdings liegt sie immer noch bei mehr als 50 Prozent. Und zwar deswegen, weil die Fed immer noch der Ansicht ist, dass die wirtschaftliche Erholung zu langsam verläuft. Sie würde lieber die Normalisierung des Arbeitsmarktes beschleunigen und der Wirtschaft dafür einen Schub geben. Das ist in Amerika übrigens ja auch nichts Unanständiges.

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