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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Hatzius „Jeder will gerade eine schwache Währung haben“

18.01.2012 ·  Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius ist Berater des Haushaltsbüros des amerikanischen Kongresses. Er spricht über die Erholung Amerikas, günstige Aktien und die Ursache der Euro-Krise.

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Wir Deutschen machen uns ja gern Sorgen. Dürfen wir uns noch welche über die Vereinigten Staaten machen, nachdem jetzt viele bessere Konjunkturzahlen bekannt geworden sind, einschließlich einer wieder sinkenden Arbeitslosenquote?

Ökonomen machen sich auch gern Sorgen. Deutsche machen sich gern Sorgen. Deutsche Ökonomen machen sich ganz besonders gern Sorgen. Ich glaube allerdings, dass es in Amerika schon merkliche Fortschritte gegeben hat in den vergangenen Jahren.

Welche?

Die Amerikaner haben stark über ihre Verhältnisse gelebt von ungefähr 1997 bis 2007, enorm Schulden angehäuft über Finanzdefizite im privaten Sektor, die man so noch nie gesehen hatte. Im Jahr 2007 waren es zum Beispiel 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das hat sich jetzt wirklich umgedreht. In den letzten Jahren haben wir im Privatsektor große Überschüsse gesehen von bis zu 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, jetzt sind es ungefähr 6 Prozent. Einfach gesagt: Die Amerikaner sparen jetzt, zahlen Schulden zurück, bauen Finanzvermögen auf.

Im Gegensatz zur besseren Entwicklung der privaten Verschuldung hat der amerikanische Staat infolge der Krise nun einen deutlich höheren Schuldenstand, ungefähr 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Auf dem Markt rentieren amerikanische Staatsanleihen gleichwohl sehr niedrig - warum eigentlich?

Die niedrigen Renditen sind begründet. Die kurzfristigen Defizite im amerikanischen Staatshaushalt sind in erster Linie das Gegenstück zu den Überschüssen des privaten Sektors. Das Defizit des öffentlichen Sektors lag im Jahr 2007 bei nur 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ist in der Krise dann aber auf 10 Prozent angestiegen. Wenn man glaubt, dass der private Sektor nicht für immer in diesem Ausmaß mit seiner Entschuldung voranschreitet, dann wird das über mittlere Sicht auch wieder zu einem geringeren öffentlichen Defizit führen. Solange der private Sektor der Antreiber ist und der öffentliche Sektor sozusagen nur reagiert, gibt es direkt eine Finanzierungsquelle für die Staatsdefizite.

Wieso?

Weil die Privaten ja etwas mit ihren Überschüssen machen. Sie leihen sich weniger Geld für Privat- oder Immobilienkredite oder sie häufen sicherere Anlagen an wie zum Beispiel amerikanische Staatsanleihen. Deswegen ist gar nicht so überraschend, dass wir in den vergangenen Jahren einen starken Anstieg der Neuverschuldung der Vereinigten Staaten gesehen haben, und trotzdem die Zinsen niedrig sind. Ich erwarte, dass das auch über die kommenden Jahre so bleiben wird.

Anleger beobachten die Höhe der Arbeitslosigkeit in Amerika genau. Geht sie weiter zurück?

Wir erwarten, dass die Arbeitslosenquote ungefähr auf dem aktuellen Niveau von 8,5 Prozent bleiben wird im Verlauf dieses Jahres. Einen Rückgang der Arbeitslosenquote könnte man sehen, wenn die Erwerbsquote weiter zurückgeht, womit wir aber nicht rechnen.

Wird die amerikanische Zentralbank noch einmal ein Programm beschließen ("Quantitative Easing", QE), mit dem sie mehr Geld in Umlauf bringt?

Die besseren Konjunkturzahlen der letzten Zeit haben die Wahrscheinlichkeit eines neuen QE etwas gesenkt, allerdings liegt sie immer noch bei mehr als 50 Prozent. Und zwar deswegen, weil die Fed immer noch der Ansicht ist, dass die wirtschaftliche Erholung zu langsam verläuft. Sie würde lieber die Normalisierung des Arbeitsmarktes beschleunigen und der Wirtschaft dafür einen Schub geben. Das ist in Amerika übrigens ja auch nichts Unanständiges.

Kritiker sagen, bisher war die Wirkung der beiden QE-Programme eher verhalten, noch mehr Geld zu drucken bringt also nichts.

Dass die Wirkung eher verhalten war, würde ich gar nicht bestreiten. Die Frage ist aber, ob die Programme aus Sicht einer einfachen Kosten-Nutzen-Analyse positiv sind oder nicht. Natürlich dürfte der Ankauf von amerikanischen Staatsanleihen selbst keinen sehr großen Effekt haben auf das Wirtschaftswachstum. QE2 hat nach unserer Analyse einen tendenziell positiven Einfluss auf das Wachstum gehabt, genauso wie "Operation Twist"...

... also der Kauf von Staatsanleihen mit langen Restlaufzeiten und der Verkauf von Staatsanleihen mit kurzen Restlaufzeiten ...

... einen tendenziell positiven Wachstumseinfluss hatten. QE1 hatte einen sehr großen Einfluss, den man aber im Zusammenhang mit den anderen Maßnahmen sehen muss, mit denen die Wirtschaft 2008 und 2009 stabilisiert worden ist. Gleichzeitig sind die Kosten quantitativer Lockerungsprogramme sehr gering zumal in einer Phase, in der die Inflationsraten eher zu niedrig sind.

Wann kommt QE3 und was wird der Auslöser sein?

Wir glauben, es kommt im zweiten Quartal. Aber das hängt natürlich von den Wirtschaftszahlen ab. Ein weiterer Auslöser könnte das Auslaufen von "Operation Twist" im Juni sein. Die Frage ist, ob die Federal Reserve eher wieder erst ein Programm auslaufen lässt, bevor sie ein neues beschließt - nach den beiden letzten Malen sind sowohl die Wirtschaftszahlen als auch die Märkte schwächer geworden. Das heißt nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang gab, aber das weiß man eben nicht genau. Ein neues Programm wird eher über den Kauf von Hypotheken kommen und nicht über Staatsanleihekäufe.

Spielt in solchen Überlegungen eigentlich auch der Wechselkurs eine Rolle? Der Außenwert des Euro ist in den vergangenen sechs Monaten ja von rund 1,50 auf nun 1,26 Dollar gefallen, als fundamental gerechtfertigt gilt ein Niveau von 1,20 Dollar - das ist aber vielleicht den Vereinigten Staaten gar nicht so recht, zumal der Export in der aktuellen Erholung eine größere Rolle gespielt hat als nach vergangenen Krisen?

Man hätte sicher lieber einen schwächeren Dollar. Das darf die Fed nicht offen sagen, weil die Dollar-Politik in die Zuständigkeit des Finanzministers fällt. Klar ist aber auch, dass der Wechselkurs ein Transmissionsmechanismus der Geldpolitik ist, deshalb spielt natürlich eine Rolle, wo die Währung steht.

Gibt es, um auf diese Seite des Atlantiks zu wechseln, auf Seiten der Europäischen Zentralbank ein Interesse an einem schwächeren Euro, obwohl die EZB natürlich im Gegensatz zur Fed offiziell kein Mandat hat, sich auch um die Konjunkturbelebung zu kümmern?

Grundsätzlich ist das Interesse von Zentralbanken und Wirtschaftspolitikern an einer schwächeren Währung überall auf der Welt sicher ein Indiz dafür, dass wir auf der Welt aktuell eine Situation der Nachfrageschwäche haben. Wenn insgesamt eine Überhitzung vorliegen würde, dann würden alle eine stärkere Währung bevorzugen. Das ist in Europa so wie in Amerika - auch wenn das nicht immer so offen gesagt wird. Die EZB wird sich so sicher nicht äußern.

Kann Deutschland, dessen gesamtwirtschaftliche Entwicklung verglichen mit einigen Nachbarländern ziemlich robust ist, eine Rezession vermeiden?

Unsere Erwartung für Deutschland in den nächsten zwei Quartalen ist in etwa Stagnation, gefolgt von einer graduellen Erholung. Für die Eurozone insgesamt erwarten wir ein negatives Wirtschaftswachstum von minus 0,8 Prozent, wobei die Konjunktur am Ende des Jahres stärker sein wird als im ersten Halbjahr. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern werden aber groß sein.

Senkt die EZB abermals die Zinsen?

Unsere Basisvorhersage ist das nicht, aber möglich ist es durchaus.

Sie sagen, wir können in Europa eigentlich nicht von einer Staatsschuldenkrise sprechen, wenn es um die Ursache der aktuellen Krise geht. Das steht in Widerspruch zumal zu den Ansichten vieler deutscher Ökonomen.

Wenn man sich die Diagnose ansieht und schaut, wo wir standen im Jahr 2007, also am Vorabend der Krise, dann ist nicht zu erkennen, dass überhöhte Neuverschuldung in den Peripherieländern der Auslöser für die Krise war. Durchschnittlich betrug die Neuverschuldung der fünf Krisenländer Griechenland, Italien, Spanien, Irland und Portugal im Jahr 2007 weniger als 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das ist nichts Dramatisches. Dagegen waren die finanziellen Defizite im privaten Sektor enorm. In Spanien waren das zum Beispiel 12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, im Durchschnitt der Fünfergruppe waren es ungefähr 5 Prozent.

Was haben wir aus Ihrer Sicht für eine Krise?

Eine der Zahlungsbilanz, die wesentlich aus dem Aufbau privater Schulden resultierte und die über private Kapitalzuflüsse in die Euro-Peripherie finanziert wurde.

Bis die Finanzkrise kam und viele private Schulden über Rettungsmaßnahmen auf den öffentlichen Sektor übertragen wurden.

Natürlich. Jetzt sind die Defizite in den Krisenländern sehr groß, im Durchschnitt 6 Prozent für 2011.

Was sollte getan werden?

Meine aktuelle Sorge ist, dass derzeit ein zu großes Gewicht auf die zweifellos notwendige Konsolidierung der öffentlichen Haushalte liegt im Verhältnis zu der Zeit, die der private Sektor zur Anpassung braucht. Das kann man kontrovers diskutieren, weil sicher auch Konsolidierungsversprechen und -taten am Markt überzeugen können und die Situation verbessern helfen. Die Frage der richtigen Konsolidierungsgeschwindigkeit ist übrigens auch in den Vereinigten Staaten noch ungeklärt.

Was sollen Anleger denn in dieser Situation machen - kaufen, solange die Kanonen donnern?

Aktien sind momentan sicher sehr günstig bewertet, und zwar global. Gerade in den nächsten Monaten stehen aber viele Herausforderungen ins Haus, deswegen sind wir als Haus derzeit noch eher defensiv ausgerichtet für die Aktienmärkte.

Mark Twain sagte mal, Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Wird 2012 wie 2011 klingen?

Ende 2010 hatten sich die Wirtschaftszahlen verbessert, Ende 2011 auch, aber wir werden mit Blick auf das Wirtschaftswachstum zumal in den Vereinigten Staaten etwa eine Fortsetzung des vergangenen Jahres sehen, in Europa im Laufe des Jahres eine Stabilisierung.

Das Gespräch führte Alexander Armbruster.

Quelle: F.A.Z.
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