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Giganten der Börse Zwischen Google und Goldman liegt die ganze Welt

21.01.2010 ·  Die Investmentbank und die Suchmaschine sind mehr als nur Unternehmen. Ihre Gewinne und die Entwicklung ihrer Aktien stehen auch für Grenzfragen, die von den Gesellschaften selbst beantwortet werden müssen.

Von Alexander Armbruster
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Einen Tag und einundzwanzig Stunden, so lange dauert die Autofahrt über die Interstate 80 von einem Giganten zum anderen. Von der amerikanischen Westküste an die Ostküste. Von der 1600 Amphitheatre Parkway in Mountain View, Kalifornien, zur 85 Broad Street in New York. Von der Zentrale des Internetsuchmaschinenbetreibers Google zum Sitz der Investmentbank Goldman Sachs.

Google und Goldman, die beiden großen Gs des amerikanischen Aktienmarktes, zeigen an diesem Donnerstag, wie viel Geld sie im Krisenjahr 2009 verdient haben.Google hat nach Mehrheitsmeinung der professionellen Beobachter netto mehr als fünf Milliarden Dollar Gewinn gemacht und wird seine tatsächlichen Zahlen nach Börsenschluss präsentieren. Goldman vermeldete mit rund 12,2 Milliarden Dollar mehr als das Doppelte dessen. Und das in einem Jahr, das für viele andere Unternehmen schlimm gewesen ist - so sie es überhaupt überstanden.

Entfernung spielt keine Rolle

Nun gleichen sich Google und Goldman auf den ersten Blick kaum. Sie beackern völlig unterschiedliche Geschäftsfelder. Mehr als 4700 Kilometer sind sie voneinander entfernt, geographisch und, man könnte auch sagen: kulturell. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Solche zumal, die für ihren jeweiligen Erfolg mitverantwortlich sind und die zeigen, dass Google und Goldman viel mehr sind als nur erfolgreiche Unternehmen.

Die erste lautet schlicht: Entfernung spielt keine Rolle. Google und Goldman verdienen Geld per Mausklick. Jedes Mal, wenn ein Internetnutzer über Google Informationen sucht, schaltet das Unternehmen passgenau Werbung dazu. Wird sie angeklickt, klingelt es in der Google-Kasse. Damit die richtige Werbung auf der richtigen Seite erscheint, haben Googles Programmierer einen komplizierten Algorithmus ausgeklügelt, über den nur bekannt ist, dass es ihn gibt. Wie er genau funktioniert, das ist Betriebsgeheimnis.

Google steht für rund 40 Prozent aller mit Werbung im Internet erzielten Erlöse. Seine Marktführerschaft steht ebenso wenig in Frage wie die Tatsache, dass die Vision der beiden Gründer Larry Page und Sergey Brin (bisher) nicht Realität geworden ist. "Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen", heißt es auf der Firmenhomepage unter der Rubrik Unternehmensprofil gleich zu Beginn.

Ein Goldman-Algorithmus?

Goldman verdient sein Geld ebenfalls mittels hochleistungsfähiger Datenübertragungs- und -verarbeitungssysteme. Die Händler der Investmentbank können millisekundenschnell Wertpapiere kaufen und verkaufen - von überall auf der ganzen Welt nach überall auf der ganzen Welt. Außerdem organisieren die Goldmänner für ihre Kunden alle denkbaren Formen der Unternehmensfinanzierung. Wieso Goldman besser abschneidet als viele Wettbewerber, ist ebenfalls Betriebsgeheimnis. Gibt es analog zum Google- auch einen Goldman-Algorithmus? Oft bleibt nur Staunen über bekanntgemachte Ergebnisse. Sogar im Lehman-Jahr 2008 machte der Wall-Street-Primus Gewinn - etwas mehr als zwei Milliarden Dollar.

Die Bank, im Jahr 1869 vom deutschen Auswanderer Marcus Goldman gegründet und 1882 nach ihm und seinem Schwiegersohn Samuel Sachs umbenannt, verkündet auf ihrer Internetseite keine Vision, dafür jedoch nicht weniger pathetisch klingende Geschäftsprinzipien. "Unsere Kunden kommen immer zuerst. Unsere Erfahrung lehrt, dass wenn wir für unsere Kunden gute Arbeit leisten, auch der eigene Erfolg folgt", lautet Punkt eins.

Die Kurse steigen weiter

Der unternehmerische Erfolg beider Unternehmen spiegelte sich vergangenes Jahr auch in den Geldbörsen ihrer Aktionäre wider: Wer Anfang 2009, also nur kurze Zeit nach "Lehman", Geld in Anteile von Google oder Goldman investierte, verdiente prächtig. Der Preis für eine Google-Aktie stieg während dieser Zeit von unter 300 auf mehr als 600 Dollar, was zu einem Börsenwert von mehr als 200 Milliarden Dollar führte - zu aktuellen Wechselkursen hätte das nicht einmal Deutschlands Arbeitsministerin Ursula von der Leyen mit ihren Haushaltsmitteln bezahlen können.

Der Kurs der Goldman-Aktien hat sich im selben Zeitraum ebenfalls mehr als verdoppelt. Momentan pendelt er um die Marke von 165 Dollar. Das entspricht einem notierten Marktwert von etwa 87 Milliarden Dollar. Goldman kostet mit seinen dreißigtausend Beschäftigten damit zwar deutlich weniger als Google, aber immerhin ähnlich viel wie Siemens, das momentan wertvollste deutsche Unternehmen und immerhin der Arbeitgeber von rund vierhunderttausend Menschen.

Wie es in diesem Jahr weitergeht, darüber sind die Berufsbörsianer einig. Von den beim Finanzdatenanbieter Bloomberg registrierten Analysten empfehlen 20 die Aktien von Goldman, sogar 34 die von Google. Die Zahl derjenigen, die zum Verkauf raten, ist für beide Werte gleich: sie beträgt null. Die Gewinne der Internetsuchmaschine wie der Investmentbank werden demnach zulegen. Nach ihren jüngst verlautbarten Kurszielen halten Analysten eine Google-Aktie mitunter sogar für mehr als 700 Dollar wert. Für ein Papier von Goldman halten sie Preise von deutlich mehr als 200 Dollar für gerechtfertigt.

Google und Goldman sind politische Investitionen

Die Aktien von Google und Goldman sind aber zugleich politische Investitionen. Sie sind Synonym geworden für gesellschaftliche Grenzfragen und den Umgang mit ihnen. Google ist in der öffentlichen Wahrnehmung zur Abrissbirne der Privatsphäre geworden. Im vergangenen Jahr eskalierte dies, als kamerabestückte Google-Fahrzeuge auch in einigen deutschen Städten Straßenzug für Straßenzug fotografierten mit dem Ziel, die digitalisierten Abzüge in den Dienst Google Street Views einzuspeisen. Das Thema gewann abermals Fahrt, nachdem Google-Chef Eric Schmidt zum Komplex Datenschutz sagte: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun." Der Protest folgte prompt und warf die Frage auf, ob selbst Google eine Grenze braucht. Jede politisch gesetzte Einschränkung wirkt zwangsläufig auf die Geschäftsaussichten der Suchmaschine zurück.

Goldman geht es in puncto öffentliche Erregung zurzeit noch schlechter. Die Bank wird nicht selten als Institution gewordene Gier dargestellt, die alle schlechten Züge des Kapitalismus auf sich vereinige. Goldman-Chef Lloyd Blankfein selbst schürte die brodelnde Unzufriedenheit mit der Äußerung, er führe nur "Gottes Werk" aus, und erntete dafür zweierlei Kritik: erstens an der exorbitant hohen Bezahlung seiner Bediensteten. Zweitens an Verschwörungstheorien darüber, dass erfolgreiche Goldmänner häufig nach ihrer bankinternen Karriere wichtige politische Positionen besetzen. Ein Beispiel dafür ist Hank Paulson, der Chef von Goldman war, bevor er Finanzminister unter George W. Bush wurde; ein anderes ist Gary Gensler, der amtierende Chef der Rohstoffbörsenaufsicht CFTC, der ebenfalls aus der Kaderschmiede von Goldman stammt.

Google und Goldman stehen deshalb nicht nur für Unternehmen, die erfolgreich arbeiten. An ihrem Gewinn und damit an der Entwicklung ihrer Aktienkurse lässt sich ablesen, wie die amerikanische Gesellschaft, all die Menschen also, die auf dem über 4700 Kilometer breiten Streifen zwischen 1600 Amphitheatre Parkway in Mountain View, Kalifornien, und 85 Broad Street in New York leben, mit zwei großen Themen der Gegenwart umgehen wird. All das schwingt letztendlich mit, während die beiden großen Gs heute "nur" ihre Geschäftsergebnisse veröffentlichen.

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