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Gastkommentar Wie Anleger die Osterweiterung nutzen können

23.10.2002 ·  Die Osterweiterung der EU führt zu Veränderungen. Einige davon sind absehbar und könnten Anlegern Geld bringen, meint Matthew Lynn von Bloomberg.

Von Matthew Lynn, Bloomberg
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Jeder Zweijährige würde Ihnen das raten: Wenn Sie die gleiche Frage nur oft genug stellen, wird sie früher oder später mit Ja beantwortet werden. Auch die Iren haben - nachdem sie zum zweiten Mal gefragt worden sind - nun endlich Ja zum Vertrag von Nizza gesagt und damit der Europäischen Union grünes Licht für die Aufnahme zehn neuer Mitglieder im Jahr 2004 gegeben.

Insgesamt werden weitere 75 Millionen Menschen ihren Weg in eine gemeinsame Wirtschafts- und zu einem späteren Zeitpunkt auch in eine gemeinsame Währungszone finden. Für die europäische Wirtschaft wird dies das bedeutendste ökonomische Ereignis des Jahrzehnts sein - und für die globale Wirtschaft vielleicht auch. Eine Mischung aus Krieg und Rezession treibt die liberalisierten Märkte und den freien Handel in die Defensive. Wenigstens in Europa werden sie auf dem Vormarsch sein.

Der Club der Reichen öffnet sich

Trotz all des Streits und Gerangels darf das Ausmaß dieser Errungenschaft keinesfalls aus den Augen verloren werden. Nehmen Sie eine Stadt wie Riga in Lettland. Noch vor 13 Jahren war die Stadt von der Sowjetunion abgeriegelt, nicht einmal Russen durften sich dorthin frei bewegen. Jetzt wird sie die gleiche Währung und Waren-, Kapital- und Menschenfreiheit haben wie Berlin, Paris oder Madrid. Die Europäische Union hat als ein „Club der Reichen“ angefangen. Vor 20 Jahren begann sich diese Einstellung zu ändern, und sie wird sich demnächst sogar noch mehr ändern.

Wir werden es mit einem Club überraschender Gegensätze zwischen Wohlstand und Armut zu tun bekommen. Diese Kluft reicht von Litauen mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 3245 Dollar bis nach Luxemburg mit einem Pro-Kopf-BIP von 42.891 Dollar. Das ist zum Beispiel eine viel größere Spanne als sie innerhalb der Nordamerikanischen Freihandelszone existiert - und die NAFTA hat keine Gemeinschaftswährung.

Gewinner und Verlierer

Aus Erfahrung wissen wir, dass die EU-Mitgliedschaft Länder und Industrien radikal verändern kann. Irland beispielsweise ist mittlerweile reicher als Großbritannien oder Deutschland. Oder sehen Sie sich den Aufstieg spanischer Banken an: Banco Santander Central Hispano ist - gemessen am Marktwert - genauso groß wie die Deutsche Bank. Noch vor zehn Jahren hätte man jeden für derartige Prophezeiungen einfach ausgelacht.

Die Osterweiterung wird auch die europäische Wirtschaft als ganzes verändern und es wird Gewinner und Verlierer geben. Wie sollten Anleger das angehen? Fünf Trends werden das erweiterte Europa besonders prägen.

Auf den Euro setzen

Erstens, kaufen Sie den Euro. Alle neuen Mitglieder werden dem Euro beitreten, sobald sie die Kriterien dafür erfüllt haben. Viele machen sich Sorgen, dass durch die Beitritte die Gemeinschaftswährung geschwächt werden könnte. Aber Länder wie Polen und Tschechien haben eine niedrigere Inflationsrate als die Eurozone. Außerdem hat Westeuropa mit seinen riesigen Wohlfahrtsstaaten Probleme, die Budgetvorschriften einzuhalten - und nicht Osteuropa (wo man kurioserweise einem zu großen Engagement des Staates misstrauisch gegenübersteht).

Durch die Erweiterung könnte der Euro paradoxerweise sowohl an Stärke gewinnen als auch leichter zu handhaben sein. Er wird auch viel stärker als der Dollar werden und sich damit als natürlichen Reservewährung der Welt durchsetzen. Auf der anderen Seite sollten Sie über den Verkauf des britischen Pfunds nachdenken, denn Großbritannien mit seinen hohen Steuern und seiner isolationistischen Einstellung wird kaum Europas Wirtschaftsstar bleiben.

Osteuropäische Aktien und Renten profitieren

Zweitens, kaufen Sie osteuropäische Aktien- und Rentenwerte. Die Märkte Osteuropas sind bereits die Stars dieses Jahres. Sloweniens SBI-Index legte 53 Prozent zu und der estnische Markt kann ein Plus von 28 Prozent vorweisen. Denken Sie an Irland zurück: Der Dubliner Markt schaffte den Sprung von etwa 300 Punkten im Jahr 1983 auf aktuell mehr als 4000 Punkte. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in den osteuropäischen Ländern zu erwarten, wenn sie im Vergleich zum Rest des Kontinents aufholen.

Drittens, wählen Sie Aktien aus, die von der Mobilität von Arbeit und Kapital profitieren. Produzenten werden erwartungsgemäß in den Osten abwandern, allerdings haben viele das schon getan. Die große Veränderung wird deshalb eher darin bestehen, dass junge Osteuropäer zum Arbeiten in den Westen kommen. Jedes arbeitsintensive Unternehmen in Westeuropa wie zum Beispiel Hotelketten, Restaurants oder Bauunternehmen wird plötzlich Zugang zu einem riesigen neuen Pool mit billigen Arbeitskräften haben. Die Lohnkosten, die der größte Kostenfaktor solcher Unternehmen sind, werden sinken und dadurch die Gewinne dramatisch in die Höhe treiben.

Die Reichen werden reicher

Viertens, beobachten Sie den Druck auf die westeuropäischen Arbeiter und den zunehmenden Wohlstand seiner Mittelklasse. Die Mobilität von Arbeit und Kapital in einem erweiterten Europa ist für arme Osteuropäer und reiche Westeuropäer von Vorteil, aber schlecht für die westeuropäische Arbeiterklasse. Während die verarbeitende Industrie ihre Arbeitsplätze in den Osten verlagert, werden Jobs in der Dienstleistungsbranche aufgrund des Zustroms billiger Arbeitskräfte aus Osteuropa schlechter bezahlt. Unternehmen, die ihre Produkte an diese Bevölkerungsgruppe verkaufen, werden unter den Veränderungen leiden. Unternehmen wie Gucci oder Porsche wird es dagegen gut gehen, weil die Reichen noch reicher werden.

Expansion treibt Infrastruktur und Energie

Fünftens, die besten Titel werden zunächst im Infrastrukturbereich zu finden sein. Der Neuaufbau von Osteuropa erfordert eine Menge Zement und Energie. So auch der Bau neuer Handelswege zwischen Ost- und Westeuropa. Neue Transportknoten wie der Wiener Flughafen werden ebenso an Bedeutung gewinnen, wie die Öl- und Erdgasversorgung. Russlands tatkräftige Öl- und Gasunternehmen schaffen derzeit die nötigen Kapazitäten, um den Kraftstoff für die osteuropäische Expansion liefern zu können - sie und andere Unternehmen außerhalb der EU werden ebenfalls zu den großen Gewinnern zählen.

Die sicherste Vorhersage ist natürlich, dass es eine Menge Überraschungen geben wird. Niemand konnte vorhersagen, dass Bauarbeiter nach Dublin emigrieren oder die Spanier im Bankengeschäft triumphieren würden. Wenn verschiedene Volkswirtschaften verschmelzen, werden alle Teile des Puzzles in die Luft geworfen. Wo sie dann landen, ist vollkommen ungewiss.

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