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Gastkommentar Märkte lassen sich nicht "timen"

30.07.2003 ·  Unter dem Stichwort „Markt-Timing“ wollen viele Börsenbriefe Anleger locken. Wichtig sei es, die schlechtesten Phasen des Marktes zu umgehen, lautet die Logik. Davon hält John Dorfman von Bloomberg News wenig.

Von John Dorfman, Bloomberg News
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Wie ein Tiger drückt sich der Aktienmarkt oft für lange Zeit in seinem Versteck herum, bevor er plötzlich mit Blitzesschnelle daraus hervorspringt. Könnte man die plötzlichen Kurssprünge einfangen und den ebenfalls plötzlichen Kursrückgängen gleichermaßen entgehen, so ließe sich ein Vermögen verdienen.

Dies sind die Verlockungen des so genannten Markt-Timings - die Idee, das Aktienvermögen zu vermehren, wenn man optimistisch ist und die Aktienanlagen zu reduzieren oder gar ganz abzubauen, wenn man pessimistisch ist.

Pro und Kontra ...

Die Kritiker der Markt-Timing-Methode halten diese schlicht für töricht. Würde man die zehn besten Monate in einem Jahrzehnt verpassen - so ihre Argumentationsweise, so hätte dies fatale Folgen für die Gesamtrendite. Sie vertreten den Standpunkt, daß niemand - nicht einmal ein Genie - die Richtung des Marktes voraussagen kann.

Die Befürworter des Markt-Timings argumentieren indes anders: Nach ihrer Überzeugung ließen sich die Erträge deutlich erhöhen, wenn man den zehn schlechtesten Monaten in einem Jahrzehnt entgehen könnte. Im Allgemeinen glauben sie, daß das Prognostizieren der Marktrichtung zwar schwierig, aber dennoch möglich ist.

Beide Lager leiden unter einem „Tunnelblick“

Meiner persönlichen Meinung nach leiden nicht wenige Vertreter beider Lager erheblich unter einem eingeschränkten Horizont. Während sich die Kritiker ausschließlich auf die mit entgangenen Kursanstiegen verbundenen Chancen konzentrieren, blicken die Befürworter ausschließlich auf vermiedenen Verluste, infolge umgangener Kursverluste. Was steht hier auf dem Spiel? Im Folgenden möchte ich Ihnen nun demonstrieren, was passiert wäre, hätte man die zehn besten oder die zehn schlechtesten Monate des vergangenen Jahrzehnts - 30. Juni 1993 bis einschließlich 30. Juni 2003 - einfach ausgelassen.

Hätten Sie die im Standard & Poor's 500 Index enthaltenen Werte erworben und sie über die kompletten zehn Jahre gehalten, so ergäbe sich daraus eine kumulative Rendite in Höhe von 160 Prozent. Bei einem ursprünglichen Kapitaleinsatz in Höhe von 100.000 Dollar wären Sie mit circa 260.000 Dollar nun um etwa 160.000 Dollar reicher. Dies entspricht einer jährlichen Gesamtrendite in Höhe von circa zehn Prozent, was für das vergangene Jahrhundert durchaus typisch war.

Stellen Sie sich nun vor, Sie hätten eine Kristallkugel. Mit ihrer Hilfe wäre es Ihnen möglich, den Aktienmarkt während seiner zehn schlechtesten Monate zu meiden. Diese schrecklichen Monate sind in Tabelle II aufgelistet.

Hätten Sie genug Glück gehabt, um jedem dieser Monate zu entgehen, und wären sie in der übrigen Zeit am Aktienmarkt engagiert gewesen, würden Sie sich für den besagten Zehn-Jahres-Zeitraum einer Rendite in Höhe von 291 Prozent erfreuen können. Dies entspricht einer jährlichen Gesamtrendite in Höhe von 14,61 Prozent. Aus ursprünglich 100.000 Dollar wären demnach satte 391.000 Dollar geworden.

Das „Beste“ verpaßt

Lassen Sie uns nun die Kehrseite der Medaille betrachten. Was wäre, wenn Sie die besten zehn Monate verpaßt hätten? Diese wundervollen Monate sind in Tabell I aufgelistet.

Wären diese zehn performancestärksten Monate aus irgendeinem Grund an Ihnen vorbeigegangen, so hätte sich Ihre Rendite für den besagten Zehn-Jahres-Zeitraum auf einen Verlust in Höhe von circa 19 Prozent reduziert. Dies entspricht einer negativen jährlichen Gesamtrendite in Höhe von zwei Prozent. Ihr ursprünglicher Kapitaleinsatz in Höhe von 100.000 Dollar wäre demnach auf cetwa 81.000 Dollar zusammengeschrumpft.

Markt-Timing-Diensten skeptisch gegenübertreten

Was wäre Ihnen lieber: 81.000 Dollar, 260.000 Dollar oder 391.000 Dollar? Eine wirklich alles entscheidende Frage. Gleichzeitig ist es eine dumme Frage, denn im echten Leben gibt es nun einmal kein Markt-Timing-System, das solche Ergebnisse - wie die oben gezeigten theoretischen - in irgendeiner Weise nachahmen könnte.

In Ihrem Briefkasten finden Sie unter Umständen Werbung von Markt-Timing-Diensten, die behaupten, sie seien dazu in der Lage. Betrachten Sie diese mit Skepsis. Wenn Sie das Kleingedruckte lesen, werden Sie für gewöhnlich feststellen können, daß die Ergebnisse vom so genannten Backtestings („Tests anhand historischer Daten ) abhängig sind und nichts mit Prognosen zu tun haben, die auf Echtzeitbasis in einem öffentlichen Forum angestellt wurden.

Marktsignale sind nicht eindeutig

Gibt der Markt irgendwelche Zeichen, bevor er zu einer großen Bewegung ansetzt? Vielleicht. Wenn ja, so sind diese zumindest nicht offensichtlich. Um diesen Punkt erläutern zu können, habe ich mir die Kursentwicklung des Standard & Poor's 500 während der letzten vier Wochen vor den jeweils zehn besten und den zehn schlechtesten Monaten angeschaut.

Im Fall der zehn besten Monate lag der S&P 500 in den vorangegangenen vier Wochen sechsmal im Plus und viermal im Minus. Vor den jeweils schlechtesten Monaten befand er sich dreimal im Plus und siebenmal im Minus. Die durchschnittliche Kursänderung des S&P vor den besten Monaten entsprach einem Verlust in Höhe von 0,5 Prozent. Im Fall der schlechtesten Monate machte dieser Verlust 1,9 Prozent aus. Wenn Sie hier irgendwelche Hinweise erkennen können, so geht der Punkt an Sie.

Halbjährliche Diversifizierung in den Anlageklassen

Es gibt indes eine Form von Markt-Timing, die ich jedem empfehlen kann. Ich schlage vor, Sie verteilen Ihr anzulegendes Kapital auf verschiedene Anlageklassen, wie zum Beispiel 60 Prozent in Aktien, 30 Prozent in Anleihen und zehn Prozent in liquide Mittel. Diese Verteilung behalten Sie so bei und passen sie nur ein- oder zweimal pro Jahr entsprechend an.

Auf diese Weise werden Sie bei niedrigem Kursniveau am Aktienmarkt mehr Geld in Aktien investieren und Gewinne mitnehmen, wenn die Aktienkurse steigen. Es ist kein idiotensicheres System. Ich denke aber, daß sich dadurch Ihre Anlageergebnisse generell verbessern lassen. Eine Methode, die Sie dazu zwingt, bei niedrigem Kursniveau zu kaufen und bei hohem Kursniveau entsprechend zu verkaufen, ist wirklich keine schlechte Sache.

Neutrale Markteinschätzung

Das Prinzip des Markt-Timings spielt bei mir ebenfalls eine gewisse Rolle. So beeinflußt meine Markteinschätzung auf subtile Weise meine Aktienauswahl für sämtliche meiner Kunden. Für Kunden mit einer hohen Risikotoleranz erhöhe ich beispielsweise die Größe meiner Short-Positionen - Spekulation auf sinkende Kurse bei bestimmten Aktien -, wenn ich dem Markt gegenüber pessimistisch eingestellt bin.

Nach der kräftigen Kurserholung an den Aktienmärkten im zweiten Quartal verhält sich meine Markteinschätzung momentan ziemlich neutral. Für diesen Herbst rechne ich mit einer zehnprozentigen Korrektur, glaube aber, daß die größeren Indexwerte das Jahr nahe ihrem aktuellen Kursniveau oder sogar etwas darüber beenden werden.

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