General Electric hat ein Schuldenproblem. Der Konzern wurde aufgefordert, seine Abhängigkeit von Kurzfristkrediten - die sich zuletzt auf 100 Milliarden Dollar beliefen - zu verringern. Die Kapitulation von General Electric (GE) gegenüber einigen einflussreichen Akteuren am Markt wird wohl nicht das Ende der ganzen Geschichte sein.
Das Unternehmen ersetzt nun einen Großteil seiner kurzfristigen, geldmarktnahen Unternehmensanleihen, die im Laufe der nächsten neun Monate fällig werden, durch langfristige Papiere. Dadurch werden die Zinskosten für GE zwar besser kalkulierbar, werden aber gleichzeitig höher.
Schuldenkritiker werden kaum zufrieden sein
Hinzu kommt, dass die neuen Anleihen die langfristige Verschuldung des Unternehmens, die Ende 2001 insgesamt 79,8 Milliarden Dollar betrug, in die Höhe treiben werden. Im Zuge der Kritik an Enron wird dies die Kritiker von GE ebenso wenig zufrieden stellen wie die hohe kurzfristige Verschuldung.
Die langfristige Verschuldung von GE wäre nicht so hoch, hätte das Unternehmen nicht zu sehr mit dem Gewinn je Aktie-Verhältnis jongliert. In den vergangenen sieben Jahren kaufte GE rund eine Milliarde seiner Aktien zurück. Auf Grund dieser Rückkäufe konnte das Unternehmen 2001 einen Gewinn von 1,37 Dollar je Aktie erzielen. Ohne sie wäre er mit rund 1,24 Dollar je Aktie rund neun Prozent niedriger ausgefallen.
Kostspielige Rückkäufe
Das Problem liegt darin, dass die Rückkäufe seit 1994 das Unternehmen 20,6 Milliarden Dollar gekostet haben. Das Geld hätte man zum Abbau der Schuldenlast verwenden können. Man hätte auch das Eigenkapital damit um ein Drittel aufstocken können. Damit hätte sich GE für seine Kredite ein Polster von 80,6 Milliarden Dollar statt jetzt nur 60 Milliarden Dollar geschaffen.
Aktienrückkäufe gehören auch weiterhin zur Politik von GE. Der Konzern hat die Summe, die er für Aktienrückkäufe vorsieht, auf 30 Milliarden Dollar erhöht. Das Dilemma mit der Kreditaufnahme von GE begann im März. Bill Gross, der wohl einflussreichste Rentenfondsmanager, hatte veranlasst, dass seine Investmentgesellschaft, die Allianz-Tochter PIMCO, ihre gesamten Kurzläufer von GE Capital in Höhe von einer Milliarde Dollar verkaufte.
Gross vertrat die Meinung, GE sei zu sehr von diesen Krediten abhängig, um seine Übernahmen finanzieren zu können. Nach Angaben von GE belaufen sich die Zukäufe auf insgesamt 100 pro Jahr. Sie machten 2001 rund 15 Prozent des Gewinnzuwachses aus.
Die Einschätzung von Moody's
Zum selben Zeitpunkt forderte Moody's Investors Service, das Kreditratingunternehmen, das durch seine Unfähigkeit, den Enron-Betrug aufzudecken, ins Gerede kam, dass die GE-Tochter General Electric Capital den Anteil ihrer Commercial Papers reduzieren solle.
Diese Art der Kreditaufnahme bietet für ein Unternehmen eine der günstigsten Möglichkeiten zur Finanzierung. In erhöhtem Maße betrieben kann sie jedoch zu Problemen führen. Die Zinsen können sehr schnell steigen, so dass die Kreditkosten plötzlich den Budgetrahmen des Unternehmens sprengen. Hinzu kommt, dass Investoren wie Gross nicht kaufen werden, wenn das Unternehmen versucht, zu viele von diesen Papieren zu verkaufen.
GE Capital verkaufte im März Anleihen in Höhe von elf Milliarden Dollar, um damit seine Kurzläufer zu ersetzen. Gleich darauf kündigte das Unternehmen an, es werde Anleihen in Höhe von weiteren 50 Milliarden Dollar noch in diesem Jahr veräußern. Dies führte zu Verlusten bei den gerade verkauften Wertpapieren und sorgte bei Gross erneut für Irritation. GE Capital erklärte, das Unternehmen werde seine langfristige Verschuldung um rund 75 Prozent erhöhen.
Weiter große Abhängigkeit vom Kurzfrist-Markt
Der Finanzbereich ließ verlauten, das Unternehmen werde seine Abhängigkeit von den Kurzläufern auf 25 Prozent bis 35 Prozent seiner Gesamtverschuldung reduzieren. Im März lag der Anteil noch bei 42 Prozent. Ebenso wolle man die Kreditlinie für Bankkredite erhöhen, damit man für den Fall, dass die Kurzläufer sich nicht verkaufen ließen, darauf zurückgreifen könne. Im März waren nur 33 Prozent der Kurzläufer des Unternehmens in dieser Weise abgesichert. Zum Vergleich - bei Coca Cola betrug der Wert 85 Prozent.
Dennoch, GE hat seine Abhängigkeit von dem stark schwankenden Markt für Kurzfristkredite nicht in dem Maße reduziert, wie es den Anschein hat. Händler behaupten, das Unternehmen habe so genannte Zins-Swaps auf einige seiner neuen langfristigen Kredite in Höhe von elf Milliarden Dollar vorgenommen und somit die Kosten wieder auf den kurzfristigen Markt verlagert. Dadurch konnten die Zinsverpflichtungen des Unternehmens zwar kurzfristig reduziert werden, langfristig werden sie jedoch erheblich steigen.
GE Capital brachte 2001 etwa 40 Prozent des Gesamtgewinns des Mutterkonzerns ein. Das Unternehmen, die größte Bank der Welt, die in Wirklichkeit keine Bank ist, kann einen hohen Schuldenberg verkraften. Es nimmt Kredite zu einem bestimmten Zinssatz auf und vergibt sie wieder zu einem höheren Zinssatz. Die Aktiva gleichen die Passiva aus. Die Verbindlichkeiten von GE Capital sind zudem durch die Vermögenswerte des Industriebereiches der Muttergesellschaft abgesichert.
Sowohl Moody's als auch Standard & Poor's geben der Muttergesellschaft GE nach wie vor das höchste Kreditrating - obwohl Bill Gross der Meinung ist, dass dies nicht gerechtfertigt sei. Das Bemerkenswerte an der Sache ist, dass der stolze Riese GE sich vor Gross und Moody's verneigte und sich ihrem Diktat beugte. Andere Investoren und Marktbeobachter sollte dieses Beispiel zu mehr Strenge mit den Unternehmen ermutigen. Die wachsende Verschuldung von GE zeigt, dass auch bei den am meisten bewunderten Firmen Skepsis durchaus angebracht ist.