06.12.2002 · Starke Kursbewegungen und eine skeptische Markteinschätzung von Merill Lynch können John Dorfman von Bloomberg News nicht negativ stimmen.
Von John Dorfman, Bloomberg NewsSeltsame Dinge geschehen, wenn der Chefstratege des größten Broker-Hauses des Landes den Anlegern rät, den Großteil ihrer Mittel nicht am Aktienmarkt zu investieren.
Wenn gleichzeitig AOL Time Warner an einem Tag 14 Prozentpunkte verliert, Walt Disney eine Untersuchung der Unternehmensintegrität durch die Aufsichtsbehörden ankündigt und die US-Verbraucher die vorweihnachtliche Feriensaison dennoch mit ausgiebigen Einkäufen einläuten, dann steht fest, dass etwas Seltsames im Gange ist. Hier ist meine Sicht dieser Ereignisse und anderer Eigentümlichkeiten in der jüngsten Vergangenheit.
Merrill rät zu festverzinslichen Wertpapieren
Am dritten Dezember gab Richard Bernstein, Chefstratege bei Merrill Lynch, den Kunden des Unternehmens den Rat, statt den bisherigen 50 Prozent nur 45 Prozent ihrer Mittel in Aktien zu investieren und ihren Bestand an festverzinslichen Wertpapieren auf 35 Prozent aufzustocken. Und er forderte die Anleger auch weiterhin dazu auf, 20 Prozent ihrer Anlagegelder als Barmittel zu halten.
Es ist gewagt, an der Wall Street von Aktien abzuraten, wie Bernsteins Vorgänger Charles Clough erfahren musste, der 1998 und 1999 einen Anlagemix mit Schwerpunkt auf festverzinslichen Wertpapieren empfahl und behauptete, der Markt sei überbewertet. Der Markt schnellte in die Höhe und Clough, der 2000 in den vorzeitigen Ruhestand ging, wurde heftig kritisiert.
Merrill sieht acht Warnsignale für Aktienengagement
Wenn der Markt 2003 schwach wird, könnte Bernstein jedoch wie ein weiser Mann, ja wie ein Held da stehen. Der Kern seiner Argumentation besteht darin, dass er Aktien für zu spekulativ hält. Hier meine Fassung seiner acht „spekulativen Signale“.
1. Für die Anleger sind Aktien die Anlageform ihrer Wahl
2. Die Anleger ignorieren die Tatsache, dass Erträge nicht vorhersehbar sind.
3. Die Aktien von Unternehmen mit schwachen Bilanzen und unbeständiger Ertragsentwicklung werden mit höheren Ertragskennzahlen gehandelt als viele qualitativ überlegene Aktien.
4. Die 100 volatilsten Aktien im Standard & Poor's-500-Index sind im Verhältnis zu ihren Erträgen sehr teuer.
5. Die Anleger gehen davon aus, dass das weltpolitische Geschehen, einen möglichen Krieg gegen den Irak eingeschlossen, positive Auswirkungen auf die USA haben wird.
6. Die Anleger nehmen hin, dass die Ertragsermittlung der Unternehmen nicht den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung entspricht.
7. Die Dynamik der Aktienkurse ist der beliebteste Anreiz für Aktienkäufe.
8. Die Anleger sind davon überzeugt, dass Federal Reserve Chairman Alan Greenspan der Konjunktur bei Schwierigkeiten schon auf die Sprünge helfen wird.
Merrill zieht falsche Schlüsse
Ich achte Bernstein und stimme ihm in jedem dieser acht Punkte zu. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist seine Schlussfolgerung.
Ich bin was 2003 betrifft vorsichtig optimistisch. Sicher, die Konjunktur ist schwach, aber sie scheint sich zu erholen. Die Zinsen sind angenehm niedrig und dürften es auch noch eine Weile bleiben. Die Amtszeit des US-Präsidenten ist zur Hälfte vorbei und seit 1939 gab es im dritten Jahr jeder Präsidentschaft einen Anstieg auf den Märkten. Noch ein weiteres historisches Faktum: Zwar stehen wir am Ende von drei aufeinander folgenden Jahren mit schlechter Marktentwicklung, aber einen Marktrückgang während vier Jahren in Folge gab es zuletzt zwischen 1929 und 1932. Die Chancen stehen gut für Optimisten.
AOL besteht nicht nur aus dem Onlinegeschäft
Der Einbruch von AOL. Am Dienstag verlor AOL Time Warner 14 Prozentpunkte, nachdem das Unternehmen für das nächste Jahr einen Rückgang des Werbeumsatzes bei America Online um ganze 50 Prozent prognostiziert hatte.
Meiner Ansicht nach haben die Anleger auf diese Nachricht übertrieben reagiert, und das sage ich nicht nur, weil ich selbst seit Juli Aktien von AOL Time Warner besitze. Selbst wenn der Online-Service mit Null bewertet würde - was eine wirklich gewagte Hypothese ist - glaube ich, dass die Aktien zu ihrem gegenwärtigen Kurs eine günstige Gelegenheit wären.
Man muss bedenken, dass lediglich 21 Prozent der Erlöse von AOL Time Warner in Höhe von 36,2 Milliarden Dollar 2001 auf den Bereich AOL entfielen. Die Anleger verhalten sich so als bestünde das ganze Unternehmen nur aus America Online oder zumindest so als sei es das Hauptstandbein.
Es wäre für mich mit Sicherheit ein Grund zur Freude, wenn das Unternehmen den Online-Service ausgliedern würde, was es nach eigener Aussage nicht vorhat. Es wäre erfreulich, dann einen Anteil an einem mit dem alten Time Warner vergleichbaren Unternehmen zu einem sehr günstigen Kurs zu besitzen.
Vorweihnachtsgeschäft macht Hoffnung
Am Thanksgiving-Wochenende sind die Umsätze im US-Einzelhandel höher ausgefallen als erwartet. Dieser Start ins Weihnachtsgeschäft ist für mich ein Zeichen dafür, dass die vielgefürchtete Double-Dip-Rezession nicht bevorsteht.
Disney könnte ein Schnäppchen werden
Disney ist benommen. Walt Disney Co. hatte in dieser Woche in zweifacher Hinsicht mit schlechten Nachrichten zu kämpfen. Disneys neuer Film „Der Schatzplanet“ war ein Reinfall an den Kinokassen und ein Public Relations Mitarbeiter des Unternehmens gab bekannt, dass die Börsenaufsichtsbehörde (Securities and Exchange Commission) eine Untersuchung durchführe, da Disney es versäumt habe, offen zu legen, dass vier seiner so genannten unabhängigen Board-Mitglieder Verwandte haben, die im Unternehmen arbeiten.
Die Aktie, die im April 2000 bei etwa 43 Dollar gehandelt wurde, liegt nun bei etwa 18 Dollar. Wenn ihr Kurs auf 13 Dollar fällt, werde ich vermutlich zu den Käufern gehören.
Geschehnisse zeigen: Alles ist möglich
Abschließend möchte ich, wie zu Beginn, wiederum auf eine Aussage von Merrill Lynch verweisen. Jahrelang kamen wissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis, dass „wenig beachtete Aktien“, also jene, deren Entwicklung von wenigen oder keinen Analysten verfolgt wird, in ihrer Performance denen überlegen sind, die von einer großen Zahl von Analysten beobachtet werden.
Eine neue Studie von Merrill kam nun zum gegenteiligen Ergebnis, zumindest für die im Standard & Poor's-500-Index notierten Aktien. Während der vergangenen 13 Jahre habe die durchschnittliche Jahresrendite der 100 am wenigsten beachteten Aktien im Index 9,5 Prozent betragen. Für alle 500 im S&P-Index erfassten Aktien habe sie bei 10,6 Prozent gelegen.
Ich bin überrascht und fasziniert zugleich. Ich vermute, dass man, wenn man die Aktien kleinerer Unternehmen - die sich nicht für die Aufnahme in den S&P 500 qualifizieren können - in die Betrachtung einbeziehen würde, zu dem Ergebnis käme, dass die von den Analysten wenig beachteten Aktien einen Vorsprung haben. Nichtsdestotrotz bin ich angesichts derartig vieler seltsamer Marktereignisse innerhalb kurzer Zeit bereit, jede Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |