22.09.2003 · Die Finanzmärkte bauen auf eine rasche Erholung in Amerika. Motto: Die „Weltkonjunkturlokomotive“ wird es schon richten. Stephen S. Roach von Morgan Stanley sieht größere Risiken, vor allem politische.
Von Stephen S. Roach, Morgan StanleyDie Anzeichen für drohende Handelskonflikte und Protektionismus mehren sich. Zwischen der politischen Ebene und der Wirtschaft in der industrialisierten Welt besteht das Potential zu einem tödlichen Wechselspiel, da die derzeitige Konjunkturerholung keinerlei neue Arbeitsplätze erzeugt. Ein Zustand, der „Jobless Recovery“ genannt wird.
Dies stellt für die Weltwirtschaft eine höchst besorgniserregende Entwicklung dar. Denn die daraus resultierenden Konflikte könnten möglicherweise die globale Erholung entgleisen lassen. Zudem stellen sie die optimistischen Einschätzungen in Frage, die an den weltweiten Finanzmärkten immer stärker eingepreist werden.
Anzeichen für mögliche Handelskonflikte
Vier Entwicklungen der jüngsten Zeit implizieren, daß globale Handelskonflikte bald den Siedepunkt erreichen könnten:
1. Die gescheiterten Verhandlungen der WTO-Ministerkonferenz in Cancún stellen für die Handelsliberalisierungen einen schweren Rückschlag dar.
2. Amerika könnte sich dazu hinreißen lassen, protektionistische Sanktionen gegen China zu verhängen - dies wäre ein böses Omen dafür, daß die Vereinigten Staaten noch weitere protektionistische Streifzüge vornehmen werden.
3. Auch die europäischen Staatsmänner haben sich in das Schlachtgewühl gestürzt, um ihre seit langer Zeit kränkelnden Wirtschaften zu schützen. Ihre Angst besteht vor allem darin, daß der Euro einen überproportionalen Anteil der Bürde weiterer Dollarabwertungen zu schultern hätte.
4. Japan führt seine Schlacht gegen die vom Markt bestimmten wirtschaftlichen Kräfte weiter. So wie es derzeit aussieht, hat die japanische Regierung im laufenden Jahr bisher die Rekordsumme von 90 Milliarden Dollar ausgegeben, um an den Devisenmärkten zu intervenieren und sich gegen die Aufwertung des Yen zu stemmen.
Unsichere Arbeitsmarktsituation lässt Protektionismus steigen
In meinen Augen sind alle hier aufgeführten Beispiele Teile desselben Mosaiks. Die daraus resultierende Schlußfolgerung ist unausweichlich: Je größer der Druck auf die Einkommens- und Arbeitsplatzsicherheit ausfällt, desto höher ist das Risiko protektionistischer Maßnahmen der Industrienationen mit einem hohen Lohnniveau.
Ich wäre der Erste, der zugeben würde, daß meine Sorgen keine breite Zustimmung finden. Tatsache ist jedoch, daß im Allgemeinen eine tiefe Überzeugung herrscht, daß die Jobless Recoveries ein Ende finden, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Wenn sich die Jobmaschinerie schließlich wieder in Bewegung setzt, so die Argumentation, wird die streitsüchtige Welt eine andere sein. Die auf Amerika zentrierte globale Wachstumsdynamik könne sich dann wieder fortsetzen - ungeachtet des massiven amerikanischen Leistungsbilanzdefizits. Aber die externe Kapitalbeschaffung wird nicht als Problem betrachtet, insbesondere dann nicht, wenn sie von der anscheinend unstillbaren Nachfrage nach in Dollar notierten Vermögensanlagen profitiert. So lange Amerika über das flexibelste, unternehmerischste und innovativste Wirtschaftssystem der Welt verfügt, wird ein sich stets erhöhender Überschuß der Kapitalbilanz - die andere Seite eines Leistungsbilanzdefizits - als uneingeschränkt zukunftsfähig betrachtet werden.
Globales Wachstumsmodell nicht mehr tragbar
Die jüngsten Aktivitäten ausländischer Investoren scheinen diese Auffassung zu bestätigen. Wenn also die Vermögensmanager weltweit dieses Zeichen setzen, warum kann dann eine auf Amerika zentrierte Welt nicht einfach ihren Kurs beibehalten?
Nach meiner Ansicht läuft es darauf hinaus, daß die Analysen dem tatsächlichen Kapitalfluß gegenüber stehen. Bei allem nötigen Respekt gegenüber dem Konsensus, bin ich doch darüber besorgt, daß eine auf dem Kapitalfluß basierende Logik doch sehr an die New Paradigm-Theorie der späten Neunziger Jahre erinnert.
Meiner Ansicht nach beruht das auf dem Kapitalfluß basierende Modell einer zukunftsfähigen auf Amerika zentrierten globalen Wachstumsdynamik auf einer kritisch zu betrachtenden, sehr stilisierten Darstellung der Weltwirtschaft. So wird implizit davon ausgegangen, daß ein immer weiter steigendes Leistungsbilanzdefizit beim Wachstumsmotor der globalen Wirtschaft zu keiner Abwertung des Dollars führen wird. Solch eine Vorstellung setzt voraus, daß der Rest der Welt ein unstillbares Verlangen nach in Dollar notierten Vermögenswerten hegt.
Politiker auf der Suche nach einem Sündenbock
Zudem müssen kritisch zu bewertende geopolitische Schlußfolgerungen aus diesem stilisierten Weltbild gezogen werden: Das klaffende und stets wachsende amerikanische Leistungsbilanzdefizit wird im Grunde als der eigentlich gering ausfallende Preis betrachtet, den man für die weltpolitische Hegemonie der Vereinigten Staaten eben zahlen muß. Mit anderen Worten, so lange sich Amerika um die Sicherheitsbelange der Welt kümmert, können die dort vorherrschenden Ungleichgewichte weiter ungehindert finanziert werden. Ich bin da leider anderer Ansicht.
Trotz unserer jüngst nach oben korrigierten globalen Wachstumsprognosen ist die Weltwirtschaft immer noch recht schwerfällig. Solch ein lustloses globales Klima, gepaart mit einer anhaltenden Schwäche des Arbeitsmarktes, führt im Großen und Ganzen zu einem Nullsummenspiel, wenn sich die Politiker zudem einer Schlacht um Marktanteile hingeben. In harten wirtschaftlichen Zeiten benötigen die Politiker einen Sündenbock. Und genau darum dreht sich letztlich auch die ganze Geschichte über die Welle aufkommender Handelskonflikte.
Solche politisch motivierten Interventionen sind meiner Meinung nach symptomatisch für das Bestehen tiefgreifender makroökonomischer Probleme, die nun auf eine Welt treffen, die sich im Ungleichgewicht befindet: Der einzige Wachstumsmotor der Weltwirtschaft wird von dem höchsten Leistungsbilanzdefizit seit Beginn der Datenerfassung belastet. Dies reflektiert nicht nur die durch die zu geringe Sparrate bedingten Fallstricke der amerikanischen Wirtschaft, sondern es ist auch das Nebenprodukt einer schwach ausfallenden Zunahme der unabhängigen Binnennachfrage andernorts.
Präsidentschaftswahlen hemmen ökonomische Ratio
Während Amerika jetzt die Weltwirtschaft wieder langsam nach oben zieht, versinkt das Land selbst tiefer und tiefer in einem Sumpf aus Handelsdefiziten, Staatshaushaltslöchern, fehlenden Sparraten und einem übermäßigen Schuldenberg. Das sieht nun kaum nach einem tragfähigen Fundament für die Zukunft der Vereinigten Staaten oder auch des Rests der Welt aus. Stattdessen führt dies alles zum Aufbau von letztlich nicht mehr zu bewältigenden Spannungen innerhalb der globalen makroökonomischen Umwelt. So wie der Wasserdampf in einem Teekessel, muß dieser entstehende Druck letztendlich freigesetzt werden können.
Es gibt zwei Möglichkeiten „Dampf abzulassen“, die die gesamte Bandbreite der möglichen Konsequenzen widerspiegeln: Entweder muß eine wirtschaftliche Lösung gefunden werden, die für eine Anpassung der amerikanischen Leistungsbilanz sorgt, oder es wird eine Politik verfolgt, die auf Handelskonflikten und Protektionismus basiert. Die Wechselwirkung zwischen der amerikanischen „Jobless Recovery“ und dem Zyklus der amerikanischen Präsidentschaftswahlen verschiebt die Balance allerdings von dem wirtschaftlichen in Richtung des politischen Lösungsweges. Derzeit ist das Ungleichgewicht zwischen diesen beiden Alternativen noch gering. Aber es besteht das Risiko, daß es in Zukunft steigt.
Niemand, auch ich nicht, vertritt die Meinung, daß wir heute etwas ähnliches erleben könnten, wie in den Dreißiger Jahren. Dennoch besteht ein Risiko, das nicht länger auf die leichte Schulter genommen werden darf, da sich die Politik bereits mit den Spannungen und Belastungen der Globalisierung konfrontiert sieht. Sind wir denn für immer dazu verdammt, stets die bereits in der Vergangenheit gemachten Fehler zu wiederholen?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |