03.05.2004 · Der langersehnte Börsengang des Internet-Suchmaschinenbetreibers Google wird viel Geld anlocken und viel Tamtam nach sich ziehen. Aber einen neuen Technologieboom wird er wohl nicht auslösen.
Von Alex Salkever, Technologie-Redakteur bei BusinessWeek OnlineDie Google-Manie ist ausgebrochen. Am 29. April 2004 hat der Suchmaschinenbetreiber offiziell das Signal gegeben, an die Börse zu wollen. Das wäre der erste große Börsengang eines Technologieunternehmens seit dem Platzen der Dot.com-Blase im Jahr 2000.
Bereits jetzt wird allgemein erwartet, daß die Bewertung von Google von sage und schreibe rund 25 Milliarden Dollar - das Unternehmen erwirtschaftete 2003 aus einem Umsatz von 962 Millionen Dollar einen Nettogewinn von 105 Millionen Dollar - zu einer Renaissance der Technologiewerte führen könnte. Allein im März haben 23 Unternehmen, die meisten mit Bezug zum Technologiesektor, ihren Börsengang angemeldet. Viele von ihnen hoffen, auf der Google-Welle einfach mitreiten zu können. Netscape und die mit dem Browser-IPO verbundene Partystimmung anno 1995 lassen grüßen.
Aber nein. Wall Street und Silicon Valley sollten sich im Gegenteil schnell wieder zusammenreißen. Lassen wir doch einmal die Lektionen Revue passieren, die wir von Netscape gelernt haben. Ausgehend von ihrem Emissionskurs von 28 Dollar, schnellten die Aktien damals innerhalb von Stunden nach dem Handelsbeginn an der Börse um 167 Prozent auf 75 Dollar in die Höhe, bevor sie sich zum Börsenschluß des ersten Handelstages bei 58 Dollar einpendelten. Einen ähnlichen Aufstieg und Rückzug ist auch bei den Google-Aktien zu erwarten, das wird aber auch die einzige wirkliche Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Ereignissen sein.
Kein großer Ansturm aus Silicon Valley
1995 haben sowohl Wall Street als auch Silicon Valley den Werdegang von Netscape als den Anbruch des Internetzeitalters betrachtet. Damals surften erst wenige Millionen Amerikaner im World Wide Web. Dies taten sie mit Hilfe von klapprigen Einwahlmodems mit einer primitiven Technologie und Computern, die deutlich langsamer als die heutigen PCs arbeiteten. Aber alle Menschen mit Weitblick und auch Wall Street hatten bereits erkannt, daß das Internet ein enormes Potenzial zu bieten hatte.
Heute sind es vor allem Investoren, die die großen Erwartungen hegen, und nicht die Technikbegeisterten. Dieses Mal „gibt es an der Wall Street weitaus mehr Euphorie als in Silicon Valley“, bemerkt Paul L. McEntire, Fondsmanager des Marketocracy Technology Plus Fund. Der Grund: So gewaltig das Marktpotential für Suchmaschinen letztendlich auch sein mag, im Gegensatz zu Netscape ist Google wohl kaum für eine technologische Revolution geeignet. Derzeit gibt es Dutzende andere Suchmaschinenbetreiber am Markt, von denen viele sogar Logarithmussysteme verwenden, die - mit der Erlaubnis von Google - sehr nahe an das vielfach gerühmte Google-System heranreichen.
„Google gehört nun mal einfach in das Segment Web-Portale, das mit Yahoo!, Excite und Lycos seinen Anfang gefunden hat. Sicherlich zählt es mit zu den Erfolgreichsten, aber das Unternehmen repräsentiert nicht den Beginn einer neuen Technologieära“, meint auch Peter Cohan, ein unabhängiger Technologieanalyst und -berater aus Marlborough, Massachusetts.
Die neue Nüchternheit
Heutzutage sorgen sich Vorstände der Unternehmen mehr darüber, daß jemand ihren Namen in Google eingibt und mit Hilfe des Webs etwas vermeintlich Unangenehmes über sie ans Tageslicht bringt, als daß sie sich über einen Emporkömmling Gedanken machen, dem es gelingen könnte, mit einer Suchmaschinentechnologie ihr Unternehmen zu vernichten. Das alles ist weit entfernt von dem Technologieboom der späten Neunziger Jahre, der durch den Börsengang von Netscape ausgelöst wurde. Damals ging noch die Angst um, man könnte von Amazon überrannt werden. Dies spornte die Unternehmen an, massive Investitionen in E-Commerce-Technologie und -infrastruktur zu tätigen. Außerdem wurden Milliarden von Dollar für teure Computer-Hardware und Netzwerkausrüstungen ausgegeben.
Das Internet überzeugte auch viele Unternehmen davon, auf jedem Schreibtisch einen PC aufzustellen und schließlich allen Mitarbeitern den Zugang zu diesem neuen und nützlichen Werkzeug zu ermöglichen. Gleichzeitig mußten die Telekommunikationsunternehmen wohl oder übel ihre Netzwerke ausbauen, um der großen Welle des Datenverkehrs Herr zu werden, die sie auf Grund des Internets und des damit verbundenen enormen wirtschaftlichen Wachstums auf sich zuschwappen sahen.
Der Rest der Geschichte dürfte wohl jedem bekannt sein. Nach dem Platzen der Blase existieren heute die stärksten der einstigen Dot.com-Pioniere nach wie vor - bereit für eine zweite Welle technologischer Innovationen und neuer Wertschöpfung. Und trotz der Pein und der Einsparungen der vergangenen Jahre bleibt doch die Tatsache bestehen, daß der Technologieboom der Neunziger Jahre zu einem breiteren Auftrieb der amerikanischen Wirtschaft geführt hat. Die Löhne, der Wert der Eigenheime, praktisch fast alles ist in die Höhe geschossen - mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit und der Inflationsrate.
„Die Unternehmen, die vom Technologieboom profitiert haben, verfügten über sehr viel Kapital und haben es in recht extravaganter Weise ausgegeben: für Hardware, Werbung und sensationelle Partys. Das wird es sicher nicht noch einmal geben“, glaubt Scott Kessler, Analyst für Internetwerte bei Standard & Poor's.
Den Rückzug anführen?
Die Entscheidung von Google, an die Börse zu gehen, wird auf die Gesamtausgaben des Unternehmens für Technologie höchstwahrscheinlich keinen Einfluß haben. Das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien ist mindestens ebenso bekannt für seine Sparsamkeit bei den Ausgaben für Hardware und Software wie für seine großzügigen freiwilligen Sozialleistungen für die intelligente Belegschaft. Im Grunde genommen baut Google seine eigene IT-Ausrüstung. „Sollte Google profitable Möglichkeiten finden, um das durch den Börsengang generierte Geld zu investieren, wird das Unternehmen einigen seiner Wettbewerber wie Yahoo! und Amazon Marktanteile abnehmen“, glaubt Cohan, aber „ich denke nicht, daß es das gesamte Umsatzwachstum des Marktes beschleunigen kann.“
Genauso wenig dürfte ein rasanter Kursanstieg der Google-Aktie am erste Börsentag zu einer breiten Marktrallye führen. Viele Analysten fragen sich, ob der Nadsaq nicht bereits ein wenig überbewertet ist? McEntire glaubt beispielsweise, daß eine Korrektur um zehn bis 15 Prozent überfällig ist. Und selbst wenn der Börsengang von Google einen Marktwert von 25 Milliarden Dollar realisiert, der auch langfristig erhalten bleibt, dürfte der Rest des Marktes davon wahrscheinlich kaum profitieren.
Auch wenn McEntire von Google, seiner Technologie und dem Geschäftsmodell begeistert ist, befürchtet er, daß das Unternehmen sogar einen Rückgang des Marktes anführen könnte, wenn die erste Euphorie über den Börsengang in einer zu hohen Bewertung resultiert. „Vielleicht werden wir für ein oder zwei Tage einen leichten Kursanstieg bei Technologiewerten zu sehen bekommen. Aber wenn die Anleger nach und nach mit der Realität konfrontiert werden, merken sie schnell, daß das Ganze vielleicht doch keine 40 Milliarden Dollar wert ist“, sagt er. „Dann könnte eine leicht überfällige Marktkorrektur einsetzen.“
Business as usual
Den größten Nutzen aus dem Google-Hype ziehen letztendlich die Investmentbanker, die stattliche Gebühren verdienen werden. Die Mitarbeiter von Google, die Aktienoptionen halten, dürften ebenfalls profitieren, da der lange erwartete Zahltag näher rückt. Und natürlich werden die Google-Gründer Larry Page, Sergey Brin und der derzeitige CEO Eric Schmidt noch reicher werden, als sie es ohnehin schon sind.
Wie dem auch sei, dies alles ist weit entfernt von einer Revolution. Statt dessen gleicht alles eher dem „business as usual“ - aus einer Zeit, bevor es Netscape gab.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |