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Gastkommentar Anleger mißtrauen den Chipwerten

16.03.2005 ·  Trotz der soliden Zahlen von Intel und anderen Chipherstellern steuert die Branche möglicherweise auf einen zyklischen Abschwung zu. Die Wall Street reagiert entsprechend zurückhaltend beim Kauf der Aktien.

Von Olga Kharif, BusinessWeek Online
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In der vergangenen Woche ist etwas seltsames passiert. Diverse Halbleiterfirmen gaben Ertrags- bzw. Gewinnerwartungen bekannt, die der Wall Street eigentlich hätten gefallen sollen. Xilinx und Altera haben die Vorgaben für ihr Umsatzwachstum deutlich erhöht, während National Semiconductor am 10. März verkündete, daß der schon alarmierende Umsatzrückgang durch entsprechende Auftragseingänge abgefangen wurde.

Der weltweit größte Chiphersteller Intel rundete noch am selben Tag die positive Prognoselage ab, indem er seinen Umsatz- und Margenausblick für das erste Quartal leicht anhob. Der Umsatz des Silicon Valley-Riesen dürfte demnach zwischen 9,2 und 9,4 Milliarden Dollar liegen, und die Bruttoumsatzmarge wird mit 57 Prozent veranschlagt - plus/minus einem Prozentpunkt.

Sorge über einen zyklischen Abschwung

Dennoch fliehen nervöse Anleger aus dem Halbleitersektor. Allein am 11. März gab der Halbleiterindex der Philadelphia Stock Exchange um fast drei Prozent nach. Der Aktienkurs von Intel fiel am gleichen Tag um 2,6 Prozent auf 24,20 Dollar. Warum diese Abkopplung? Die Anleger scheinen ein bißchen tiefer zu graben und dabei eine Menge Bedrückendes zu finden. „Wir haben einige uneinheitliche Meldungen gesehen“, sagt Shane Rau, Analyst beim Technologieresearch-Unternehmen IDC.

Als Beispiel soll hier Intel dienen, das einen Rückgang seines Vierteljahresumsatzes um drei Prozent gegenüber dem Vorquartal prognostizierte. Auf den ersten Blick liegt dies im Rahmen einer ganz normalen Saisonbedingtheit. Einige Anleger hatten sich jedoch etwas besseres erhofft, da das am zweiten April endende erste Quartal von Intel in diesem Jahr eine zusätzliche Arbeitswoche enthält - so Amit Tewary, Analyst bei Standard & Poor's. In Anbetracht dessen zeigen sich die Anleger nur mäßig begeistert über eine sonst gute Prognose.

Die Bekanntgaben der Chiphersteller von vergangener Woche könnten vielmehr Vorbote eines zyklischen Abschwungs in der Branche sein. Die über einen Zeitraum von 30 Jahren zurückreichenden historischen Daten ließen auf einen Rückgang der Chipumsätze im Jahr 2006 schließen, sagt Tewary. Kluge Anleger, die bereits zwölf Monate weiter denken, steuern einfach auf den Ausgang zu - bei einem noch vergleichsweise hohen Kursniveau.

Werfen wir einen Blick auf den Vertragshersteller National Semiconductor, der den eigenen Angaben zufolge für das im Mai endende vierte Geschäftsquartal ein Umsatzplus von zwei bis vier Prozent gegenüber der Vorperiode ausweisen sollte. Dieses Wachstum erscheint nicht mehr ganz so rosig, wenn man bedenkt, daß National Semi (im Gegensatz zu den meisten anderen Unternehmen der Branche) die Chipauslieferungen an die Vertriebspartner bereits als Umsatz verbucht - und nicht die Produktauslieferung der Vertriebspartner an die Elektronikhersteller, wie es eben andere Chipproduzenten tun.

Sich verlangsamende Nachfrage nach Endgeräten

Die von dem Unternehmen ausgewiesenen Umsatzergebnisse signalisieren daher nicht automatisch eine Belebung der Endnachfrage. Im Gegenteil: Die Geschäftsleitung von National Semi hat eingeräumt, daß sie die Nachfrage derzeit nicht in Schwung kommen sieht. Die Auslieferungen liegen im Vergleich zum dritten Vierteljahr zwar höher, trotzdem dürften die Umsätze des Chipherstellers im vierten Quartal um ca. 100 Millionen Dollar niedriger ausfallen als im entsprechenden Vorjahresquartal.
Andere Trends geben ebenfalls Anlaß zur Sorge: In diesem Jahr wird die Nachfrage nach PCs vermutlich um acht bis zehn Prozent steigen. Im vergangenen Jahr lagen die PC-Absätze jedoch noch mit 15 Prozent im Plus. Die Auslieferungen von Mobiltelefonen (im vergangenen Jahr eine wichtige Triebkraft für die Umsätze der Chiphersteller) dürften in diesem Jahr lediglich um zehn Prozent zunehmen und damit das Wachstum von 30 Prozent im Jahr 2004 deutlich verfehlen, schätzt Tewary.

Die Chiplieferanten bekommen die Nachwirkungen bereits zu spüren. Intel läuft den eigenen Angaben zufolge kapazitätsmäßig zwar auf Höchsttouren, doch nutzen andere Hersteller ihre Kapazitäten zurzeit nur zu 60 Prozent aus. Im vergangenen Jahr habe der Auslastungsgrad im Durchschnitt noch bei 93 Prozent gelegen, sagt Trevor Yancey, Analyst beim Halbleiterberater IC Insights in Scottsdale, Arizona.
Dies dürfte zu steigenden Stückkosten führen und bei den Chipproduzenten eine größere Bereitschaft auslösen, zur Steigerung des Auslastungsgrades die Preise entsprechend zu senken. Tewary schätzt, daß die durchschnittlichen Verkaufspreise für DRAM-Chips in diesem Jahr beispielsweise um 30 Prozent fallen werden - eine Zahl, die die normale jährliche Rückgangsrate eindeutig übertrifft.
Diese Entwicklungen sowie die unsicheren Wirtschaftsdaten lassen die Anleger weitaus weniger bereitwillig auf Chiphersteller spekulieren. Die Aktien „sind alles andere als günstig“, erklärt Peter Hofstra, Analyst bei AIC-Fonds, die in Intel investiert sind.

Die relativ hohen Aktienkurse könnten im Juli noch mehr hervorstechen, wenn börsennotierte Unternehmen dazu aufgefordert sind, ihre Aktienoptionen künftig als Aufwand zu verbuchen. Diese Neuerung dürfte die Chiphersteller besonders hart treffen. Laut Schätzung eines Analysten könnten einige von ihnen dadurch bis zu 65 Prozent ihres Gewinns einbüßen.

Sind die Anleger einfach nur nervös? Bei all dem, was sich momentan abspielt, erscheinen sie eher um einiges umsichtiger als nervös zu sein.

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