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Veröffentlicht: 16.08.2016, 08:04 Uhr

Chance nach Brexit Frankfurt will Fintechs aus London anziehen

Die Zukunft der Banken ist digital. Die Ideen dafür entstehen aber meist in Kalifornien, London oder Berlin. Frankfurt will nun aufholen – mit vereinten Kräften.

von und , London
© Wolfgang Eilmes Platz an der Sonne: Im Hochhaus Pollux sollen Fintechs, Banken und Investoren zusammenfinden.

15. August. Im Wettbewerb um die cleversten neuen Finanzideen bündelt Frankfurt nun seine Kräfte. Im Hochhaus Pollux direkt neben dem Messeturm soll auf einer ganzen Etage zum 1. Oktober ein neues Fintech-Zentrum entstehen. Junge Unternehmen mit guten technologischen Ideen sollen dort günstige gutausgestattete Büros finden, sowie Ansprechpartner aus Banken und die Gelegenheit, sich mit Investoren und Beratern zu vernetzen. Ähnliche Einrichtungen gibt es in der Stadt bereits von der Deutschen Börse, Banken wie die Commerzbank bieten sogenannte Inkubatoren, in denen sie Fintechs Starthilfe geben.

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Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), auf dessen Initiative das Zentrum zurückgeht, sagte am Montag mit Blick auf die bereits weit fortgeschrittene Digitalisierung vieler Bankgeschäfte: „Die Zukunft findet bereits statt, die spannende Frage ist: Wo findet sie statt?“ Der Finanzplatz Frankfurt dürfe bei der Digitalisierung nicht den Anschluss verlieren. Der 20. Geburtstag des Nokia Communicators als erstes Smartphone zeige zum einen, wie schnell sich Technologie weiterentwickele, aber auch, dass Unternehmen, die einmal gut in etwas waren, innerhalb weniger Jahre in Schwierigkeiten geraten könnten.

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Al-Wazir stellte klar, dass das Fintech-Zentrum kein staatlicher Zuschussbetrieb sein soll. Das Land sei notfalls bereit, einen Anschub zu leisten. Grundsätzlich aber solle sich die Betreibergesellschaft, die von der Förderbank des Landes, der Wi-Bank, der Stadt und der Goethe-Universität getragen wird, aus den Mieteinnahmen und Sponsorengeldern finanzieren. Zu den Sponsoren zählen die Deutsche Bank, die DZ-Bank und die ING-Diba, aber auch Wirtschaftsprüfer und Kanzleien. Sie steuern jeweils zwischen 25.000 und 100.000 Euro im Jahr bei.

„Vernetzungsgedanke funktioniert schon“

Die Mieten sollen bei 240 Euro im Monat losgehen. Vorerst sollen 114 Arbeitsplätze entstehen, die zum Teil in Großraumbüros, zum Teil in Einzelbüros liegen. Etablierte Unternehmen können auch zusammenhängende Flächen mieten. Eine große Rolle spielen in dem Zentrum aber auch die Flächen für die Vernetzung, für Seminare und Investorenbesuche. „Wir geben keinen kostenlosen Raum her, sondern wollen mit Mehrwert Interessenten anziehen“, sagte Sebastian Schäfer, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft. Die Flächen, etwa 1600 Quadratmeter, sind auf 7,5 Jahre von Blackstone angemietet. Darüberhinaus soll es die Möglichkeit geben, ein weiteres Stockwerk anzumieten.

Die ING Diba, deren Zentrale nur wenige hundert Meter von dem Hochhaus Pollux entfernt liegt, will in dem Gebäude im November ebenfalls ihr Innovationszentrum einrichten und hat dafür zwei Etagen in dem Gebäude angemietet. Andere Banken wollen einzelne Mitarbeiter dort unterbringen. „Der Vernetzungsgedanke funktioniert also schon“, befand Al-Wazir. Großes Vorbild für das Fintech-Zentrum in Frankfurt war das Level 39 in London, das Al-Wazir in der vergangenen Woche während seiner Werbetour an der Themse besucht hatte.

Frankfurt ist spät dran

Im 39. Stock eines Büroturms im Londoner Finanzviertel Canary Wharf liegt seit dreieinhalb Jahren das Fintech-Startup-Zentrum der Stadt. Mehr als 200 junge Unternehmen feilen dort mittlerweile an ihren Geschäftsmodellen. Das gibt es sonst nirgendwo in Europa. „Mit leuchtenden Augen“ habe man in Hessen die Erfolgsgeschichte von Level 39 verfolgt, räumte Al-Wazir in London offen ein.

Tarek Al-Wazir - Der hessische Wirtschaftsminister besucht erst die Fintech AG und danach die Baustelle im Hochhaus Pollux. © Wolfgang Eilmes Vergrößern Aufrüstung: Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir will Frankfurt gegenüber der Konkurrenz aus Kalifornien, London und Berlin fit machen.

Frankfurt ist mit seinem eigenen Fintech-Zentrum dagegen spät dran – und anders als in Frankfurt ist das Londoner Vorbild von vornherein eine private Gründung. Hinter Level 39 steht die Immobiliengesellschaft, der das Finanzviertel Canary Wharf gehört. Die London-Visite Al-Wazirs war eine Werbetour für den Finanzplatz Frankfurt. Ihm ging es dabei nicht zuletzt um die Fintech-Gründer. Zwei Tage klapperte er an der Themse Banken und andere Unternehmen aus der Branche ab, um für den heimischen Finanzplatz zu werben. Ähnlich wie andere europäische Finanzzentren hofft auch Frankfurt auf zusätzliche Arbeitsplätze, denn die Geldhäuser müssen wegen des Austritts Großbritanniens aus der EU womöglich Jobs aus London abziehen, um weiter freien Zugang zum kontinentaleuropäischen Finanzmarkt zu haben.

Brexit als Chance für Frankfurt

Bisher allerdings hat London nicht nur im traditionellen Bankgeschäft, sondern auch bei der Digitalisierung des Geldgeschäfts klar die Nase vorn. Vorzeige-Unternehmen der Fintech-Branche wie Transferwise und Funding Circle sind hier entstanden. Eine Studie der Unternehmensberatung EY im Auftrag der britischen Regierung schätzt, dass es in Großbritannien rund 61.000 Fintech-Arbeitsplätze gibt, in Deutschland dagegen nur 13.000. Die Branche erwirtschaftete demnach im vergangenen Jahr auf der Insel einen Umsatz von umgerechnet rund 7,6 Milliarden Euro. Die britische Regierung fördert die Gründer mit umfangreichen Steuerrabatten nach Kräften.

„Aber der Brexit ist eine Chance für Frankfurt, aufzuholen“, sagt Michael Mellinghoff, Partner des Fintech-Beratungshauses Techfluence in London. Die Unsicherheit, die der EU-Austritt mit sich bringe, sei auch für die britischen Fintech-Unternehmen ein Standortnachteil. Aus zwei Gründen macht der bevorstehende EU-Austritt der britischen Start-up-Szene Sorgen: Einerseits könnten auch manche Fintech-Unternehmen, ähnlich wie die großen Banken, mit dem Brexit den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen verlieren. Das sogenannte „financial passporting“ ist bedroht. Andererseits fürchten sie, dass es schwieriger wird, qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land zu holen, weil die Regierung in London nach dem Brexit die Einwanderung eindämmen will. „Klar gibt es Bedenken. Der Zugang zu guten Mitarbeitern muss weiter offen sein“, sagt Peter Cunnane, Manager der City of London Corporation, dem Lobbyverband der Geldbranche an der Themse. Nach Schätzung des britischen Fintech-Verbands Innovate Finance hat fast jeder dritte Mitarbeiter in der Branche keinen britischen Pass, die meisten Ausländer kommen aus der EU.

Am Montag in Frankfurt sagte Al-Wazir: „Das Wichtigste im Level 39 war die Cookie-Time jeden Tag um 15 Uhr. Da brauchen wir noch ein Frankfurter Äquivalent.“

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