18.04.2008 · Nachdem die erwarteten Umsätze bei General Electric weit verfehlt wurden, gehen die Analysten davon aus, dass nervöse Anleger angesichts von Rezessionsängsten auch weiterhin den Abzug gedrückt halten, wenn sie enttäuscht werden.
Von David BogoslawDie Gewinnsaison ist in vollem Gange, und die Emotionen schlagen hohe Wellen. Dies schlägt sich auch in den großen Bewegungen bestimmter Aktien nieder, die entweder die Erwartungen übertroffen haben oder hinter diesen zurückbleiben.
Die übermäßige Reaktion des Marktes auf einzelne positive Umsatzberichte vom 16. April könnte eine Wende darstellen, die darauf schließen lässt, dass die Anleger in den kommenden Wochen gemäßigter auf Finanzergebnisse reagieren werden, ob diese nun gut oder schlecht ausfallen. Der Dow Jones Industrial Average zog um 256 Punkte bzw. 2,08 Prozent an, während der Aktienindex S&P-500 30,28 Punkte bzw. 2,27 Prozent höher schloss.
„Die von JP Morgan gemeldeten Zahlen deuten darauf hin, dass die Finanzwerte nach wie vor unter Druck stehen, doch das Unternehmen musste im [ersten] Quartal keine großen Abschreibungen vornehmen, die über die Erwartungen hinausgehen“, meint Hank Herrmann, Chief Executive des Investmentfonds-Unternehmens Waddell & Reed Financial in Overland Park, Kansas. Dies wird die positive Haltung gegenüber dem Finanzsektor insgesamt verstärken und der Rally vom 16. April noch stärkeren Rückenwind geben, fügt er hinzu.
General Electric - ein Schock für die Anleger
Allerdings wagt er nicht zu prognostizieren, wie der Markt reagieren wird, wenn andere Finanzunternehmen in den kommenden Wochen ihre Quartalsergebnisse bekannt geben, die seiner Ansicht nach sicherlich sehr große Abschreibungen beinhalten werden.
Der Spitzenkonzern General Electric ist stark in den Blickpunkt der Medien gerückt, nachdem er am 11. April anstelle des 12-prozentigen Umsatzanstiegs, den Chief Executive Jeffrey Immelt den Anlegern nur drei Wochen zuvor quasi versprochen hatte, eine Umsatzeinbuße in Höhe von 6 Prozent für das erste Quartal melden musste. Der Unternehmensgewinn von 44 Cent pro Aktie verfehlte die übereinstimmenden Schätzungen der Wall Street, die bei 51 Cent lagen. Immelt führte 5 Cent des Defizits darauf zurück, dass es „im März außerordentliche Turbulenzen an den Kapitalmärkten“ gegeben habe.
Diese Nachricht war ein Schock für die Anleger, die daran gewöhnt sind, von GE in jedem Quartal Berichte über ein kontinuierliches Umsatzwachstum vorgelegt zu bekommen. Die Aktie von GE stürzte am 11. April um 12,8 Prozent in die Tiefe - der größte Einbruch, den sie seit dem 11. September 2001 an einem einzigen Tag verzeichnet hat.
Der frühere Chief Executive Officer von GE, Jack Welch, machte am Mittwochmorgen in den Wirtschaftsnachrichten von CNBC keinen Hehl aus seiner Wut, dass Immelt sein Versprechen eines 12-prozentigen Gewinnanstiegs im ersten Quartal nicht eingehalten hatte. „Da haben wir den Salat! Sie haben ein Versprechen gegeben, das Sie drei Wochen später brechen mussten“, schimpfte Welch. „Es mangelt Jeff an Glaubwürdigkeit. Er bekommt eins auf den Deckel. Er musste sich entschuldigen.“
Sind sie Probleme bei Genereal Electric nur auf die Finanzsparte zurückzuführen?
Nach Ansicht von Welch wird Immelt in der Lage sein, das Vertrauen des Marktes zurück zu gewinnen, und alle Fragen nach den Fehlern, die das Unternehmen begangen habe, und all die Rufe nach seiner Zerschlagung seien übertrieben gewesen. „Meiner Ansicht nach ist die Reaktion auf einige Enttäuschungen überhitzter ausgefallen, als ich es mir gewünscht hätte“, meint auch Hank Herrmann von Waddell & Reed. „Als GE seine Zahlen veröffentlichte, ließ man sich lautstark über eine Branchenschwäche aus, und aufgrund der schwachen Zahlen von GE wurden alle Industriewerte verteufelt.“
Herrmann zufolge war es grundfalsch, das Debakel von GE auf den gesamten Industriesektor zu übertragen, da die Probleme von GE zum großen Teil auf seine Finanzdienstleistungssparte zurückzuführen waren, die durch die allgemeine Kreditkrise stark gebeutelt wurde. Die Erholung der Industriewerte vom 16. April scheint zu bestätigen, dass die Anleger ihre Bewertung dieser Papiere seit Bekanntgabe der GE-Ergebnisse noch einmal überdacht haben, erklärt er.
Dennoch haben zunehmende Befürchtungen über die mögliche Dauer und Tragweite der Rezession wohl ihren Teil zu den erhitzten Emotionen an der Wall Street beigetragen. „In einem Umfeld, in dem allgemein mehr Besorgnis herrscht, könnten sich die Folgen verschärfen, allerdings nur um einen kleinen Prozentsatz“, meint Alec Young, Equity-Stratege bei Standard & Poor's Equity Research. „Bei einer Rezession könnte die Reaktion jedoch heftiger ausfallen, [da] sich die Anleger weniger tolerant zeigen. Sie sind bei Rezessionen wesentlich misstrauischer.“
Nach Ansicht von Young sind Anleger in der Regel nach wie vor daran interessiert, herauszufinden, warum ein Unternehmen die Erwartungen der Analysten nicht erfüllen konnte, und sie werden zwischen einem einmaligen Problem und grundlegenderen Schwächen differenzieren. „Die größte Veränderung, die bei GE stattgefunden hat, ist die Tatsache, dass das Unternehmen seine Umsatzprognosen herabgesetzt hat, und zwar nicht nur für das Quartal, sondern für das gesamte Geschäftsjahr“, erläutert er. „Die Leute können eins und eins zusammen zählen und wissen, mit welchem Faktor neue Umsatzerwartungen zu multiplizieren sind.“
„Extreme Risikoaversion“ führt zu starken Kursbewegungen
Einige kleinere Unternehmen haben es GE gleichgetan und ihre Umsatzprognosen ebenfalls nach unten korrigiert, doch viele von ihnen haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Am 15. April brachen die Aktien von Affymetrix um 33 Prozent ein und erreichten ihren tiefsten Stand seit neun Jahren, nachdem der Hersteller des Systems der genetischen Datenanalyse mittels GeneChips seine Ertragsprognose für das Jahr 2008 um beinahe 3 Prozent auf 490 bis 510 Millionen Dollar gesenkt hat. Das Unternehmen erwartet einen Rückgang der Forschungsausgaben seiner pharmazeutischen und industriellen Kunden.
Am gleichen Tag brach die Aktie von Crocs um 43 Prozent ein, nachdem der Freizeitschuhhersteller seine Prognose für das erste Quartal von 46 Cent pro Aktie auf ein Breakeven bis zu einem Verlust von 5 Cent pro Aktie nach unten korrigiert und seine Umsatzschätzung von 225 Millionen Dollar auf etwa 195 bis 200 Millionen Dollar gesenkt hatte. Als Grund führte Crocs das „schwierige“ Marktumfeld im amerikanischen Einzelhandel an.
Young hält den Ausverkauf, der auf die drastische Kürzung der Gewinnprognose von Crocs folgte, keineswegs für übertrieben. Er beschreibt das Unternehmen als „Wachstumswert im Abwind“, der „gerade einen Sättigungspunkt erreicht hat“ und seine bisherige Wachstumsrate nicht mehr aufrechterhalten kann. „Meiner Meinung nach irren sich die Märkte nie“, sagt er. „Solch ein Debakel tritt niemals ein, ohne dass eine einschneidende Verlagerung entsprechend den Erwartungen der Anleger stattfindet. “
Bill Stone, Chef-Investmentstratege bei PNC Wealth Management in Philadelphia, führt die übergroßen Aktienbewegungen auf eine „extreme Risikoaversion“ zurück. Diese betrachtet er als etwas Natürliches, nachdem die Anleger durch die Probleme an den Kreditmärkten wachgerüttelt wurden, die sich gegen Ende des vergangenen Jahres explosionsartig zu einer größeren Finanzkrise ausgeweitet hatten. „Wenn ein Jäger sein Ziel knapp verfehlt, möchte er es erneut ins Visier bekommen und darauf schießen“, meint er. „Meiner Meinung nach ist das Verhalten der Anleger ein wenig irrational geworden, da sie sich zunächst rasch zurückziehen und später anfangen, Fragen zu stellen.“
Die Frage, ob uns eine mögliche Rezession bevorsteht, hat die Anleger unberechenbarer werden lassen. So versuchen sie, herauszufinden, ob die unerfüllten Gewinnerwartungen eines Unternehmens nur als Phänomen eines einzigen Quartals oder als Beginn eines längerfristigen Trends zu bewerten sind, meint Alan Strainko, Chef-Marktstratege bei Edward Jones in St. Louis. Das trägt dazu bei, dass man sein Augenmerkt verstärkt auf kurzfristige Zahlen richtet und längerfristige Perspektiven vernachlässigt, sagt er.
40 Prozent der Erträge der im S&P 500 abgebildeten Unternehmen stammen aus internationalen Quellen
Die Aktien von GE mussten Schläge einstecken, da das Unternehmen über einen relativ großen Finanzdienstleistungsbereich verfügt, in dem sich „genau das widerspiegelt, was derzeit in der globalen Wirtschaft vor sich geht“, sagt Strainko. Anleger mit langfristigem Horizont sollten den Rückgang angesichts der langen Erfolgsgeschichte des Unternehmens als Kaufgelegenheit betrachten, fügt er hinzu.
Obgleich GE als Indikator für die gesamte Volkswirtschaft herangezogen werden kann, muss sich eine Schwäche des Unternehmens nicht zwangsläufig auf alle Aktienmärkte ausweiten, meint Bill Stone von PNC. Auch wenn GE mithilfe seiner Stärke an den Überseemärkten seine Abhängigkeit vom Finanzsektor nicht völlig ausgleichen konnte, so stammen dennoch rund 40 Prozent der Erträge der im S&P 500 abgebildeten Unternehmen aus internationalen Quellen. Dies dürfte vielen Unternehmen in diesem Quartal als Triebfeder für positive Umsatzzahlen dienen, prognostiziert er.
Nach Ansicht der Marktanalysten wird durch die Entwicklung am Immobilienmarkt und die Risikobereitschaft der Anleger mitbestimmt, wann diese ihre Nervosität ablegen können. Hank Herrmann von Waddell & Reed ist der Auffassung, dass die Anleger „viel mehr Transparenz benötigen und das Gefühl haben müssen, dass sich hinsichtlich des Verfalls der Immobilienpreise eine ernstzunehmende Lösung abzeichnet.“
Nach Ansicht von Bill Stone von PNC könnte alles darauf hinauslaufen, dass sich die Anleger künftig nicht mehr mit den mageren Renditen ihrer Anlagen zufrieden geben wollen. „Letztendlich werden die Leute es leid, an einer zweijährigen Staatsanleihe 1,91 Prozent oder an einer dreimonatigen Staatsanleihe 1,11 Prozent zu verdienen, wenn man 2,2 Prozent erhalten kann, indem man lediglich die Dividenden der Werte des S&P 500 abschöpft“, sagt er. „Unserer Ansicht nach sind Aktien eine günstige Anlage, insbesondere wenn man sie im Vergleich mit Anleihen betrachtet, und hier vor allem mit Staatsanleihen.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |