31.08.2008 · In der Finanzkrise bessern sich allmählich die Vorzeichen. Die Liquidität vieler Banken ist zwar immer noch angespannt. Aber nach einer Einschätzung von Investoren, muss sich niemand mehr vor einer systemischen Bankenkrise fürchten.
Von Bettina Schulz, LondonDie Finanzmärkte erleben derzeit die direkten Auswirkungen der sehr unterschiedlichen Notenbankpolitik der amerikanischen Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank (EZB) auf die Finanzmarktkrise. Das erste Jahr der Krise ist vorüber. Es waren zwölf Monate, in denen nicht nur die scharfe Korrektur auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt die Marktteilnehmer überrascht hat, sondern vor allem die gefährliche Liquiditätskrise auf dem Bankenmarkt und sogar die Furcht vor einer systemischen Bankenkrise.
Diese Zeit ist vorbei. Die Liquidität vieler Banken ist zwar immer noch angespannt. Aber vor einer systemischen Bankenkrise muss sich niemand mehr fürchten. Das ist die überwiegende Einschätzung der Investoren, was sich in den deutlich gestiegenen Aktienkursen im Bankensektor zeigt. Der Markt befindet sich jetzt in der Situation, in der die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft durchschlagen und die unterschiedlichen Ansätze der Federal Reserve und der EZB Konsequenzen zeigen. Die Federal Reserve hatte den Leitzins - auch auf den Druck der Wallstreet-Banken hin - sofort bei Ausbruch der Krise um 75 Basispunkte und dann in weiteren Schritten auf nur noch 2 Prozent gesenkt und damit eine Abwertung des Dollar beschleunigt.
Dollar-Verfall hilft den Vereinigten Staaten im Export
Ob die drastischen Zinssenkungen so gerechtfertigt waren, steht auf einem anderen Blatt. Die Zinssenkungen haben zwar zwischenzeitlich zu Inflationsbefürchtungen, einer Flucht der Anleger in Realwerte wie Rohstoffe und Öl und damit zu nochmals stärkeren Inflationsbefürchtungen geführt. Aber der Dollar-Verfall hat den Vereinigten Staaten auch einen Wettbewerbsvorteil im Export verschafft. Es ist weitgehend der stabile Export, der dem Land in den letzten Monaten unter die Arme gegriffen hat. Das erklärt, warum das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten im zweiten Quartal mit 3,3 Prozent überraschend kräftig gewesen ist.
Dies muss nicht von Dauer sein. Am Freitag zeigte sich, dass der Konsum einbricht, denn die fiskalpolitischen Steuererleichterungen laufen aus, und das real verfügbare Einkommen schrumpft nun. Der S&P-500-Aktienindex beendet die Woche daher am Freitag bei 1282,82 Punkten mit einem leichten Wochenminus von 0,7 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat ein anderes Mandat als die amerikanische Federal Reserve, die neben der Inflationsbekämpfung auch für ein stabiles Wachstum zu sorgen hat. Die EZB ist ausschließlich der Inflationsbekämpfung verpflichtet, hat auf die Finanzkrise daher nicht mit einer Senkung des Leitzinses reagiert, sondern streng auf die Inflationsgefahren geschaut.
Dies hat zu einer Überbewertung des Euro gegenüber dem Dollar geführt, die Exportchancen der Europäer sehr belastet und letztlich dafür gesorgt, dass nun selbst die deutsche Wirtschaft ins Stottern gerät. Bewahrheiten sich die im Ifo-Geschäftsklima abgebildeten Erwartungen - der Index ist auf das niedrigste Niveau seit 1993 gesunken -, droht Deutschland möglicherweise eine technische Rezession. Zahlreiche europäische Länder sind bereits an den Rand der Rezession gerutscht. Der deutsche Aktienindex Dax ging am Freitag mit 6422 Punkten fast unverändert aus dem Markt und verbuchte ein leichtes Wochenplus von 1,3 Prozent.
Der Gipfel der Inflationsängste sollte überschritten sein
Es ist eine müßige Frage, ob in der heutigen Zeit der Globalisierung und engen Verzahnung der Finanzwirtschaft und Realwirtschaft darüber nachgedacht werden sollte, ob langfristig vielleicht auch die Notenbanken eine eher einheitliche Politik verfolgen sollten. Am Mittwoch werden Zahlen der Europäischen Kommission voraussichtlich zeigen, dass das Wirtschaftswachstum in Europa im zweiten Quartal gesunken ist. Die Inflation in Europa ist im August bereits von 4 auf 3,8 Prozent zurückgefallen. Der Gipfel der Inflationsängste sollte also überschritten sein.
Es ist allerdings zu erwarten, dass die EZB auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag peinlich darauf achten wird, dass ihre geldpolitische Ausrichtung als strikt „neutral“ angesehen wird. Die EZB wird den Leitzins wohl bei 4,25 Prozent belassen. Noch ist die Sprachregelung der EZB, dass die Inflationsgefahren nach wie vor zu hoch seien, als dass die Notenbank über Zinssenkungen nachdenken könnte. Die EZB braucht sehr lange, um auf die schwächeren Konjunkturaussichten in der Währungsunion zu reagieren. Die Märkte stellen sich bereits darauf ein, dass die Zentralbank im kommenden Jahr mit Leitzinssenkungen aufwarten muss. So erwartet die Deutsche Bank Ende des ersten Quartals 2009 die erste Zinssenkung. Bis Ende 2009 sei mit Zinssenkungen von gut 100 Basispunkten zu rechnen.
Wechselkurserholung des Dollar gegenüber dem Euro dürfte sich fortsetzen
„Unsere Prognose stützt sich allerdings darauf, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bis Mitte nächsten Jahres einer Rezession ähneln werden“, warnt die Deutsche Bank. Dies sei freilich eine Annahme, die die EZB nicht teile. Aber es zeige sich deutlich, dass die Auswirkungen der Finanzkrise in Form strengerer Kreditvergabebedingungen auf die Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen und Haushalte übergriffen und sich damit die Finanzkrise auf die Realwirtschaft ausweite.
Die Wechselkurserholung des Dollar gegenüber dem Euro dürfte sich daher fortsetzen, auch wenn die bisherige Aufwertung ein wenig zu schnell kam. Morgan Stanley erwartet, dass sich der Dollar bis Ende des Jahres gegenüber dem Euro von derzeit 1,467 Dollar auf 1,40 Dollar erholen wird. Dazu würde dann eine Fortsetzung der Ölpreis-Korrektur passen. Hurrikan Gustav könnte den Ölpreis zwar zwischenzeitlich kurz auf 120 Dollar je Barrel treiben, und auch ein Preisanstieg auf 130 Dollar je Barrel ist in den nächsten Wochen nicht auszuschließen. Dann aber dürfte der Ölpreis seine Korrektur nach unten wieder fortsetzen. Zahlreiche Marktbeobachter erwarten, dass der Ölpreis bis auf 90 Dollar korrigieren wird. Damit wäre dann endgültig die letzte spekulative Übertreibung dieser Finanzkrise ausgestanden, und die Marktteilnehmer könnten wieder aufatmen.
Die wahren Ursachen der EU Finanzkrise
Dieter Spethmann (dspeth)
- 01.09.2008, 00:13 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
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