08.09.2008 · Die Bewertung von Wirtschaftszahlen ist unvorhersehbar geworden. Das zeigen jetzt auch Fannie und Freddie. Der Bericht von den Finanzmärkten.
Von Gerald BraunbergerWie werden die Aktienmärkte am Montagvormittag wohl auf die Ankündigung reagieren, wonach die amerikanische Regierung die Führung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac in die Hand nimmt? Alles ist möglich. Ein Haussier wird sagen, die Nachricht aus Amerika sei gut, weil die Regierung auf diese Weise den von Fannie und Freddie dominierten Markt für auf Hypotheken basierende Anleihen stabilisiere.
Ein Baissier wird sagen, der Eingriff der Regierung zeige nur, dass die Lage am amerikanischen Immobilienmarkt noch fürchterlicher ist als bisher gedacht und sich die Ausfallwahrscheinlichkeit privater Hypothekenkredite durch den Aktionismus der Regierung überhaupt nicht verändert.
Das Gute an der schlechten Nachricht suchen
Wenig optimistisch äußerte sich am Wochenende der Vorstandsvorsitzende der größten britischen Hypothekenbank HBOS, Andy Hornby, der die Häuserpreise in den Vereinigten Staaten frühestens in 18 Monaten wieder steigen und die Banken dementsprechend noch lange leiden sieht. Im Vergleich der Argumente hat der Baissier vermutlich eher recht als der Haussier: Die Nachrichten um Fannie und Freddie sind keine guten. Aber das schließt nicht aus, dass der Aktienmarkt die Nachrichten aus Washington trotzdem irgendwie positiv findet.
Denn so ratlos und wetterwendisch wie zuletzt haben die Aktienmärkte lange nicht mehr ausgesehen. Innerhalb von zwei Tagen hat der Dax mehr als 5 Prozent eingebüßt, und das ist zugegeben eine Menge Holz. Der Pessimismus gründet nicht zuletzt darauf, dass der Markt einige Daten völlig anders interpretiert als zuvor.
Das gilt zum Beispiel für die Rohstoffpreise, darunter der Ölpreis. Deren Fall in den vergangenen Wochen haben die Aktienmärkte überwiegend positiv gesehen, weil niedrigere Rohstoffpreise inflationsdämpfend und konjunkturanregend wirken. In den vergangenen Tagen haben die Aktienmärkte aus den fallenden Rohstoffpreisen aber plötzlich eine andere Botschaft herausgelesen, die von Analysten allerdings schon seit Wochen auch verbreitet wurde und ziemlich naheliegend ist: Die billigeren Rohstoffe gelten nun als ein Indiz für ein rückläufiges Wirtschaftswachstum und damit als ein schlechtes Omen für die Aktienkurse.
Warten auf das Unwahrscheinliche
Völlig umgedreht hat die Börse auch ihre Wahrnehmung der europäischen Geldpolitik. Dass die Europäische Zentralbank (EZB) vor einigen Wochen ihren Leitzins erhöhte, hatte die Aktienmärkte damals zwar nicht in Euphorie versetzt. Aber der Wille der EZB, gegen die Inflation vorzugehen, fand durchaus auch Anerkennung. Als am vergangenen Donnerstagnachmittag die Aktienkurse deutlich nachgaben, war an der Börse zur Abwechslung zu hören, dafür sei nicht zuletzt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet verantwortlich.
Trichet habe in seinen Kommentaren nach der Zentralbankratssitzung keinen vom Aktienmarkt erhofften Hinweis auf eine Senkung der Leitzinsen in absehbarer Zeit gegeben. Wie die Börse auf die Idee kam, Trichet könne eine Leitzinssenkung andeuten, muss ihr Geheimnis bleiben. In der Kommunikation der EZB deutete in der jüngeren Vergangenheit überhaupt nichts auf eine solche Absicht hin. Im Gegenteil: Bundesbankpräsident Axel Weber hatte erst kürzlich öffentlich über eine eventuelle weitere Leitzinserhöhung räsoniert.
Lieber doch Anleihen
Die offensichtliche Orientierungslosigkeit am Aktienmarkt veranlasst nicht wenige Marktteilnehmer mit Blick auf die Kursentwicklung zur Vorsicht. „Die Nachrichtenlage bleibt für die Aktienmärkte schwierig, eine klare Tendenz zeichnet sich weiterhin nicht ab“, heißt es im Wochenausblick der West LB. „Zudem bleibt die Risikoaversion hoch, nicht zuletzt, weil auch für die europäischen Aktienmärkte grundsätzlich positive Entwicklungen mitunter zweideutig werden können: Wie weit dürfen Ölpreis und Euro sinken, bis die Erleichterung darüber von Befürchtungen vor einem stärker als erwarteten konjunkturellen Abschwung überlagert wird?“
Einen konkreten Schluss ziehen aus den Turbulenzen die Anlagestrategen des holländischen Finanzkonzerns ING, die Aktien gegenüber Anleihen untergewichten. „Wir rechnen in Kürze mit Gewinnwarnungen und einem Kursrückgangsrisiko“, heißt es mit Blick auf den Aktienmarkt, für den die ING frühestens im kommenden Jahr wieder bessere Aussichten sieht: „Wir sind der Ansicht, dass die Aktienmärkte erst kurz bevor die Unternehmenserträge auf dem Tiefstand stehen, in eine nachhaltige und mehrjährige Erholungsphase eintreten. Damit ist frühestens Mitte 2009 zu rechnen, es könnte aber auch noch bis 2010 dauern.“
Weiter schreiben die Analysten der ING: „Generell erreichen die Aktienkurse allerdings früher die Talsohle als Unternehmenserträge. Auch wenn der Beginn eines neuen Bullenmarktes noch in weiter Ferne liegt, wird die schlimmste Phase dieser Baisse wohl erst in den kommenden Monaten erreicht. Bis eine nachhaltigere Erholung einsetzt, werden die Märkte innerhalb einer breiten Trading-Range verharren.“
Südeuropas Anleihen weniger gefragt
Wie so oft, geht eine Baisse am Aktienmarkt mit Kursgewinnen am Anleihemarkt einher. Allerdings beginnen die Anleger beim Blick auf Staatsanleihen zu differenzieren. So haben die Renditeunterschiede zwischen Bundesanleihen einerseits und Anleihen aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal andererseits ihren höchsten Stand seit Einführung des Euro erreicht. Die von den Anlegern verlangten Risikoaufschläge für die südeuropäischen Staatsanleihen sind ein Signal, dass nach Ansicht der Marktteilnehmer die Konjunkturschwäche den Süden Europas besonders hart treffen wird.
Nachdem in der vergangenen Woche ein unerwartet starker Anstieg der Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten die Finanzmärkte verstört hat, stehen auch in den nächsten Tagen wichtige Konjunkturdaten aus Amerika an: Am Donnerstag kommen die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und am Freitag die Einzelhandelsumsätze und die Erzeugerpreise. Und da die Hurrikan-Saison nicht beendet ist, wird man auch an den Finanzmärkten genau beobachten, welche Schäden der sich der Küste nähernde Wirbelsturm „Ike“ anrichten wird.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |