15.12.2008 · Die Autokrise hat in Erinnerung gerufen, dass der Boden noch nicht so fest ist wie erhofft. Goldman Sachs und Morgan Stanley könnten für neuerliche Erschütterungen sorgen. Derweil sinken die Zinsen ins Bodenlose - nur nicht für Unternehmen
Von Claus TiggesWomöglich eilt Washington der angeschlagenen amerikanischen Autoindustrie ja doch noch zu Hilfe. Zumindest erwägt das Weiße Haus nach dem Kollaps der Rettungsgespräche im Kongress, den „Drei aus Detroit“ mit Geld aus dem 700-Milliarden-Dollar-Paket unter die Arme zu greifen, das eigentlich ausschließlich zur Stützung des Finanzsystems gedacht war.
Am Kursverlauf an der Wall Street ließ sich am Freitag eindrucksvoll ablesen, mit welch großem Interesse die Akteure an den Finanzmärkten den Fortgang der Ereignisse und das Schicksal der Autobauer aus Michigan verfolgen: Auf die Nachricht vom Scheitern der Verhandlungen im Senat rutschten die Notierungen an Wall Street zunächst tief in den Keller.
Zahlen könnten für neue Erschütterungen sorgen
Doch als etwas später Gerüchte über einen möglichen Kredit des Finanzministeriums die Runde machten, kletterten die Kurse wieder in die Höhe. Am Ende des Handelstages stand der Dow Jones sogar ein wenig im Plus. Die Börsianer in Europa und Asien erreichten diese Spekulationen nicht mehr rechtzeitig; die Aktienmärkte dort gingen mit deutlichen Verlusten ins Wochenende.
Die Ereignisse um die Autokrise haben so manch einem Marktakteur in Erinnerung gerufen, dass der Boden, den er nach Monaten des hilflosen und bisweilen panischen Schwimmens unter seinen Füßen spürt, noch nicht so fest ist wie erhofft. Die Nervosität ist nach wie vor erheblich an den Aktien-, Anleihe- und Währungsmärkten, nicht nur in Amerika, sondern eben auch in Europa und Asien. Das Potential für neuerliche Kursrückschläge an den Börsen ist ebenfalls beachtlich, wenngleich es zuletzt nicht mehr so rasant bergab gegangen ist wie im Oktober und manche Marktauguren erleichtert von einer Stabilisierung sprechen.
In der neuen Handelswoche legen unter anderen Goldman Sachs, Morgan Stanley und Federal Express ihre Zahlen für das letzte Quartal des Jahres vor und könnten damit für neuerliche Erschütterungen sorgen. Insbesondere bei Goldman Sachs müssen sich die Börsianer wohl auf ein düsteres Ergebnis mit hohen Verlusten einstellen.
Richtung Zinslosigkeit
Die Aufmerksamkeit der Investoren rund um die Welt richtet sich aber vor allem auf die amerikanische Notenbank Federal Reserve. Deren geldpolitischer Rat tagt am Montag und Dienstag. Es gilt als sicher, dass die Währungshüter um den Vorsitzenden Ben Bernanke den Leitzins von 1 auf 0,5 Prozent senken werden und möglicherweise noch tiefer.
Weitaus spannender aber wird sein, ob die Fed in der schriftlichen Begründung zum Zinsbeschluss Details einer zusätzlichen Lockerung der Geldpolitik ankündigt. Verschiedene Notenbanker einschließlich Bernankes haben öffentlich die Möglichkeit diskutiert, die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft durch den zusätzlichen Erwerb amerikanischer Staatsanleihen durch die Fed weiter zu erhöhen.
Das könnte beispielsweise geschehen, um ein weiteres milliardenschweres Konjunkturpaket zu finanzieren. Eine solche „Monetisierung“ von Staatsschulden wirkte zwar grundsätzlich inflationstreibend; doch angesichts der Angst vor einer Deflation dürfte das der Fed durchaus gelegen kommen.
Zwei Finanzierungswelten
In jedem Fall stellen sich die Marktakteure schon darauf ein, dass der Leitzins in Amerika geraume Zeit auf niedrigem Niveau verharren wird. Das spiegelt sich nicht zuletzt in den Renditen für amerikanische Staatsanleihen wieder: Dreißigjährige Papiere des Schatzamtes in Washington werfen gerade einmal 3 Prozent ab, die Rendite der Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit beträgt nur 2,6 Prozent. In der kurzen Frist sind Anleger sogar mitunter bereit, der amerikanischen Regierung zum negativen Zins Geld zu leihen; sie vertrauen ihr Kapital lieber dem Finanzminister an, als Geld unter ihren Kopfkissen zu horten.
So billig es für Henry Paulson auch ist, Schulden aufzunehmen, so teuer ist es nach wie vor für Unternehmen, sich auf dem Kapitalmarkt zu refinanzieren. Wie sich am Index der Unternehmensanleihen von Merrill Lynch ablesen lässt, müssten Firmen durchschnittlich rund 10,8 Prozent Zinsen auf ihre Papiere bezahlen, mehr als 4 Prozentpunkte mehr als vor rund einem Jahr.
Telefonriese AT&T hat kürzlich neue Anleihen im Wert von 1,5 Milliarden Dollar am Markt untergebracht. Die Verzinsung lag 4,38 Prozentpunkte über derjenigen von vergleichbaren Staatspapieren. Vor einem Jahr musste das Unternehmen nur einen Aufschlag von 1,68 Prozentpunkten bieten. Wenigstens sind Hypothekendarlehen wieder etwas günstiger geworden: Eine Hypothek mit 30 Jahren Laufzeit ist derzeit zum Festzins von 5,47 Prozent zu haben, 70 Basispunkte weniger als noch vor vier Wochen.
Die EZB bleibt erst einmal hart
Einen behutsamen Dämpfer hat derweil die Europäische Zentralbank den Marktakteuren und deren Erwartungen auf weitere Zinssenkungen versetzt. Die Notenbanker um Präsident Jean-Claude Trichet wollen offenbar im Januar zunächst einmal eine Pause einlegen und abwarten, welche Folgen die jüngsten Zinsschritte zeitigen.
Gleichwohl sind viele Marktauguren fest davon überzeugt, dass es sich tatsächlich nur um eine Pause und keineswegs um das Ende der Zinsrunde handeln wird. Im Februar, so lauten viele Prognosen, werde der Eurozins von 2,5 auf 2 Prozent sinken, im März dann auf 1,75 Prozent.
Die Volkswirtschaften des Euro-Raums steuerten auf die schwerste Rezession seit 1992/1993 zu, womöglich gar seit Ende des Zweiten Weltkriegs, argumentieren die Befürworter weiterer Zinsschritte. Die Gefahr einer Deflation im Euro-Raum gilt zwar nach wie vor als verhältnismäßig gering; gleichwohl rechnen Bankvolkswirte vielfach mit einem deutlichen Rückgang der Verbraucherpreisinflation in den kommenden Monaten auf Raten von rund 1 Prozent.
Öl immer billiger
Zu diesem Preisausblick trägt nicht zuletzt der Ölpreis bei. Auf dem Warenterminmarkt werden zwar für ein Barrel (159 Liter) wieder rund 46 Dollar bezahlt, rund 6 Dollar mehr als in der ersten Dezemberwoche. Marktakteure haben aber ihre Erwartungen für den Preis deutlich heruntergeschraubt und sehen ihn auch in den nächsten Monaten auf diesem Niveau, womöglich sogar noch niedriger. Das bleibt abzuwarten, zumal das Kartell Öl exportierender Staaten (Opec) in dieser Woche vermutlich eine Kürzung der Fördermengen beschließen wird.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |