Home
http://www.faz.net/-gv7-wh30
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzmärkte Nervöse Stimmung in den Banktürmen

18.03.2008 ·  Aus eigener Kraft werden die Banken wohl nicht den Weg aus der Krise finden. Die Kreditkrise zerrt an den Nerven. Mancher Anleger wird schon aggressiv und beschimpft Analysten. Die sind besorgt, vermeiden aber das Wort Panik.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Aus eigener Kraft werden die Banken wohl nicht den Weg aus der Krise finden. Zumindest drängt sich diese Vermutung auf, nachdem Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, nach staatlicher Unterstützung gerufen hat. Doch wie sieht die Stimmung in den Frankfurter Banktürmen aus? Herrscht in den Handelssälen Nervosität oder schon Panik?

Die ersten Anrufe wecken den Eindruck professioneller Besorgnis. Natürlich gehe man wie gewohnt in die Kantine zum Essen, berichtet ein Spezialist für Bankenanleihen, der sich wie die meisten Bankangestellten derzeit nicht namentlich zur Krise äußern will. Von Panik habe er bisher noch nichts gespürt und sie in seiner Karriere auch noch nie erlebt. Die stelle er sich so vor, dass Investoren mit einem Zittern in der Stimme anrufen und sagen: „Stell mir irgendeinen Preis, ich muss verkaufen." So sei es aber nicht.

Extreme Volatilität im Handel mit Bankenanleihen

Genaueres wisse aber der Kollege, der auf Rechnung der eigenen Bank mit Bankenanleihen handelt. Der Eigenhändler berichtet von extremer Volatilität. So sei der Itraxx-Risikoindex für Finanzdienstleister innerhalb von wenigen Tagen von 200 auf 300 und wieder zurück auf 250 gesprungen. Die Itraxx-Indizes messen die durchschnittlichen Kosten für Absicherungsgeschäfte und sind ein verlässliches Thermometer für die Fieberschübe des Finanzsystems. Fast noch schlimmer sei, dass es in Teilen des Marktes gar keinen oder nur eingeschränkten Handel gebe.

"Es gibt manchmal gar keine Preise", sagt der Mann, der auf Rechnung der eigenen Bank handelt. Der eingefrorene Handel ist für die Banken schlimm, weil dann die verlässliche Bewertung ihrer Aktiva unmöglich ist. Sie weichen auf Bewertungsmodelle aus, doch gerade das weckt das Misstrauen der Anleger und der Geschäftspartner.

Diese Unwägbarkeiten verunsichern. Und über allem liegt die Angst, dass nach Bear Stearns weitere große Banken in eine Schieflage geraten könnten. Als heißer Kandidat gilt Lehman. Der Aktienkurs hat sich zu Beginn der Woche zeitweise halbiert, ehe er sich im späten Geschäft am Montag und auch am Dienstag stabilisierte. Die jährlichen Risikoprämien für die Absicherung von Forderungen gegen Lehman sprangen zeitweise auf 5 Prozent - eine Entwicklung wie kurz vor dem Beinahe-Zusammenbruch von Bear Stearns. Am Dienstag beruhigte sich die Lage etwas; die Absicherung des Lehman-Risikos kostete nur noch 3,5 Prozent, was allerdings immer noch ein extrem hoher Wert für eine Bank ist.

Institutionelle Anleger spielen in der Hoffnung auf tiefere Preise auf Zeit

Ein Londoner Emissionsspezialist für deutsche Unternehmensanleihen berichtet von institutionellen Investoren, die auf Zeit spielen. Geld, das frei geworden ist und in normalen Zeiten rasch wieder angelegt würde, hielten sie nun zurück in der Hoffnung auf niedrigere Preise. Diese Sichtweise bestätigt auch der Anleihehändler einer deutschen Landesbank. Er drückt das so aus: "Real Money is on hold." Er meint damit, dass Versicherer und Fonds eigentlich im Geld schwimmen, vorsichtshalber aber eine Pause einlegen. Eine Panik sei das aber sicher nicht.

Weitaus besorgter klingt dagegen die Schilderung eines Aktienstrategen einer Frankfurter Großbank. Ihn erreichten deutlich mehr Anfragen von Händlern und Kunden, die nachfragen, wann der Kursverfall auf den Aktienmärkten denn ein Ende finde. Das sei nun schon die vierte Verkaufswelle der Krise. Im August verunsicherte die Zinssenkung der amerikanischen Notenbank, im November die riesigen Abschreibungen der amerikanischen Banken, im Januar die Schwäche der europäischen Banken, gefolgt von ungewöhnlich vielen unlimitierten Verkaufsaufträgen, und nun die Schieflage von Bear Stearns und einigen Hedge-Fonds.

Vier Wellen seien ungewöhnlich, bei früheren Rezessionen seien es drei gewesen, aber nie vier. Nun herrsche hektische Betriebsamkeit, und mancher Kunde verliere die Contenance. Der Analyst werde als Blitzableiter genutzt und bekomme den Zorn des Anlegers ab. Das sei aber schon wieder ein gutes Zeichen. "Meine Erfahrung ist, dass mit solcher Analystenschelte häufig zumindest die Abwärtsdynamik nachlässt", sagt der Analyst.

Quelle: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite 19
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%