30.06.2008 · Das teure Öl lässt die Preise schneller steigen. Das verdirbt den Börsianern die Laune und zwingt die Währungshüter zum Gegensteuern. Das wiederum macht den Aktionären keine Freude.
Von Claus TiggesDas Gespenst der Inflation zieht um und zeigt sein hässliches Gesicht: An vielen Orten der Welt steigen die Verbraucherpreise schneller und schneller, angetrieben vor allem von den hohen Energie- und Nahrungsmittelpreisen. Der Ölpreis jagt von Rekord zu Rekord und hat inzwischen mehr als 140 Dollar je Fass erreicht. Das verdirbt nicht nur vielen Börsianern die Laune, es ruft auch die Währungshüter in den Notenbanken auf den Plan. Sie wollen das Gespenst so schnell wie möglich wieder vertreiben, bevor die Teuerungsraten zu einem hartnäckigen Anstieg der Inflationserwartungen führen.
Eine Reihe von Zentralbanken hat die Leitzinsen schon angehoben, darunter die Norges Bank in Oslo, der Banco de México und auch die Reserve Bank of India. Andernorts steht eine Straffung der Geldpolitik kurz bevor oder gilt als ernsthafte Option für die kommenden Monate. Damit ist, wie es die Ökonomen der Investmentbank Barclays Capital beschreiben, die Inflation zum beherrschenden Thema auf den globalen Finanzmärkten geworden und hat die Kreditrisiken etwas in den Hintergrund gedrängt.
Warten auf die EZB
Am Donnerstag werden die europäischen Währungshüter um den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, aus Sorge um die Preisstabilität den Leitzins für den Euro-Raum wohl von 4 auf 4,25 Prozent heraufsetzen. Letzte Zweifel daran hat Trichet vor dem Europäischen Parlament beseitigt, indem er den Abgeordneten von „erhöhter Wachsamkeit“ der Notenbanker berichtete und damit jene Formulierung gebrauchte, die als Signal für eine Straffung der Geldpolitik gilt.
Die Akteure an den Finanzmärkten richten ihre Blicke freilich schon über die Sitzung des geldpolitischen Rates der EZB in dieser Woche hinaus. Bisher stellen sie sich darauf ein, dass nun nicht zwangsläufig eine ganze Runde von Zinsschritten eingeläutet wird. Denn der Inflationsdruck ist zwar erheblich, aber es bestehen auch Risiken für das Wachstum, unter anderem aufgrund der hohen Rohstoffpreise und des starken Euro. Zehn Jahre nach Gründung der EZB ist freilich auch klar, dass die Preisstabilität im Euro-Raum Vorrang hat vor Versuchen, dem Wachstum mittels der Geldpolitik einen Impuls zu geben. Darum hält eine Mehrheit von Finanzmarktteilnehmern einen weiteren Zinsschritt vor dem Jahresende für wahrscheinlich.
Was macht die Fed?
Noch etwas weiter in der Ferne liegt eine Leitzinserhöhung in Amerika. Aber eine große Zahl von Marktakteuren hat kaum noch Zweifel, dass der Zielzinssatz für Tagesgeld vor dem Jahresende heraufgesetzt wird, nachdem die Währungshüter der Federal Reserve (Fed) unmissverständlich auf ein erhöhtes Inflationsrisiko und gestiegene Inflationserwartungen verwiesen haben.
Damit zeichnet sich ein Kurswechsel in der amerikanischen Geldpolitik ab, die seit dem vergangenen Sommer auf eine großzügige Ausweitung der Liquidität gesetzt und den Leitzins zu diesem Zweck um 3,25 Prozentpunkte ermäßigt hatte. Der geldpolitische Rat der Fed um seinen Vorsitzenden Ben Bernanke hat sich zwar keineswegs festgelegt, doch aus den Kursen auf dem Terminmarkt lässt sich ablesen, dass die Anleger spätestens für Oktober mit einer Anhebung des Leitzinses von 2 auf 2,25 Prozent rechnen.
Ernüchterung am Aktienmarkt
Die Inflationssorgen und die Aussicht auf eine Verknappung der global verfügbaren Liquidität hinterlassen tiefe Spuren auf den Aktienmärkten. Für das zweite Quartal, das an diesem Montag zu Ende geht, fällt die Bilanz ernüchternd aus: Die Kurse der 30 führenden Industriewerte in Amerika haben seit Anfang April durchschnittlich 11 Prozent ihres Wertes eingebüßt.
Von einem „Bärenmarkt“ ist die Rede. Kennzeichnend für die trübe Stimmung ist die jüngste Herabstufung des Automobilkonzerns General Motors (GM) durch die Analysten von Goldman Sachs. Hier spiegeln sich die großen Schwierigkeiten, in denen sich die amerikanischen Autohersteller befinden - verursacht nicht nur durch die allgemein schwache Konjunktur, sondern auch durch die hohen Benzinpreise und eine Modellpolitik, die mit den veränderten Wünschen der Verbraucher nicht Schritt gehalten hat. Die GM-Aktie ist so billig wie seit 53 Jahren nicht mehr. Konkurrent Chrysler musste sogar Gerüchte einer bevorstehenden Insolvenz zurückweisen. Weitere Hiobsbotschaften der Branche stehen zu befürchten.
Und immer wieder die Finanzkrise
Zudem mögen die Schwierigkeiten auf den Kreditmärkten von der Inflationsgefahr zwar etwas zurückgedrängt worden sein, ausgestanden aber sind sie noch längst nicht. Weitere Ausfälle bei Konsumentenkrediten, nicht nur bei Hypothekendarlehen, sind vorgezeichnet und setzen die Finanzbranche unter Druck. Zusätzliche Wertberichtigungen, womöglich auch Abschreibungen, sind zu erwarten. In dieses Bild passt die Nachricht, dass die Fed nach Möglichkeiten sucht, privaten Beteiligungsgesellschaften den Einstieg in amerikanische Kreditinstitute zu erleichtern. Dieser wird durch eine Reihe von Vorschriften erschwert, doch die Fed als zuständige Aufseherin prüft eine großzügigere Auslegung
Von alledem können sich die Börsianer an anderen Handelsplätzen nicht völlig frei machen. In Frankfurt ist die Stimmung ebenso mies wie in London oder Paris. Zumal der hohe Ölpreis nicht nur die Inflation schürt, sondern auch die Kosten vieler Unternehmen in die Höhe treibt und die Gewinnmargen drückt. Die Halbjahresbilanz für den deutschen Aktienmarkt sieht so enttäuschend aus wie lange nicht. Die 30 Werte des Deutschen Aktienindex Dax sind derzeit im Durchschnitt rund 20 Prozent billiger als zu Jahresbeginn. Nur Mitte März, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, stand das Kursbarometer noch etwas schlechter als nun.
Eine schnelle Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Steigende Zinsen sind gewöhnlich Gift für Aktien, weil sie die Anlage in festverzinslichen Wertpapieren vergleichsweise attraktiver machen. In den Szenarien vieler Marktstrategen ist auch nicht von einem raschen Rückgang des Ölpreises die Rede. Sie spielen schon die wirtschaftlichen Folgen eines Ölpreises von 160, 180 oder gar 200 Dollar je Barrel (159 Liter) durch. Nur eine Minderheit hält einen Preisrutsch für unausweichlich, weil die Wetten der Ölspekulanten nicht ewig aufgehen könnten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |