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Finanzmärkte Die Krise zieht immer weitere Kreise

26.10.2008 ·  Schlechte Konjunkturdaten und Notverkäufe von Hedge-Fonds haben die Finanzmärkte in Panik versetzt. Besserung ist nicht in Sicht. Die Krise zieht vielmehr immer mehr Marktsegmente sowie die reale Wirtschaft in ihren Strudel.

Von Benedikt Fehr
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Die Erleichterung über die rekordschnell geschnürten staatlichen Rettungspakete für Finanzinstitute währte nicht lange. Die Krise zieht vielmehr immer mehr Marktsegmente sowie die reale Wirtschaft in ihren Strudel. In der vergangenen Woche haben schlechte Konjunkturdaten und Notverkäufe von Hedge-Fonds die Finanzmärkte zeitweise regelrecht in Panik versetzt. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht abzusehen. Marktteilnehmer und Politik sind in höchstem Grade besorgt.

Aktien der Automobilhersteller kamen unter die Räder

Rund um den Globus hat sich das Wirtschaftswachstum stark abgeschwächt oder sinkt die Wirtschaftsleistung sogar. In Europa ist der Einkaufsmanager-Index für das produzierende Gewerbe von 45,0 auf das Rekordtief von 41,3 Punkten gefallen, der Index für die Auftragseingänge sogar von 43,6 auf 38,8 Punkte, ebenfalls ein Rekordtief. Werte unter 50 Punkten deuten dabei auf eine Kontraktion hin. Das wird zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit führen, geringeren Einkommen und damit zu einem weiteren Rückgang der Konsum- und Investitionsnachfrage. Auch der Export verspricht keine Erleichterung, eher im Gegenteil, denn auch in anderen Ländern kühlt die Konjunktur stark ab.

Der Deutsche Aktienindex Dax mit seinen vielen exportlastigen Titeln hat daraufhin im Wochenverlauf mehr als 10 Prozent eingebüßt, der amerikanische Leitindex S&P 500 fast 7 Prozent und der japanische Nikkei-Index sogar 12 Prozent. Insbesondere die Aktien der Automobilhersteller kamen unter die Räder. Allein in der vergangenen Woche rutschte der europäische Branchenindex um gut 27 Prozent ab. Viele Regierungen erwägen deshalb gezielte Hilfen für die Autokonzerne sowie ganz allgemein kreditfinanzierte Ausgabenprogramme zur Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.

Verkaufswellen an den Aktienbörsen

Nach allgemeiner Einschätzung werden auch die Notenbanken das Ihre tun, um die Kreditnachfrage anzuregen. Von der amerikanischen Notenbank, die am kommenden Mittwoch tagt, wird weithin eine Senkung des Leitzinses erwartet, vermutlich von 1,5 auf 1 Prozent. Nach den Prognosen mehrerer Volkswirte dürfte auch die Europäische Zentralbank (EZB) am übernächsten Donnerstag ihren Leitzins senken, von 3,75 auf 3,25 Prozent. Vereinzelt wird spekuliert, dass die Notenbanken schon in der kommenden Woche gemeinsam die Zinsen senken könnten.

Zu den Verkaufswellen an den Aktienbörsen und anderen Märkten haben offensichtlich auch Notverkäufe der Hedge-Fonds beigetragen. Im Aufschwung hatten sie in großem Stil Kredite aufgenommen, um durch Nutzung des Kredithebels (“leveraging“) ihre Eigenkapitalrendite zu steigern - und damit nicht zuletzt die Boni ihrer Manager. Nach einer Schätzung der Ratingagentur Fitch hatten diese Investoren im Sommer 2007 Eigenkapital in Höhe von 2 Billionen Dollar, außerdem Fremdkapital, vermutlich größtenteils Bankkredite, von 2 bis 4 Billionen Dollar.

„Carry Trades“ in Japan

Nun scheinen Kreditkrise und Kursverluste eine Abwärtsspirale ausgelöst zu haben. Frische Bankkredite gibt es nicht mehr, vielmehr verlangen die Banken wegen der Kursverluste an den Aktien- und Kreditmärkten höhere Sicherheitsleistungen oder die Tilgung von Krediten. Das zwingt manche Fonds zu Notverkäufen - was die Kurse weiter absacken lässt. Geradezu dramatisch scheint die Lage an den Märkten für solche strukturierte Wertpapiere zu sein, deren Inhaber das Risiko von Unternehmensinsolvenzen versichert haben. Nach einem Bloomberg-Bericht werden in diesem Markt, dessen Volumen 1,2 Billionen Dollar betrage, manche Anleihen nur noch mit 10 Prozent ihres Nominalwerts bewertet.

Die Sorgen spiegeln sich auch darin, dass die Indizes für die Prämien für Versicherungen von Unternehmenskrediten auf Rekordhöhen geschnellt sind. Ähnliches gilt für Kredite an Schwellenländer. Der entsprechende Index für die Risikoaufschläge ist im Wochenverlauf um 236 Punkte auf 865 Basispunkte gesprungen. Ähnlich gibt es an vielen anderen Märkten Bewegungen, die noch vor kurzem für schier unglaublich gehalten wurden - was viele Risikomodelle und Absicherungsstrategien unbrauchbar macht.

Wegen der seit Jahren niedrigen japanischen Zinsen hatten viele Hedge-Fonds ihre Kredite im Zuge von „Carry Trades“ in Japan aufgenommen. Um diese Kredite zu tilgen, tauschen sie jetzt die Erlöse ihrer Notverkäufe an den globalen Finanzmärkten in Yen zurück. Als Folge hat der Yen in der vergangenen Woche zum Dollar um fast 8 Prozent aufgewertet, zum Euro um 12,7 Prozent und zum australischen Dollar, einer früher wegen der hohen Zinsen beliebten Anlagewährung, um 18 Prozent.

Staat nimmt im großen Stil „toxische“ Engagements ab

Das Volumen der Carry Trades lässt sich schwer abschätzen, da die unregulierten Hedge-Fonds intransparent sind. Einen gewissen Anhaltspunkt dürften aber Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) geben. Demnach hatten japanische Banken gegenüber Schuldnern auf der Karibikinsel Cayman Islands - einem von mehreren beliebten, da wenig regulierten Sitzen von Hedge-Fonds - Mitte 2008 Forderungen in Höhe von 246 Milliarden Dollar.

An zweiter Stelle auf dieser Liste der Cayman-Gläubiger stehen die deutschen Banken mit 124 Milliarden Dollar. Auch an Schuldner in dem nahezu bankrotten Inselstaat Island, ferner in den krisengeschüttelten Ländern wie Irland und Spanien haben deutsche Banken hohe Milliardenbeträge an Krediten vergeben. Das könnte sich noch bitter rächen.

Schon diese wenigen Zahlen illustrieren, dass den Banken in aller Welt möglicherweise weitere Wertberichtigungen in extremer Höhe bevorstehen. Das wiederum erklärt, weshalb der Geldmarkt, an dem sich Banken gegenseitig kurzlaufende Kredite gewähren, weitgehend ausgetrocknet ist, jedenfalls bei Laufzeiten jenseits einer Woche: Es fehlt an Vertrauen, dass die andere Bank in ein paar Wochen noch zahlungsfähig ist. Daran dürfte sich so lange nichts ändern, bis die Banken ihre Bilanzen glaubhaft bereinigt haben. Dazu könnte beitragen, dass der Staat ihnen im großen Stil „toxische“ Engagements abnimmt oder viele Banken gleich ganz übernimmt. Wie dies beim Steuerzahler ankäme und welche politischen Folgen dies hätte, steht auf einem anderen Blatt.

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