09.03.2010 · Vor einem Jahr stand der Dax auf weniger als 3600 Punkten. Seither haben sich etliche Aktienkurse verdoppelt. Teuer sind Aktien deswegen immer noch nicht, meinen Analysten. Die meisten rechnen mit weiteren Kursgewinnen.
Von Daniel MohrDie Weltwirtschaft ist von der Klippe gestürzt, schrieb diese Zeitung vor genau einem Jahr. Sie zitierte damals den legendären Investor Warren Buffett, der damit sehr gut die Stimmung im Frühjahr 2009 umschrieb.
Alle Prognosen überboten sich täglich an Düsternis. Welche Bank oder welcher Staat kippt als Nächstes um und wann bricht unser Wirtschaftssystem endgültig zusammen, waren die Fragen jener Tage. Der Dax fiel am 9. März 2009 bis auf 3589 Punkte, noch Anfang 2008 hatte er auf mehr als 8000 Punkten notiert.
Die meisten Aktien verzeichneten deutliche Kursgewinne
Mittlerweile ist die Depression verflogen. Wie so oft ist eine Phase, in der Pessimismus pur herrscht, eine gute Kaufgelegenheit gewesen. 5850 Punkte standen am Dienstagnachmittag im Börsensaal in Frankfurt auf der Dax-Anzeigetafel - gut 60 Prozent mehr als im Tief vor einem Jahr. Infineon-Aktien - zunächst im März aus dem Dax abgestiegen und im September dann wieder aufgenommen - gewannen auf Jahressicht sogar mehr als 1100 Prozent. Pro-Sieben-Papiere haben sich im M-Dax ebenfalls mehr als verzehnfacht, die Titel von Dialog Semiconductor im Tec-Dax sind sogar um den Faktor 16 gestiegen.
Kaum ein Titel in den deutschen Auswahlindizes wurde von der Hausse nicht erfasst. Lediglich die Stammaktien von Volkswagen - im Dezember im Dax durch die VW-Vorzüge ersetzt - beendeten ihre außergewöhnlich Sonderkonjunktur, und im Tec-Dax stürzten die prominentesten Solaraktien Q-Cells und Solarworld im Jahresverlauf jäh ab. Zwischenzeitlich standen beide Titel noch kurz vor dem Aufstieg in den Dax.
Fast schon kümmerlich sieht die deutsche Hausse jedoch im Vergleich zu dem Geschehen in zahlreichen Schwellenländern aus. In mehr als 20 Ländern der Welt haben sich die Leitinidzes binnen eines Jahres, in Euro gerechnet, mindestens verdoppelt - darunter auch die größerer Volkswirtschaften wie Indien, Russland, Brasilien, Türkei, Mexiko und Argentinien. In den meisten Schwellenländern hatte die Hausse zudem bereits im Herbst 2008 begonnen, weil dort die wirtschaftlichen Frühindikatoren zuerst wieder zu steigen begannen.
Mittlerweile ist aber von der Euphorie, die die Kurserholung in den ersten Monaten getrieben hat, nichts mehr zu spüren. Von einem Ende der Hausse will jedoch, abgesehen von einigen technisch argumentierenden Analysten, niemand sprechen. "Wir sind in den Mühen der Ebene angekommen", sagt Roland Ziegler, Aktienstratege der BHF-Bank. "Der Markt hat sich zwar eine stabile Basis erarbeitet, und Aktien sind noch nicht teuer bewertet, eine Triebfeder für weitere Kurssteigerungen fehlt aber zunächst." Die konjunkturellen Frühindikatoren in China hätten bereits ihre oberen Wendepunkte erreicht, in Europa und Amerika stünden sie kurz davor. "Das heißt nicht, dass wir wieder in eine Rezession zurückfallen, die Beschleunigungsphase der Erholung ist aber vorbei", sagt Ziegler. Die Konjunktur habe sich zwar gefangen, und die Unternehmensgewinne seien auch wieder im Steigen begriffen. Das sorge am Markt aber nicht mehr für Begeisterung, sondern werde schlicht erwartet. "Die Anleger am Aktienmarkt brauchen deshalb dieses Jahr viel Geduld. Das schnelle Geld gibt es hier vorerst nicht mehr zu verdienen", sagt Ziegler.
Verhaltenes Wachstum dürfte den Märkten kaum viel Schwung verleihen
Gerhard Schwarz, Aktienstratege der Unicredit, würde bei der Anlagestrategie deshalb nicht auf den allgemeinen Trend vertrauen. Hier erwartet er nur eine volatile Seitwärtsbewegung. Statt dessen rät Schwarz zur vermehrten Selektion von Einzeltiteln. "Wir haben die zyklischen Branchen reduziert und defensive, dividendenstarke Titel von Energieversorgern und Telekommunikationsunternehmen höher gewichtet", sagt Schwarz. "Sie bekommen dort Dividenden, die höher sind als die Kupons am Anleihemarkt." Größere Kursrückgänge hält Schwarz zunächst noch nicht für wahrscheinlich. "Im Frühjahr 2009 hatten wir eine deutliche Übertreibung nach unten mit außergewöhnlich günstigen Kursniveaus", sagt der Aktienstratege. "Diese Unterbewertung ist mittlerweile korrigiert, Aktien sind aber noch nicht wieder so teuer, als dass sich hier bereits wieder ein größeres Rückschlagspotential aufgebaut haben könnte."
Immerhin einen Dax-Anstieg bis auf 6500 Punkte auf Jahressicht erwartet die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). "Die konjunkturelle Erholung befindet sich auf einem ordentlichen Pfad und die Unternehmensgewinne fallen derzeit erfreulich aus", sagt LBBW-Aktienstratege Michael Köhler. "Die Kurserholung ist damit weiter intakt." Gleichwohl sieht auch Köhler lediglich eine wenig dynamische Konjunkturerholung, die den Märkten kaum viel Schwung verleihen dürfte. "Das chinesische Wirtschaftswachstum ist gerade für die exportorientierten deutschen Werte eine große Hilfe. Es reicht allerdings nicht aus, die Schwäche sämtlicher etablierter Volkswirtschaften auszugleichen." Die staatlichen Konjunkturprogramme liefen vielerorts aus, und das erhöhte Schuldenniveau begrenze den zukünftigen Spielraum. "Das dämpft das wirtschaftliche Wachstum gerade in Europa und Amerika", sagt Köhler.
Einen Rückfall in eine abermalige Rezession erwartet jedoch keiner der Analysten. Und auch Warren Buffett wird nicht ganz unglücklich gewesen sein, dass sein attestierter Klippensturz der Weltwirtschaft nicht mit irreparablen Schäden einherging. Immerhin hat sich der Aktienkurs seines Beteiligungsunternehmens Berkshire Hathaway binnen eines Jahres wieder um fast 80 Prozent erholt.
Klingt ...
Holger Muschal (Holly01)
- 10.03.2010, 08:47 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.050,29 | −3,42% |
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| TecDAX | 730,90 | −2,68% |
| MDAX | 9.870,46 | −2,73% |
| SDAX | 4.717,40 | −2,20% |
| REX | 439,15 | +0,37% |
| Eurostoxx 50 | 2.068,66 | −2,37% |
| F.A.Z. EURO | 67,11 | −2,09% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| Nasdaq 100 | 2.458,83 | −2,62% |
| S&P500 | 1.278,04 | −2,46% |
| Nikkei225 | 8.440,25 | −1,20% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
| Bund Future | 146,44 € | +0,36% |