18.12.2006 · Die meisten Anlagestrategen befinden sich nach wie vor im Aktienrausch, vor allem in den Vereinigten Staaten. Doch die Warnsignale mehren sich.
Nach Ansicht der Aktienanleger ist der Zeitpunkt so günstig wie nie zuvor, doch Anleihenkenner sind vom Gegenteil überzeugt. Die Berichte über die gleichzeitige Rally zweier Märkte stellen uns vor zwei widersprüchliche Szenarien: Wird es zu einer Rezession kommen, wie man aufgrund der jüngsten Erholung auf dem Anleihenmarkt vermuten möchte? Oder steht der Wirtschaft eine seltene weiche Landung bevor, bei der sich Gewinn- und Wirtschaftswachstum lediglich auf ein tragfähigeres Niveau abschwächen, wie es der Aktienmarkt signalisiert?
Seit langem befinden sich amerikanische Unternehmen auf der Überholspur. Unternehmen des S&P-500 fahren im vierten Quartal womöglich zum 19. Mal in Folge zweistellige Gewinne ein. Gemessen am prozentualen Anteil des Bruttoinlandsprodukts erreichen diese Gewinne den höchsten Wert seit vierzig Jahren. Darüber hinaus weisen die S&P-500-Unternehmen den höchsten Cashflow seit zwei Jahrzehnten auf. Optimistische Anleger, die eine Fortsetzung dieses Trends im Jahr 2007 erwarten, haben die Aktien in die Höhe getrieben: Der S&P-500 legte bis zum 8. Dezember 2006 um 12,9 Prozent zu, der NASDAQ Composite kletterte um 10,5 Prozent nach oben und der Dow Jones Industrial Index schloß bei 14,8 Prozent. Mittlerweile ist die Volatilität auf dem Aktienmarkt auf ein 12-Jahrestief gesunken, was darauf schließen läßt, daß der Optimismus bei den Anlegern historische Ausmaße erreicht hat.
Warnsignale mehren sich
Doch die Warnsignale mehren sich. Der Einbruch im Häusermarkt könnte sich verschärfen und die Verbraucherausgaben mit nach unten ziehen. Mitte Dezember schlug ein maßgeblicher Industrieindikator nach unten aus und warnte somit vor einer möglichen Rezession. Außerdem wirft die Krise im Irak Fragen hinsichtlich der Ölvorräte und der geopolitischen Stabilität auf. „Man wird wohl mit einer relativ großen Menge an Problemen rechnen müssen, und jedes einzelne davon könnte die Situation aus dem Ruder laufen lassen“, meint Timothy L. Swanson, der als Chef-Investment-Officer im Privatkundensektor bei der in Cleveland ansässigen Bankgesellschaft National City Corp für Anlagen in Höhe von 30 Milliarden Dollar zuständig ist.
Dies ist nicht das erste Mal, daß Aktien- und Anleihenmärkte widersprüchliche Signale senden. Die in Westport (Connecticut) ansässige Analyse- und Vermögensverwaltungsgesellschaft Birinyi Associates Inc. fand seit 1982 16 derartige Fälle. In 100 Prozent der Fälle, in denen sowohl Aktien als auch Anleihen ein 52-Wochenhoch erreichten, kletterten die Aktien sechs Monate später mit einem durchschnittlichen Zuwachs von 8 Prozent nach oben. Lediglich 75 Prozent der Anleihen konnten in diesem Zeitraum Gewinne verzeichnen, die sich im Schnitt auf 4,1 Prozent beliefen.
Die Geschichte muß sich nicht zwangsläufig wiederholen. Die gegenwärtige Rally bei den Anleihen- und Aktienmärkten „spiegelt die Komplexität der heutigen Finanzwelt wider, und darin liegt leider das Problem, vor dem die Anleger stehen“, meint Laszlo Birinyi Junior, President von Birinyi. „Die statistischen Grundlagen für viele dieser neuen Fragen sind oft begrenzt.“
Zum Beispiel gibt es keinen Präzedenzfall für den heutigen Anleihenmarkt. Wenn langfristige Staatsanleihen niedrigere Renditen erzielen als kurzfristige Schatzwechsel, wie das gegenwärtig der Fall ist, deutet dies für gewöhnlich auf eine Rezession hin. Doch einige Anleihenbeobachter sind der Ansicht, daß die jüngsten Käufe vor allem auf China, Japan und andere Länder zurückgehen, die dringend nach Anlagemöglichkeiten für ihre aus dem Handel mit den Vereinigten Staaten erwirtschafteten Dollars suchen. Ausländer, so heißt es, neigen dazu, ihre Anlagen ohne Berücksichtigung der Konjunkturaussichten auf alle Anleihelaufzeiten zu verteilen. „Ihnen sind unsere wirtschaftlichen Gegebenheiten relativ gleichgültig, da sie keine Ausweichmöglichkeiten haben“, sagt James Swanson, Chef-Investment-Stratege bei MFS Investment Management in Boston und Verwalter des MFS Diversified Income Fund im Wert von 150 Millionen Dollar. „Ich glaube nicht, daß sich das ändern wird. Eine zu hohe Liquidität sorgt derzeit für niedrige Renditen.“
Die meisten Börsenbeobachter stützen sich auf das sogenannte Liquiditätsargument. Werfen Sie einen kurzen Blick auf unsere Fearless Forecaster-Umfrage und sie werden sehen, daß Optimismus vorherrscht. Trotz der vielen Risiken sind die positiven Vorzeichen zu zahlreich, um ignoriert zu werden. Die diesjährigen Cashflow-Rekorde wird man 2007 in Betriebsabläufe investieren oder zur Finanzierung aktionärsfreundlicher Aktivitäten wie Aktienrückkäufe und Dividendensteigerungen verwenden. Von letzteren beiden wird erwartet, daß sie mit den vergangenen Jahren mithalten können. Die Fusionsbegeisterung wird die Aktien auch weiterhin stützen. Noch immer liegen die Bewertungen nicht einmal annähernd im Bereich der Blase der späten 90er Jahre. Und da die Zinssätze im Vergleich zu früheren Werten noch immer recht niedrig sind, scheinen Aktien der absolute Renner zu sein.
Risiko und Ertrag stehen vielfach in keinem günstigen Verhältnis zueinander
Das nachlassende Wirtschaftswachstum sollte indes als gutes Omen für Investitionen in amerikanische Titel gewertet werden. In den vergangenen Jahren stürzten sich die Anleger auf alles, angefangen bei Gold bis hin zu Schwellenländer-Aktien. „Wir glauben, daß sich dies nun ändert“, meint Gary Thayer, Chefvolkswirt bei A.G. Edwards & Sons. „Die Anleger stehen den amerikanischen Kapitalanlagen jetzt viel positiver gegenüber, ob es sich dabei nun um Aktien oder Anleihen handelt.“ Marc D. Stern, Chef-Investment-Officer des Bessemer Trust in New York, der 46 Milliarden Dollar verwaltet, fügt hinzu: „Bei uns wird darüber diskutiert, daß Risiko und Preis in keinem Verhältnis zueinander stehen. Die Leute stecken ihr Geld in Länder, die sie niemals bereisen würden.“ Stern geht davon aus, daß Anleger im Jahr 2007 von Hochzinsanleihen sowie einigen Schwellenländer-Aktien Abstand nehmen und sich den relativ hochwertigen amerikanischen Emissionen zuwenden werden.
Welche Aktien sollte man nun kaufen? George F. Foley, Portfoliomanager der Large Cap Value- und Core Value-Fonds bei Glenmede, setzt auf Rohstoffunternehmen, insbesondere auf bekannte Namen wie Alcoa, Alcan und Phelps Dodge, die seiner Ansicht nach von Effizienzsteigerungen profitieren können. Richard Bernstein, Chef-Investmentstratege bei Merrill Lynch & Co., favorisiert erstklassige Technologieunternehmen, Discount-Einzelhändler, internationale Rüstungsunternehmen and Multiline-Versicherungen. Außerdem empfiehlt er Industrie- und Telekommunikationsaktien, da mit einer aufkeimenden globalen Infrastruktur eine erhöhte Nachfrage nach Rohstoffen und Know-how besteht.
Technologie scheint mit Blick auf 2007 in aller Munde zu sein. John B. Cunningham, Chef-Investment-Officer bei J. & W. Seligman & Co. in New York, setzt auf Hardwarespezialisten wie Computer-, Festplatten und Speicherhersteller, da die Verbrauchernachfrage verstärkt auf Elektronikprodukte gerichtet ist und sich die Investitionsausgaben der Unternehmen weiterhin auf hohem Niveau befinden. „Die Fundamentaldaten sind nach wie vor solide“, sagt er. „Unserer Meinung nach kann der Technologiesektor eine bessere Wertentwicklung als der breitere Markt erzielen.“ Darüber hinaus empfiehlt er Telekommunikationsausrüster, da regionale Telekommunikationsbetreiber ihre Systeme ausweiten, um mit Kabelanbietern konkurrieren zu können.
Gewinner und Verlierer
Edward Yardeni, Chef-Investmentstratege bei Oak Associates rät, den Finanzsektor nicht außer Acht zu lassen. Seiner Ansicht nach bieten die Aktien von Investmentbanken und Vermögensverwaltern gute Möglichkeiten im Hinblick auf den Fusionswahn und die sich zunehmend aus dem Arbeitsleben zurückziehende Babyboom-Generation. Obwohl der Energiesektor bereits in den vergangenen drei Jahren mit die besten Ergebnisse im S&P erzielte, hat er noch einiges mehr an Potential zu bieten, so Yardeni. Es steckt noch immer Schwung in den Bohr-, Ausrüstungs- und Dienstleistungsunternehmen. „Man muß sich nur umschauen“, meint Yardeni. „Derzeit geben die Leute das Geld mit vollen Händen aus.“
International orientierte Anleger sollten mit einem nachlassenden Weltwirtschaftswachstum, nicht aber mit einem Wachstumseinbruch rechnen. Sie können auch künftig von guten Chancen ausgehen. Entwickelte Märkte erscheinen besonders günstig. Nach Aussage von MFS werden sie derzeit durchschnittlich mit dem 12,4fachen der für 2007 erwarteten Gewinne gehandelt. Im Vergleich beträgt der Schnitt der letzten zehn Jahre das 18,7fache. „Noch immer befinden sich Unmengen an Liquidität auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten, und in einer Reihe von Märkten sind die Bewertungen nach wie vor attraktiv“, pflichtet der in London ansässige Simon Davis bei, zweiter Chef-Investment-Officer bei Putnam Investments. Seiner Ansicht nach ist es trotz der zu hohen Bewertungen vieler in China ansässiger Unternehmen ratsam, den Blick auf die Zulieferer einer Volkswirtschaft zu richten, die auch künftig um 10 Prozent pro Jahr wachsen wird. Er setzt auf Bergbau und Bodenschätze in Australien und Unternehmen wie Zinifex, BHP Billiton sowie Rio Tinto, das sowohl in Melbourne als auch in London einen Hauptsitz hat.
Und die möglichen Verlierer? Marc D. Stern von Bessemer warnt Anleger vor Aktien, die mit dem Häusermarkt in Verbindung stehen, etwa im Bereich Hausbauunternehmen, Baufirmen sowie Bau- und Immobilienfinanzierung. Auch wenn der Gedanke an mögliche Schnäppchen unter ihnen verlockend scheint, so sagt er, „überzeichnen doch die in den vergangenen Jahren ausgewiesenen Gewinne das langfristige Gewinnpotential dieser Unternehmen.“ Die Gewinnmargen der kleinen regionalen Banken werden auch künftig durch die höheren kurzfristigen Zinssätze unter Druck geraten. Der Druck auf die Unternehmen, ihre freien Mittel für Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen zu verwenden, anstatt damit Schulden abzuzahlen, verheißt ebenfalls nichts Gutes für erstklassige Industrieanleihen.
Das größte Risiko für Anleger ist die Unachtsamkeit. Laut Yardeni, der die Stärke des Aktienmarkts des Jahres 2006 vorhersagte, kann der S&P zur Jahresmitte die Marke von 1.600 Punkten erreichen, also einen 13prozentigen Zuwachs verzeichnen, der bei den Anlegern Ängste vor höheren Zinsen auslösen wird. Die darauffolgende Verkaufswelle werde wiederum neue Chancen entstehen lassen..
Wall Street jubelt -- die beste aller Welten !
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 18.12.2006, 16:23 Uhr
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