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Finanzmärkte Aktien: Die „verlorene“ Berichtssaison

23.10.2008 ·  Beim Ausblick auf die Unternehmensgewinne und die weitere Konjunkturentwicklung dürfte die kommende Flut von Quartalszahlen die Investoren ratloser denn je zurücklassen. Denn die Gewinnausblicke fallen durchaus vage und nebulös aus.

Von Ben Steverman
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Für Aktieninvestoren entpuppt sich die laufende Berichtssaison als „verlorenes“ Quartal.

In diesem Monat wurde die Berichtssaison zum dritten Quartal 2008 eingeläutet. Vor allem in den kommenden zwei Wochen bricht eine wahre Informationsflut herein: 136 Unternehmen des Standardwerteindex S&P-500 legen in dieser Woche ihre Zahlen auf den Tisch, 114 in der nächsten.
Investoren nehmen die vorgelegten Berichte genau unter die Lupe, um darin mögliche Hinweise auf die an einem kritischen Punkt befindliche Wirtschaft zu erhalten. „Wir versuchen herauszufinden, inwieweit die Konjunktur abzukippen beginnt“, sagt Robert Bacarella, Portfoliomanager bei Monetta Mutual Funds.

Gewinnausblicke fallen vage aus

Das Problem bestehe nach Ansicht vieler Investoren jedoch darin, dass die Gewinnausblicke viel zu vage ausfielen, um daraus hinreichend brauchbare Informationen für das laufende Quartal ableiten zu können. In einer Zeit, in der es die Anleger nach Gewissheit dürstet, scheinen die Finanzergebnisse aus dem Juli und August - bevor die Kreditklemme ihre ganze Kraft entfaltete - irrelevant zu sein.

Aktien: Die „verlorene“ Berichtssaison

Stattdessen hören sich viele Investoren an, was die Führungskräfte in Telefonkonferenzen aktuell zum künftigen Geschäftsumfeld zu sagen haben. Die Managementteams vieler Unternehmen scheinen jedoch genauso ratlos zu sein wie die Investoren. Ihre Äußerungen sind nebulös und es mehren sich Zweifel an früheren Prognosen.

Kreditprobleme und Finanzmarktturbulenzen treiben die Anleger bereits seit mehr als einem Jahr um, doch erst ab der zweiten Septemberhälfte bekam die Wirtschaft die volle Wucht der Kreditschocks zu spüren. Diese Probleme, die mit der Insolvenz von Lehman Brothers und der Rettung des Versicherungsriesen American International Group (AIG) begannen, haben zweifellos ihre Spuren in den ersten veröffentlichten Drittquartalszahlen hinterlassen.

Nach Angaben von Thomson Reuters wird für das dritte Quartal ein Gewinnrückgang von 9,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet. Hierin enthalten sind sowohl die bislang von 82 Unternehmen veröffentlichten Zahlen als auch die Analystenschätzungen für die verbleibenden Firmen.

Noch vor drei Wochen, am 1. Oktober, prognostizierten Analysten lediglich einen Gewinnrückgang von 4,8 Prozent im Vorjahresvergleich. Die nach unten revidierten Schätzungen gehen zum Teil auf das Konto von Finanzunternehmen. So wies etwa Merrill Lynch am 16. Oktober einen Verlust von 5,56 Dollar je Aktie aus, während Analysten mit einem Verlust von 5,22 Dollar gerechnet hatten.

Der Aktienmarkt blickt für gewöhnlich nach vorn und versucht, die Höhe zukünftiger Gewinne abzuschätzen. Die von Unternehmen in diesem Sommer - also vor der Eskalierung der Finanzkrise - erzielten Gewinne oder Verluste dürften daher im Allgemeinen ignoriert werden.

David Chalupnik, Leiter der Aktienabteilung bei U.S. Bancorp Asset Management, sieht in den Gewinnen von Finanzunternehmen jedoch eine Ausnahme. Er verfolgt die von Banken vorgelegten Ergebnisse sehr genau, um sicherzustellen, dass es bei Eintreten von Kreditausfällen nicht „zum Kollaps kommt“. Bislang ist dieser Fall ausgeblieben. „Die Erwartungshaltung ist sehr gering“, sagt Chalupnik.

Bei den meisten anderen Sektoren richtet sich der Fokus nicht nur auf die Finanzergebnisse, sondern auch darauf, wie sich die Führungskräfte der Unternehmen nach Veröffentlichung der Zahlen in Telefonkonferenzen äußern. Vorstands- und Finanzchefs werden zu ihren Prognosen für das vierte Quartal und vor allem für das kommende Jahr ausgehorcht. „Die Leute sind wirklich vor allem auf das nächste Jahr fixiert“, sagt John Thornton, Portfoliomanager bei der Stephens Investment Management Group.

Bisher geben die Führungskräfte den Investoren allerdings nicht, was sich diese wünschen. „Sie geben sich vage“, so Bacarella. „Sie sagen: 'Prognosen sind sehr schwierig“. „Sie sind sich selbst nicht sicher“, fügt er an.

Unternehmen spüren erst allmählich die Auswirkungen der Kreditklemme

Die Unternehmen spüren erst allmählich die Auswirkungen der Kreditklemme und der sich abschwächenden Konjunktur in den Vereinigten Staaten wie auch weltweit. „Die Führungsteams werden sehr vorsichtige und recht schwammige Aussagen treffen“, meint Thornton.

Thomson Reuters zufolge erwarten Branchenanalysten für 2009 derzeit einen Anstieg der von S&P-500-Unternehmen erzielten Gewinne von fast 20 Prozent gegenüber 2008, was Chalupnik als „übertrieben optimistisch“ wertet. Nach seiner Einschätzung werden die Gewinne im kommenden Jahr sinken, da die Vereinigten Staaten in die Rezession abdriften. Viele andere Investoren scheinen der gleichen Meinung zu sein: Im zurückliegenden Monat hat der S&P-500 mehr als 20 Prozent an Wert eingebüßt.

Doch Finanzunternehmen sind nicht die einzigen Sorgenkinder der Aktieninvestoren. Auch in den Sektoren Energie und Grundstoffe dürften die Unternehmensgewinne im Zuge fallender Rohstoffpreise in Mitleidenschaft gezogen werden. „Die Fundamentaldaten im Energiebereich sorgen für Nervosität“, sagt Thornton. Auf der anderen Seite könnten Unternehmen wie DuPont (Zahlenvorlage am 21. Oktober) von niedrigeren Ölpreisen und damit fallenden Rohstoffkosten profitieren, jedoch unter einer Rezession in den Vereinigten Staaten leiden.

In den Führungskreisen von Technologieunternehmen dürfte die Sorge umgehen, dass eine Rezession in Amerika in einer Abschwächung der Technologieausgaben von Unternehmen resultieren könnte. Die Prognosen für Konsumelektronikhersteller „befinden sich im freien Fall“, so Chalupnik. Die amerikanischen Einzelhandelsumsätze für September sanken um 1,2 Prozent und damit doppelt so stark wie von Volkswirten erwartet.
Doch nicht nur die Wirtschaft und die Verbraucher der Vereinigten Staaten geben Anlass zur Sorge. Investoren durchleuchten die Quartalsberichte nach Hinweisen auf die weitere Entwicklungsrichtung der Weltwirtschaft.

Über viele Jahre hinweg profitierten Unternehmen wie Caterpillar (Zahlenvorlage am 21. Oktober) und Ingersoll Rand (24. Oktober) von einer lebhaften ausländischen Nachfrage nach ihren Produkten. „Die Leute werden nach Hinweisen suchen, die Aufschluss über das wirkliche Ausmaß einer Abschwächung der Weltwirtschaft geben“, so Thornton.

Wohin sich Anleger auch wenden, sie scheinen überall auf große Fragezeichen zu stoßen. „Die bevorstehenden beiden Quartale werden hart“, sagt Peter Cardillo, Chefvolkswirt bei Avalon Partners. „Die Wirtschaft steht unter Druck“.

Wie stark wirken sich Kreditklemme, fallende Rohstoffpreise, schwache Unternehmens- und Verbraucherausgaben und eine Verlangsamung der Weltwirtschaft auf die Gewinne aus? Die Zahlen für das dritte Quartal liefern hier vielleicht nur sehr vage Anhaltspunkte, doch für Investoren auf der verzweifelten Suche nach Antworten sind diese immer noch besser als nichts.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.

Quelle: BusinessWeek Online
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