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Finanzkrise Angst vor einer Depression

30.11.2008 ·  Die wachsende Sorge vor einer Depression hat staatliche Instanzen rund um den Globus zu atemraubenden Krisenbekämpfungsmaßnahmen veranlasst - zur Freude der Börsen. Weitere Rettungspakete könnten noch folgen.

Von Benedikt Fehr
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Die wachsende Sorge vor einer Depression - einer sich gegenseitig verstärkenden Rezession und Deflation - hat staatliche Instanzen rund um den Globus in der vergangenen Woche zu atemberaubenden Krisenbekämpfungsmaßnahmen veranlasst. Die zuvor entmutigten Anleger an den Aktienmärkten schöpften daraufhin Hoffnung, was den Kursen zu großen Gewinnen verhalf. Der Stimmungsumschwung kam gerade rechtzeitig vor dem Thanksgiving-Fest, an dem amerikanische Familien die Weihnachtseinkäufe planen.

Offenbar um einen drohenden Konkurs abzuwenden, hat die amerikanische Regierung am Montag ein mehr als 300 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für die Großbank Citigroup geschnürt. Am Dienstag legte die Notenbank Fed ein weiteres Programm nach, in dessen Zuge sie kreditbesicherte Wertpapiere im Volumen bis zu 800 Milliarden Dollar ankaufen wird. Beide Programme sind deutlich größer als die Rettungspakete im September, als der Versicherer AIG zunächst mit 85 Milliarden Dollar gestützt wurde (inzwischen handelt es sich um rund 150 Milliarden Dollar) und wenig später ein Rettungsschirm für alle Finanzinstitute in Höhe von 700 Milliarden Dollar aufgespannt wurde.

„Munition“ der Fed

Skeptiker befürchten, dass auch diese beiden neuen Programme noch nicht das Ende der Fahnenstange sind, da den Banken aufgrund der Rezession noch große Kreditausfälle drohten; und dass sich der amerikanische Staat und die Fed damit beträchtliche Verlustrisiken eingehandelt haben, die letztlich der Steuerzahler und mittelfristig die Allgemeinheit über höhere Inflation zu tragen haben wird. Leidtragende könnten auch die vielen ausländischen Investoren an den amerikanischen Märkten werden - falls es aufgrund der Schuldenlast zu einer Dollar-Abwertung kommen sollte. Aber offensichtlich sind die Behörden davon überzeugt, dass es in der jetzigen Situation das größere Risiko ist, nichts zu tun.

Mit dem direkten Ankauf von Hypothekenanleihen sowie Wertpapieren, die mit Kreditkartenforderungen besichert sind, setzt Fed-Chef Ben Bernanke, ein Wirtschaftsprofessor, das um, was er im November 2002 dargelegt hat. Seinerzeit hatte die Fed, ebenfalls aus Angst vor Deflation, ihren Leitzins auf 1 Prozent zurückgenommen; Bernanke argumentierte, dass damit die „Munition“ der Fed noch lange nicht erschöpft sei - da sie auch Wertpapiere ankaufen und damit deren Zinsniveau direkt drücken könne.

Das niedrigste Niveau in Jahrzehnten

Seinerzeit war solch eine Politik des „quantitative easing“ nicht nötig, da das niedrige Zinsniveau die erhoffte Wirkung zeitigte: So gingen die Hypothekenzinsen zurück, was den Eigenheimbesitzern eine Umschuldung zu günstigeren Konditionen ermöglichte; das verschaffte Millionen Haushalten zusätzliches Geld in der Brieftasche. Das brachte den Konsum wieder in Schwung und schob die Immobilienhausse an - welche die Fed später auch mit kräftigen Leitzinserhöhungen nicht mehr zu stoppen vermochte.

In dieser Woche hat nun bereits die Ankündigung von Wertpapierankäufen Wirkung gezeitigt. Die Zinsen von Benchmark-Hypothekenanleihen sanken von 5,42 Prozent am Montag auf 5,08 Prozent am Freitag. Um sich gegen das Risiko einer neuen Welle von Hypothekenumschuldungen abzusichern, kauften die Halter solcher Hypothekenanleihen im großen Stil Staatsanleihen. Das ließ die Rendite des zehnjährigen Papiers bis Freitag auf 2,92 Prozent fallen, das niedrigste Niveau in Jahrzehnten.

Senkung gilt als möglich

Um Liquidität in den Markt zu pumpen, kauft die Fed bereits seit September vielerlei Wertpapiere an. Dadurch hat sich ihre Bilanzsumme seither auf 2,1 Billionen Dollar mehr als verdoppelt. Das beste Rezept zur Vermeidung von Deflation sei, die Sorge vor einem Wiederaufleben der Inflation zu schüren, merken Analysten von Goldman Sachs dazu an. Sollte Inflation tatsächlich wieder eine Gefahr werden, müsse die Fed das „quantitative easing“ wieder „geschickt zurückfahren“. „Aber das ist ein Problem späterer Tage“, meinen sie. Skeptiker befürchten indes, dass Bernanke mit den Notfallmaßnahmen über das Ziel hinausschießt und dass er, bildlich gesprochen, der Wasserfluten, die er jetzt zum Löschen des Feuers einsetzt, später nicht mehr Herr werden wird.

Vorerst gehen die Inflationsraten allerdings deutlich zurück. Zum Teil liegt das an der drastischen Verbilligung von Öl und anderen Rohstoffen. So kostet ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte Brent am Freitag nur noch rund 42 Euro - in Euro gerechnet, kostete Öl zuletzt vor dreieinhalb Jahren so viel. Hinzu kommt, dass die Unternehmen angesichts des abflauenden Konsums kaum noch Spielraum haben, die Preise zu erhöhen; viele senken vielmehr ihre Preise, um ihre Lager abzubauen. So ist die Jahresrate der Inflation im Euro-Raum von Oktober auf November von 3,2 auf 2,1 Prozent gefallen.

Laut Jürgen Stark vom Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte das Preisniveau aufgrund der drastisch verbilligten Energie im kommenden Sommer sogar für einige Monate fallen. Vor diesem Hintergrund gilt als so gut wie sicher, dass der EZB-Rat auf seiner Sitzung am Donnerstag in Brüssel den Leitzins von 3,25 auf 2,75 Prozent herabsetzen wird. Eine Senkung auf 2,5 oder 2,25 Prozent gilt als möglich.

Zu den Favoriten zählten Grundstofftitel

Parallel zu den Notenbanken, haben zahlreiche Regierungen große Konjunkturpakete aufgelegt. Die EU-Kommission befürwortet ein Gesamtvolumen von 300 Milliarden Euro. Allerdings fällt es einigen Regierungen nicht ganz leicht, das für Konjunkturprogramme und Rettungspakete nötige Kapital am Markt aufzunehmen. Jedenfalls hatten die britische und die italienische Regierung nach Angaben von Händlern in der vergangenen Woche Schwierigkeiten, neue Anleihen am Markt zu plazieren.

Von solchen Sorgen unbeeindruckt, haben die großen Aktienindizes in der vergangenen Woche kräftige Kursgewinne erzielt. In Europa stieg der Stoxx 50 um 14 Prozent, in Wall Street der S&P 500 um 19 Prozent. Zu den Favoriten zählten Grundstofftitel, die von der Aussicht auf Konjunkturstimulierung profitierten, sowie Finanztitel, bei denen die Hoffnung stimulierte, das der Staat den Banken die Verluste nach dem Muster der Citi-Rettung schon abnehmen wird.

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