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Finanzen Weitere Kursverluste an Chinas Aktienmarkt

18.08.2009 ·  Die Kurse am chinesischen Aktienmarkt fallen seit Anfang August. Analysten setzen aber weiterhin auf Wachstum Die werde nicht zulassen, dass der Aktienmarkt vor den Feiern zum 60. Gründungstag der Volksrepublik zusammenbräche, heißt es.

Von Christoph Hein, Singapur
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Chinas Aktien befinden sich auf Talfahrt. Am Mittwoch fiel der Shanghai Composite Index um 4 Prozent. Seit Anfang August hat er damit fast 20 Prozent seines Wertes eingebüßt. Unterdessen setzen die Analysten von Citibank bis Goldman Sachs ihre Wachstumserwartungen für China in diesem Jahr weiter herauf.

Erleben wir das Platzen einer Blase am Aktienmarkt? Oder herrschen nun sogar schon wieder Kaufkurse? Stellvertretend für seine Zunft fasst Tim Condon, Chefvolkswirt Asien der ING Bank in Singapur, die Analystenmeinungen zusammen: „Es wäre ein Fehler gewesen, die Fastverdoppelung der Kurse zwischen Jahresbeginn und August einfach fortzuschreiben. Nun ist es aber wohl genauso ein Fehler, die Korrektur als wirklich scharfen, andauernden Einbruch zu interpretieren.“ Die positiv gestimmten Analysten weisen zu Recht darauf hin, dass die Partei - in China gleichbedeutend mit der allmächtigen Regierung - den Aktienmarkt niemals vor den Feiern zum 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober zusammenbrechen lassen würde. Chinas Aktienmarkt wird von Peking aus beeinflusst und gesteuert. Dies zeigte das neun Monate währende Verbot von Börsengängen, um dem Markt nicht zu viel Liquidität zu entziehen. Es wurde im Juni aufgehoben.

Plötzliche Verringerung der Darlehenssumme

Ein Rückgang eines überhitzten Marktes um 20 oder auch 30 Prozent reiche noch nicht, um staatliche Eingriffe zu rechtfertigen, halten die Schwarzseher dagegen. Sie sehen den Markt immer noch als überkauft und zu teuer an. So erwartet Andy Xie, in Asien hochgeschätzter Privatökonom aus Hongkong, einen Kursrückgang um mindestens weitere 10 Prozent. Im Regionalvergleich sind Chinas Aktien in der Tat weiterhin alles andere als Schnäppchen: So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis in Schanghai bei etwa 25, während es im MSCI-Index für Schwellenländer nur gut 17 beträgt.

Chinas Markt wird nicht nur von der Partei manipuliert. Etwa ein Fünftel der Kreditsumme, die im ersten Halbjahr von den Banken in den Markt gegeben wurde, dürfte von Spekulanten für Aktienkäufe genutzt worden sein, schätzen Analysten. Im Sommer wurden je Woche rund eine halbe Million neuer Depots in China eröffnet. „Auf dem Höhepunkt der Blase am Aktienmarkt vor zwei Jahren haben jede Woche eine Million Privatkunden Konten bei Brokern eröffnet“, erinnert sich Sam Hilton, Analyst bei Fos Pitt Kelton in Hongkong. Das billige Geld bereitet ihm Sorge. „Es ist viel Schaum im Markt. Ich fürchte mich vor der Korrektur eines Marktes, dessen Aufschwung von billigem Geld getrieben wurde“, sagt Devan Kaloo, Aberdeen Asset Management. Auslöser des Rückgangs war die plötzliche Verringerung der Darlehenssumme in China. Im Juli lag der Wert der Neukredite noch bei 355,9 Milliarden Yuan, nach 1,53 Billionen (158 Milliarden Euro) im Juni - ein Rückgang um drei Viertel.

60 Prozent unter seinem Stand zu Jahresbeginn

Die Regierung, so spekulieren Analysten, die weiter auf die langfristigen Chancen der inzwischen drittgrößten Wirtschaftsmacht setzen, dürfte sich in den nächsten Wochen nicht nur gegen einen Gesichtsverlust für das Land stemmen. Sie muss den Markt auch in der Lage halten, weitere Börsengänge aufnehmen zu können. Um die Aktionäre bei Laune zu halten, bräuchte sie nur die Steuer auf Aktienkäufe zu streichen. Auch könnte sie mehr Fonds zulassen, die am Markt tätig werden. Die Erfahrung lehrt aber, dass mit einem Einbruch der Börse auch eine Krise am Wohnungsmarkt einsetzen wird. Denn der ist, dank enormer Summen von Spekulationsgeldern, ebenfalls überkauft.

Das Spekulieren über den Stolz der Partei darf aber nicht zu weit gehen: Im August 2008, zum Beginn der Olympischen Spiele in Peking, hatten Anleger ebenfalls auf die Markt-Hilfe aus Peking gerechnet - und sich verspekuliert. Damals lag der Shanghai Composite Index 60 Prozent unter seinem Stand zu Jahresbeginn.

China trübt die Stimmung am deutschen Aktienmarkt

Der scharfe Kursrückgang an den chinesischen Börsen um fast 20 Prozent binnen zwei Wochen trübt die Stimmung am deutschen Aktienmarkt. „Die Kursverluste in China sorgen auch hier für Verunsicherung und haben zum Kursrückgang des Dax in den vergangenen Tagen beigetragen“, sagt Tammo Greetfeld, Aktienstratege der Unicredit: „Gleichwohl dürfte dies nur eine vorübergehende Eintrübung der Stimmung sein, denn die Wirtschaftsdaten überraschen weiterhin sehr positiv.“ Die Schätzungen für das Wirtschaftswachstum 2010 in Europa und den Vereinigten Staaten würden daher wohl sehr deutlich angehoben werden müssen, was auch höhere Gewinnschätzungen für das kommende Jahr untermauert. „Das positive Umfeld für den deutschen Aktienmarkt bleibt damit intakt“, sagt Greetfeld.

Auch Matthias Jörss, Aktienstratege des Bankhauses Sal. Oppenheim, hält an einem positiven Ausblick für den deutschen Aktienmarkt fest: „Der spektakuläre Run auf chinesische Aktien war wahrscheinlich übertrieben, und so, wie der Dax auf den Kursanstieg zuvor positiv reagiert hat, leidet er nun unter den fallenden chinesischen Aktienkursen.“ Generell bleibe aber das Momentum für Aktien durch die für viele überraschend guten Konjunkturdaten zunächst positiv. „Wir werden im Laufe des dritten Quartals noch neue Jahreshöchstkurse sehen“, sagt Jörss: „In der Initialphase der Konjunkturerholung sehen wir eine V-förmige Erholung bei vielen Konjunkturindikatoren.“ Danach allerdings werde sich das Umfeld für Aktien wieder eintrüben, weil die Aussichten für das weitere wirtschaftliche Wachstum nicht berauschend seien.

Michael Köhler, Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg, sieht dagegen bereits jetzt kein Potential mehr für steigende Aktienkurse: „In den Kursen ist schon viel an Aufschwungshoffnungen eingepreist, die jetzt erst einmal durch ein paar Fakten gestützt werden müssen.“ Die Konsolidierung am Aktienmarkt gehe deshalb vorerst weiter. „Dass der chinesische Aktienmarkt nun schwächelt, ist definitiv nicht hilfreich, denn China sollte ja die Lokomotive bei der weltwirtschaftlichen Erholung sein“, sagt Köhler.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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