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Finanzaktien Mit Europas Banken lässt sich Geld verdienen

 ·  Bankaktien sind so billig wie nie. Kein Wunder nach mehr als vier Jahren Krise. Mutige Anleger fassen jetzt wieder Vertrauen.

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Man könnte Hendrik Leber für einen waghalsigen Zocker halten: Da steckt Europa inmitten einer schweren Schuldenkrise, und was macht der Chef der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis? Er investiert in Bankaktien. Nicht im Übermaß, aber in manchen Fonds seines Hauses kommen Bankenwerte auf einen Anteil von rund fünf Prozent.

Ausgerechnet Aktien der Banken. Kaum eine Wertpapierart leidet unter den Verwerfungen in Europa so stark wie die Anteilsscheine der Geldinstitute, jedes Aufflackern der Krise bringt sie aufs Neue unter Druck. Gewinnt in Frankreich der Sozialist Hollande die erste Runde der Präsidentschaftswahlen, geben die Kurse französischer Großbanken wie BNP Paribas und Société Générale nach. Nehmen die Sorgen um Spanien zu, sinkt der Wert des iberischen Instituts Santander. Ein schwieriges Umfeld, in dem auch starken Geldhäusern wie der Deutschen Bank ständig Kursrückschläge drohen.

Bei schwachen Nerven: Finger weg!

Ist Vermögensverwalter Leber also tatsächlich ein Zocker? Sicher nicht. Er folgt nur dem nüchternen Investmentprinzip, dann zu kaufen, wenn sich alle anderen ängstlich zurückhalten. So sichert er sich jetzt Aktien zu einem niedrigen Preis. An späteren Kursanstiegen kann Leber dann kräftig verdienen. „Gerade bei einigen Banktiteln ist die Kaufgelegenheit günstig“, ist Leber überzeugt. Für Investoren mit schwachen Nerven gilt trotzdem: Finger weg! Die Risiken sind hoch. Mutige Privatanleger können Lebers Strategie jedoch nachahmen.

Gute Nachrichten aus der Bankbranche gingen zwar zuletzt im Strudel schwacher Quartalszahlen unter. Aber es gibt sie. Die Institute haben den Ausfall Griechenlands Anfang des Jahres überstanden, immerhin eine Extremsituation, die Europa monatelang in Atem hielt. Sie haben sich von riskanten Geschäftsfeldern getrennt, ihre Kapitaldecke erhöht. Und schließlich können die Geldhäuser vor allem ein Argument für sich geltend machen: Sie werden weiter gebraucht, ohne sie funktioniert eine Marktwirtschaft nicht.

Zu billig?

Wie aber auswählen? Auf vermeintlich günstige Einkaufstour können Anleger derzeit bei nahezu allen Banken im Euroraum gehen. Die Aktie der Commerzbank notiert bei einem Kurs von weniger als zwei Euro, das Papier der italienischen Unicredit bei rund drei Euro - beide in Nähe ihres Tiefststandes, beide billig. Das allein kann aber kein Kriterium für Investoren sein.

Die entscheidende Frage muss anders lauten: Sind die Aktien zu billig? Unterschätzen also die übrigen Marktteilnehmer das Aufwärtspotential, das in ihnen schlummert? Nur dann können sich die Verlustpapiere wieder zu Gewinnbringern im Depot entwickeln.

Welche Geldhäuser auf ein solches Plus hoffen können, hängt von mehreren Faktoren ab, vor allem aber von einem: dem weiteren Fortgang der Schuldenkrise. „Der Kauf von Bankaktien ist eine Wette auf einen guten Krisenausgang“, sagt Dieter Hein, Bankanalyst des Analysehauses Fairesearch.

Echte Trendwende nicht in Sicht

Beruhigt sich die Lage dauerhaft, könnte das eine positive Kettenreaktion in Gang setzen: Investoren würden Banken wieder mehr Vertrauen entgegenbringen, in der Folge könnten die Institute leichter Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Salopp gesagt: Sie wären wieder flüssig und ihre Aktien generell im Plus. Tatsächlich gab es zuletzt solch einen Hoffnungsschimmer. Zwischen Januar und Ende März konnten sich die Institute mehr Geld über den Kapitalmarkt besorgen als in der gesamten zweiten Jahreshälfte 2011. Auch die Kurse legten in diesem Zeitraum kräftig zu.

Doch eine wirkliche Trendwende vermögen die meisten Analysten noch nicht zu erkennen. Sie sehen als Ursache des Zwischenhochs eher die Geldspritzen der Europäischen Zentralbank, die den Banken im Dezember und Februar langfristige Kredite in Höhe von einer Billion Euro zum Minizins von einem Prozent überlassen hatte. Gelöst sind die Probleme des Finanzsektors damit nach Meinung fast aller Experten nicht. So sahen das im April auch die Börsen: Bankaktien gaben nach.

Kunden, Kosten, Perspektive - ganz klassisch

Vermögensverwalter Leber geht darum einen Schritt weiter. Anstatt sich über den Verlauf der Euro-Krise Gedanken zu machen, schaut er darüber hinaus: „Ich will diejenigen Institute identifizieren, die gestärkt daraus hervorgehen.“ Wie das funktioniert? Über eine genaue Analyse des Geschäftsmodells: Kunden, Kosten, Perspektive - ganz klassisch. „Viele Banken lassen sich wie ein Industrieunternehmen unter die Lupe nehmen.“

Dazu ist ein Blick in den Geschäftsbericht unerlässlich. Selbst Unerfahrene können beim Durchblättern einen wichtigen Qualitätsunterschied zwischen den Geldhäusern auf eigene Faust ausmachen: die Transparenz. So geben längst nicht alle Institute Auskunft zur genauen Entwicklung ihrer Kundenzahlen - dabei ist schon das ein erster Hinweis auf die Stärke einer Bank. Wie sich das Geschäft entwickelt, lässt sich auch an der Höhe der Kreditausfallquoten festmachen. Steigt die Zahl der säumigen Schuldner im Vergleich zu früheren Jahren an, kann auch das ein Warnzeichen sein.

Analysten raten zudem, ganz grundsätzlich darauf zu schauen, womit ein Institut sein Geld verdient. Ist es das Investmentbanking, also das Geschäft mit Anleihen und Börsengängen? Dann kann es passieren, dass die Erträge stark schwanken. Ist es das Privatkundengeschäft? Dann sind die Schwankungen geringer, aber auch nur niedrigere Wachstumsraten möglich.

Ausnahme für europäische Staatsanleihen

Das Ergebnis der Analyse hält bei Vermögensverwalter Leber einige Überraschungen parat: So zählt er ausgerechnet eine Bank zu den stärksten, die aus Südeuropa kommt - das spanische Geldhaus Santander. Der Grund: Santander ist vor allem in der Boomregion Lateinamerika aktiv, die Misere auf dem Heimatmarkt trifft das Institut daher weniger - auch wenn der Gewinn zuletzt zurückging. Die kleinere Aareal-Bank aus Wiesbaden hält Leber ebenfalls für attraktiv: Der Immobilienfinanzierer war 2005 ein Sanierungsfall, heute steht er deutlich besser da und ist wieder in der Gewinnzone.

Ein solides Geschäftsmodell kombiniert mit geringer Abhängigkeit von Südeuropa - so könnte ein gutes Bankeninvestment aussehen. Ein Unsicherheitsfaktor lässt sich aber auch durch die beste Analyse nicht ausräumen: „Keiner kann exakt abschätzen, welche Risiken in den Bilanzen einer Bank lauern“, sagt Analyst Hein.

In der Tat: Zwar müssen die europäischen Geldhäuser in Zukunft riskante Geschäfte mit mehr Kapital hinterlegen. Ausgerechnet für die Papiere, die die Euro-Krise ausgelöst haben, gilt das aber nicht. Europäische Staatsanleihen sind von der Regel ausgenommen, sie gelten weiterhin nicht als riskant.

Wozu das führen kann, hat noch im Dezember ein Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht EBA gezeigt: 31 von 70 europäischen Großbanken fielen damals durch. Allein dies verdeutlicht: Auch wenn es falsch wäre, Bankaktien als reine Zockerei abzutun - große Lust an der Spekulation sollten ihre Käufer schon haben.

Bankaktien richtig auswählen

1. Staatseinfluss prüfen.

Je stärker der Staat auf die Geschäftspolitik einer Bank Einfluss nehmen kann, umso schwerer ist es, ihre Entwicklung abzuschätzen. Gerade bei südeuropäischen Geldhäusern besteht diese Gefahr, aber auch bei der deutschen Commerzbank.

2. Kennziffern kontrollieren.

Ob eine Bankaktie aktuell billig ist, lässt sich am besten am Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) ablesen. Der Buchwert ist lediglich ein anderer Begriff für das Eigenkapital. Darunter verstehen Börsianer die Summe aller Vermögensgegenstände eines Unternehmens abzüglich seiner Schulden. Informationen zum Eigenkapital finden sich im Geschäftsbericht. Grundsätzlich gilt: Je niedriger das Kurs-Buchwert-Verhältnis, umso günstiger ist eine Aktie. Für die meisten Banken notiert es derzeit unter einem Wert von eins.

3. Geschäftsmodell berücksichtigen.

Vom reinen Blick auf die Bewertungskennzahlen sollten Anleger ihre Entscheidung nicht abhängig machen. Parallel dazu müssen sie das Geschäftsmodell unter die Lupe nehmen. Hat eine Bank die jüngsten Krisen einigermaßen stabil überstanden, ist dies von Vorteil. Hinzu kommt die Frage: Womit verdient das Institut eigentlich sein Geld? Ist es das Investmentbanking, können die Erträge stärker schwanken. Ist es das Privatkundengeschäft, sind die Wachstumsperspektiven schwächer.

4. Zeithorizont beachten.

Kurzfristig müssen Anleger weiter mit stark schwankenden Kursen rechnen. Besser ist es, den Kauf als langfristige Investition zu betrachten. Wegen der vielen Risiken ist aber klar: Zu groß sollte der Anteil im Portfolio nicht sein. Maximal fünf Prozent empfehlen Profi-Investoren.

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Jahrgang 1979. Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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