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Börsenbarometer : Europas Großbanken im Niedergang

Bild: F.A.Z.

Bankaktien befinden sich weiter im freien Fall. Die Deutsche Bank fliegt nun aus einem der wichtigsten europäischen Börsenbarometer. Ein anderer großer Spieler teilt dieses Schicksal.

          Der Niedergang der europäischen Bankaktien erfasst immer mehr Institute. Am Dienstagnachmittag las sich die Liste der größten Tagesverlierer im Aktienindex Euro Stoxx 50, der die wichtigsten Werte der Eurozone umfasst, wie ein Who’s who der Kreditwirtschaft. Die italienische Großbank Unicredit mit ihrer deutschen Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank verlor 7,2 Prozent, gefolgt von den beiden spanischen Großbanken Santander (minus 5,3 Prozent) und BBVA (minus 4,9 Prozent) sowie der holländischen ING Group (minus 4,6 Prozent), zu der die deutsche ING Diba gehört.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Commerzbank musste nach schwachen Halbjahreszahlen in der Spitze einen Kursrückgang von 9,4 Prozent verkraften und erreichte abermals ein Rekordtief von 5,22 Euro. Die Deutsche Bank sackte um 4,8 Prozent auf ebenfalls nie dagewesene 11,24 Euro ab. Auch erste Versicherer gerieten am Dienstag in den Abwärtssog. So standen unter den größten Verlierern im Euro Stoxx 50 auch die französische Axa Versicherung und die italienische Generali.

          Ein nie dagewesener Niedergang

          Der Bedeutungsverlust der europäischen Großbanken macht sich nun auch in einem der wichtigsten Börsenbarometer für den Kontinent bemerkbar: Die Deutsche Bank und die Schweizer Großbank Credit Suisse werden vom 8. August an nicht mehr im Stoxx Europe 50 geführt, in dem die wichtigsten Börsenwerte Europas vereint sind. Der Index wird zwar nicht ganz so viel beachtet wie der Euro Stoxx 50, der nur Werte aus dem Euroraum vereint. Dennoch kommt der Schritt für die beiden einst so stolzen Häuser dem Abstieg aus der ersten Liga der europäischen Konzerne gleich. An ihre Stelle rücken der französische Baukonzern Vinci und der niederländische Zulieferer für die Halbleiterindustrie ASML auf.

          Zu dem außerplanmäßigen Austausch war der Index-Anbieter Stoxx, der zur Deutschen Börse gehört, aufgrund seiner eigenen Fast-Exit-Regeln gezwungen. Die besagen, dass Einzelwerte aus dem 50 Unternehmen umfassenden Index fliegen, wenn sie zwei Monate in Folge auf Platz 75 oder schlechter der monatlichen Selektionsliste landen. Erst im Juni war die britische Bank Standard Chartered durch den dänischen Gesundheitskonzern Novo Nordisk ersetzt worden.

          Deutsche Bank und Credit Suisse erleben wie so viele andere europäische Kreditinstitute derzeit einen nie dagewesenen Niedergang. Die andauernde und nicht in absehbarer Zeit enden wollende Niedrigzinsphase, die um sich greifenden Negativzinsen an den Anleihemärkten, die Verunsicherung der Investoren rund um den Brexit, die Unwägbarkeiten am italienischen Bankenmarkt – all das bildet für die Konzerne in diesem Jahr einen gefährlichen Cocktail. Investoren lassen nun die Finger von den Aktien; wer schon welche hat, versucht, sie zu immer niedrigeren Preisen loszuwerden.

          Enttäuschende Halbjahreszahlen

          Allein seit Anfang des Jahres haben sowohl die Deutsche Bank als auch Credit Suisse gut die Hälte ihres Börsenwertes eingebüßt. Bei der Unicredit, die an diesem Mittwoch ihre Halbjahreszahlen vorlegt, ging die Marktkapitalisierung sogar um 62 Prozent zurück. Die Commerzbank büßte 44 Prozent ein. Allein bei diesen vier Banken summiert sich der vernichtete Börsenwert seit Jahresbeginn auf nahezu 60 Milliarden Euro. Die Zahlen der vergangenen Tage – enttäuschende Halbjahreszahlen der Deutschen Bank, ernüchternde Stresstestergebnisse für viele Banken und am Dienstag nun die Quartalszahlen der Commerzbank – haben den Niedergang der Bankenwerte noch weiter angefeuert.

          Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock, sagte: „Das Profitabilitätsproblem vieler Banken könnte letztlich – sollte es nicht gelöst werden – doch in ein erneutes Solvenzproblem münden.“ Trotz der recht guten Testergebnisse dürften die Banken beim Umbau ihrer Geschäftsmodelle nicht nachlassen, vor allem wegen der Aussicht auf ein längerfristig niedriges Zinsniveau.

          Doch so ein Umbau des Geschäftsmodells ist leichter gesagt als getan: Um unabhängiger vom Niedrigzins zu werden, müssten vor allem die deutschen Banken mehr Einnahmen aus Gebühren generieren, indem sie zum Beispiel an Unternehmen weniger Kredite vergeben und ihnen stattdessen gegen Gebühr Kapitalmarktfinanzierungen ermöglichen. Im Privatkundengeschäft sind viele Kreditinstitute schon dazu übergegangen, Gebühren zum Beispiel für Überweisungen und andere Kontodienstleistungen zu verlangen. Die Commerzbank hat kürzlich eine Kreditvermittlungsplattform eröffnet, auf der sie nicht selbst die Kredite vergibt, sondern gegen Gebühr Investoren an Kreditnehmer vermittelt. Doch dass die Banken mit solchen Methoden langfristig erfolgreich sein werden, bezweifeln offensichtlich immer mehr Anleger.

          „Unserer Ansicht nach bleibt der Bankensektor in ganz Europa für Aktienanleger erst einmal äußerst unattraktiv“, sagt Boris Jurczyk, Aktienfondsmanager bei der Berenberg Bank.

          Quelle: F.A.Z.

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