Die von der Finanz- und Wirtschaftskrise bedingte Durststrecke für Dividenden an der Wall Street ist vorbei. Nach Angaben des Informationsdienstes Standard & Poor's haben amerikanische Aktiengesellschaften im vergangenen Jahr in 255 Fällen ihre Barausschüttung an Aktionäre erhöht. Im Jahr davor hatten das nur 157 Unternehmen gemacht. Das Resultat: Die Ausschüttungen sind im vergangenen Jahr um knapp 21 Milliarden Dollar angewachsen, nachdem das Volumen der Dividendenzahlungen 2009 noch um rund 37 Milliarden Dollar zurückgegangen war. In den Krisenjahren 2008 und 2009 hatten Unternehmen noch in 140 Fällen die Dividende gekürzt. 2010 kam das nur viermal vor.
Die Analysten von Standard & Poor's prognostizieren für dieses und das kommende Jahr weiter steigende Dividendenzahlungen bei den im breitgefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen - vorausgesetzt, das Wirtschaftswachstum hält an. „Unser Ausblick für die S&P-500-Dividenden ist optimistisch“, sagt Indexanalyst Howard Silverblatt. Unternehmen hätten die Fähigkeit, Dividenden zu zahlen, und Investoren zeigten einen wachsenden Appetit auf diese Erträge. Silverblatt erwartet, dass im Jahr 2011 zwei Drittel der 371 Unternehmen im S&P 500, die aktuell Dividenden ausschütten, mehr zahlen werden als im vergangenen Jahr. Die Spitzenwerte vor der Krise dürften allerdings nicht vor 2013 erreicht werden.
Zur Renaissance der Dividende tragen mehrere Faktoren bei. So haben sich die Gewinne von Unternehmen aufgrund von Kostenkürzungen und der wirtschaftlichen Erholung deutlich von der Rezession erholt. Die Konzerne verfügen nun über hohe Barbestände, die sie für Dividendenzahlungen, Aktienrückkäufe, Übernahmen oder Investitionen nutzen können. Unternehmen im S&P 500 haben im dritten Quartal fast 80 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe ausgegeben, die den Aktienkurs stützen. Das war mehr als doppelt so viel wie im dritten Quartal des Vorjahres.
Hohe Dividendenrendite sind häufig das Resultat gefallener Aktienkurse
Dividenden werden für amerikanische Investoren zudem attraktiv, weil die 2003 eingeführten Steuersenkungen für Dividenden kürzlich um zwei Jahre verlängert wurden. Das lenkt das Interesse von Anlegern wieder auf Anlagestrategien wie die „Dogs of the Dow - die Hunde des Dow“. Darunter versteht man die Anlage in die zehn Aktien unter den insgesamt 30 Titeln des Dow-Jones-Index, die am Anfang des Jahres die höchste Dividendenrendite ausweisen. „Dog“ ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für ein hässliches Mädchen oder ein wertloses Ding. Die „Dogs of the Dow“ heißen so, da eine hohe Dividendenrendite häufig das Resultat gefallener Aktienkurse ist. Die Dividendenrendite errechnet sich, indem man die jährliche Ausschüttung in Relation zum Kurs einer Aktie setzt. Fällt der Aktienkurs bei gleichbleibender Dividende, steigt die Rendite.
Die Hunde-Strategie basiert auf der Überlegung, dass Unternehmen, die trotz rückläufiger Aktienkurse eine hohe Dividende zahlen, gute Chancen auf eine zukünftige Kurserholung haben. Im vergangenen Jahr ging diese Rechnung auf. Nach Berechnungen des Wertpapierhauses Bespoke Investment Group haben Anleger 2010 damit Kursgewinne von 15,5 Prozent erzielt. Der Dow war im gleichen Zeitraum nur um 11 Prozent gestiegen. Addiert man die Dividenden hinzu, haben die Hunde-Aktien im vergangenen Jahren sogar eine Gesamtrendite von 21 Prozent abgeworfen.
Attraktivität von Standardwerten mit hoher Dividendenrendite wächst
2010 war das erste Jahr seit 2006, in dem sich diese Anlagestrategie wieder ausgezahlt hat. Während der Krisenjahre hatte sie nicht funktioniert, weil einer der wichtigsten Grundsätze der Strategie keinen Bestand hatte: dass die Aktiengesellschaften im Dow Jones, die bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Wirtschaft, ihre Dividende nicht kürzen. Der Autohersteller General Motors (GM) hatte die Dividende ausgesetzt, bevor er einen Insolvenzantrag stellte. Finanzwerte, die zu den größten Dividendenzahlern gehörten, reduzierten ihre Ausschüttungen ebenfalls. Die Großbank Citigroup, die wie GM schließlich aus dem Dow entfernt wurde, stellte die Zahlungen gleich ganz ein.
Aber diese Zeiten sind vorbei, und die Attraktivität von Standardwerten mit hoher Dividendenrendite wächst. „Der Kauf von Dividendenaktien macht eine Menge Sinn, besonders jetzt, angesichts der Renditen von Staatsanleihen“, meint Nicholas Colas, Aktienmarktstratege des Wertpapierhauses Convergex. Die Rendite amerikanischer Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren liegt derzeit bei 3,3 Prozent. Die zehn Hunde des Dow kommen dagegen auf eine durchschnittliche Dividendenrendite von 4,1 Prozent.