05.04.2010 · Heut steigt er, morgen fällt er: Langfristig bewegt der Dax sich dabei nur zur Seite. Gründe, am flotten Aufschwung zu zweifeln, gibt es ja genug. Doch auch jetzt können Anleger profitieren- mit der Dividenden- oder der Value-Strategie.
Von Nadine OberhuberKrebse haben zwar viele Beine, aber dafür ziemlich kurze. Gemessen daran, tragen sie einen ziemlich sperrigen Körper mit sich herum. Deshalb sind sie keine besonders guten Läufer - jedenfalls nicht im Vorwärtsgang. Wenn der Krebs es eilig hat, schlägt er den Seitwärtsgang ein. So ähnlich ist es bei den Aktienindizes. Denn trotz der jüngsten Kurssprünge sind sich die Analysten einig: Ein klarer Trend nach oben ist derzeit nicht zu erkennen.
Das wird deutlich, wenn man sich den deutschen Aktienindex über die vergangenen sechs Monate ansieht - oder den Eurostoxx. Der Kursverlauf sieht aus wie eine flatternde Zickzacklinie im Seitwärtsgang. Auch wenn der Dax jüngst über die 6125-Punkte-Marke gehüpft ist und den höchsten Stand seit 18 Monaten erklomm - schon sagen viele: Die Börsianer seien derzeit zu optimistisch, sie gingen schon wieder von rasantem Wachstum aus. Da werden die Unternehmen kaum nachkommen.
Augenblicklich ist das Lager der Pessimisten nämlich ähnlich groß wie das der Optimisten. Sogar einen Tick größer, das sagt die Put-Call-Ratio, die anzeigt, wie viele Anleger auf fallende und wie viele auf steigende Kurse setzen: Nach den Berechnungen von HSBC Trinkaus & Burkhardt schlagen derzeit die Pessimisten die Optimisten mit 57 zu 43 Prozent.
Das heißt: Schon bald könnten die Skeptiker die hohen Kurse nutzen, um Gewinne einzustreichen und sich wieder vom Markt zu verabschieden. Das drückt die Kurse. Gründe, am flotten Aufschwung zu zweifeln, gibt es ja genug: Griechenland, die hohen Staatsdefizite, die dauernden Diskussionen um die Stabilität der Banken. Während die Optimisten also von der 6500-Punkte-Marke träumen, glauben die Pessimisten, dass es einen Rücksetzer geben wird, der den Dax wieder auf 5000 oder sogar 4500 Punkte drücken wird.
Sieben magere Jahre
So kommt der Index langfristig nicht voran. Was auch nicht ungewöhnlich ist, wie Studien belegen, die Aktienindizes nach großen Crashs untersuchten: Durchschnittlich dauert es sieben Jahre, bis Wirtschaft und Börsen wieder zum ursprünglichen Niveau zurückfinden. Fünf Jahre lang schwankten die Kurse dabei erst einmal seitwärts, hat Krisenökonom Kenneth Rogoff ermittelt. Dabei schlägt der Index immer wieder um bis zu 52 Prozent aus - nach oben und unten (Historie: Nach Rezessionsjahren tendierte der Dax uneinheitlich).
Das ist ein Horrorszenario für all diejenigen, die mit passiven Investments wie Indexfonds auf steigende Kurse setzen. Doch auch von Seitwärtsmärkten können Anleger profitieren: mit der Dividenden- oder der Value-Strategie.
Die Dividendenstrategie fußt auf der Erkenntnis, dass die jährlich gezahlten Dividenden im Schnitt mehr als die Hälfte der realen Erträge von Aktienbesitzern ausmachen. Denn den wenigsten gelingt es, zum richtigen Zeitpunkt zu kaufen und zu verkaufen und so auf größere Kurssteigerungen zu kommen - zumal davon noch die Abgeltungsteuer abfließt. Rentabler ist es, Aktien von dividendenstarken Unternehmen zu kaufen und sie eine Weile zu halten.
Dividendenstarke Unternehmen leicht zu finden
Die sind nicht einmal schwer zu finden. Während die Firmengewinne in der Krise zusammenschmolzen, hielten die Unternehmen die Auszahlungen an Anleger stabil. Bei der Allianz etwa blieb der operative Gewinn gleich, aber die Dividende stieg sogar um 20 Prozent.
Insgesamt war bei den Firmen die Angst groß, dass mit sinkenden Dividenden auch das Vertrauen der Aktionäre dahinschmelzen würde, also schütteten sie lieber ihre Reserven aus. Und das nicht zu knapp: 2008 ging als Rekordjahr mit einer Dax-Dividenenrendite von mehr als 5 Prozent in die Geschichte ein, und 2009 gab es noch mehr als 4 Prozent. Das sind 22 Milliarden Euro für die Anleger.
Der Topf ist längst nicht leer: Die Agentur Bloomberg schätzt, dass europäische Konzerne derzeit Barreserven von 542 Milliarden Dollar horten. Früher oder später wird die Frage auftauchen, was damit passiert. Übernahmen erscheinen derzeit nicht als beste Idee. Das Geld muss also raus. "2010 wird das Jahr der Dividendenaktien", frohlockt Nicolas Simar, Manager des ING-Dividendenfonds.
Als besonders spendabel gelten im Dax die Telekom, Eon, RWE und Münchener Rück (siehe Grafik). Nur auf die hohe Dividende zu gucken sei aber nicht ratsam, warnt Fondsmanager Stuart Rhodes vom M&G Global Dividend Funds, "denn eine hohe Dividendenrendite kann das Ergebnis eines gefallenen Aktienkurses sein und eben nicht ein Zeichen für Wertschöpfung". Bei der Telekom sei das so, "die hat langfristig keine guten Wachstumsaussichten". Münchener Rück oder Eon sind für ihn die bessere Wahl. Generell aber stehen die Chancen gut, mit Dividendentiteln doppelt zu gewinnen: Aktien mit hoher Dividende schlagen oft auf Dauer den Gesamtmarkt, belegen Studien. Darauf setzen auch Dividendenfonds.
Wenn der Börsenkurs nicht zum Buchwert passt
Die Value-Strategie macht sich zunutze, dass es zu jeder Zeit große Firmen gibt, die an der Börse unterbewertet sind, bei denen also der Börsenkurs nicht zum Buchwert passt. Das heißt, der Markt unterschätzt ihr Geschäftsmodell. Was wiederum bedeutet, dass sie sich langfristig besser entwickeln werden und höhere Gewinnaussichten haben als andere.
Auf diese Strategie setzte auch Investorenlegende Warren Buffett im letzten großen Seitwärtsmarkt: Während der Dow Jones von 1975 bis 1982 keinen Punkt zulegte, brachte es Buffett auf 675 Prozent Gewinn. Selbst in dieser mauen Börsenzeit schafften es von den 500 größten Firmen im Schnitt 20 Prozent, ihren Börsenwert innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln. Die Frage ist nur: welche?
Wenn eine Firma ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis hat und zudem viel Geld aus dem täglichen Geschäft fließt wie bei Deutscher Bank, Allianz oder RWE und wenn sie dann noch eine hohe Dividende zahlt, ist ihre Aktie einen Kauf wert. Damit es wenigstens im Depot nicht mehr bloß seitwärts-, sondern wieder aufwärtsgeht.
@oberhuber - vielleicht noch mal ein bißchen grundlagen pauken
Harald Franz (HaraldFranz)
- 05.04.2010, 12:40 Uhr
habe ich das was verpasst?
Dirk Kampschäfer (dk26)
- 05.04.2010, 13:11 Uhr
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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