http://www.faz.net/-gv6-7oh37

Deutscher Aktienmarkt : Dividenden-Aristokraten gesucht

Zwar kein Dividenden-Aristokrat, aber einer der solidesten deutschen Dividendenzahler: Der Medizintechnikkonzern Fresenius Medical Care Bild: dpa

Unternehmen, die ständig ihre Dividenden erhöhen können, werden an der Börse ehrfürchtig Aristokraten genannt. Ihre Aktienkurse entwickeln sich meist überdurchschnittlich. In Deutschland sind sie rar.

          In Amerika gibt es einen Index für Dividenden-Aristokraten. Er enthält Unternehmen, die mindestens 25 Jahre in Folge die Dividende erhöht haben. In Deutschland wäre ein solcher Index nicht möglich, denn solche Aristokraten existieren hierzulande nicht. Der hinter dem Konzept stehende Gedanke findet aber auch in Deutschland zunehmend Anhänger. Demnach ist nicht entscheidend, ob ein Unternehmen eine außergewöhnlich hohe Dividende zahlt und eine extrem lukrative Dividendenrendite aufweist. Die kann schließlich auch auf wenig erfreuliche Weise zustande gekommen sein, denn die Dividendenrendite ergibt sich aus dem Verhältnis von Dividenden zu Aktienkurs. Fällt der um 50 Prozent, verdoppelt sich die Dividendenrendite, ganz ohne Dividendensteigerung.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Lukrativer erscheint es daher, wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens langfristig erfolgreich ist und regelmäßige Dividendenerhöhungen zulässt. Der legendäre amerikanische Investor Warren Buffett ist ein Freund dieser soliden, verlässlichen Unternehmen. In besagtem Aristokraten-Index mit Unternehmen, die mindestens 25 Jahre in Folge die Dividende erhöht haben, ist daher auch das Portfolio von Buffett reichlich vertreten: der Getränkekonzern Coca-Cola, die Einzelhandelskette Wal-Mart, der Ölkonzern Exxon Mobil, der Konsumgüterhersteller Procter&Gamble sowie der Pharma- und Konsumgüterkonzern Johnson&Johnson. Daneben sind aber auch Unternehmen wie die Schnellrestaurantkette McDonald’s, der Getränkehersteller Pepsico, der Konsumgüterkonzern Colgate-Palmolive oder die Ladenkette Family Dollar Stores amerikanische Dividenden-Aristokraten.

          Entscheidend für den Aktionär: Er kann sich nicht nur auf eine regelmäßige Dividendenerhöhung verlassen. Auch die Aktienkurse der Aristokraten steigen weit stärker als der Marktdurchschnitt. Mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre ist der S&P Dividend Aristocrats um gut 10Prozent im Jahr gestiegen, der S&P 500 hingegen nur um 7 Prozent im Jahr. Die Dividenden sind in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt. „Es spricht für ein Geschäftsmodell, wenn es regelmäßige Dividendenerhöhungen ermöglicht“, sagt Andreas Hürkamp, Leiter Aktienstrategie der Commerzbank. „Das ist aus Sicht des Aktienmarktes attraktiver als die Höhe der Dividendenrendite.“ Am deutschen Aktienmarkt gibt es solche Dividenden-Aristokraten laut Untersuchungen des Deutschen Instituts für Portfolio-Strategien (dips) und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) jedoch nicht. Immerhin haben mit Henkel, Munich Re und Siemens drei größere Unternehmen ihre Dividenden in 20 Jahren nie gesenkt. Im Euroraum gibt es immerhin fünf größere Aktiengesellschaften, die 20 Jahre in Folge immer die Dividende erhöht haben: die belgische Einzelhandelskette Colruyt, der irische Nahrungsmittel- und Aromahersteller Kerry und die französischen Essilor (Augenoptik), L’Oreal (Kosmetik) und Hermès (Luxusgüter).

          Bei Munich Re ist auch Warren Buffett Großaktionär

          In Deutschland muss die Messlatte niedriger gelegt werden: Als Achiever (was so viel wie Erfolgsmensch bedeutet) bezeichnen die Amerikaner Unternehmen, die zehn Dividendenerhöhungen in Folge vorweisen können. Das trifft auf etwa jedes Fünfte amerikanische Unternehmen zu, im Euroraum sind es 7 Prozent, in deutschen Auswahlindizes nur 3 Prozent: der Gesundheitskonzern Fresenius, seine Tochtergesellschaft Fresenius Medical Care, der Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub und das Medizintechnikunternehmen Stratec Biomedical. Die Kursentwicklung war ebenfalls beeindruckend: Der Tec-Dax-Wert Stratec hat sich vervielfacht. Fuchs ist mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre nach Wirecard der zweitstärkste Wert im 100 Titel umfassenden F.A.Z.-Index mit einem Kursplus von mehr als 1.100 Prozent, und insbesondere Fresenius, aber auch Fresenius Medical Care gehören zu den überdurchschnittlich stark gestiegenen Aktien im Dax. Die überragenden Kursgewinne erzielen die zuverlässigen Dividendenerhöher dabei zwar oft nicht. Ihre Aktienkurse schwanken dafür aber auch nicht so stark wie zum Beispiel der des auf 15 Jahre stärksten Dax-Wertes K+S. Und sie gehören in der Regel auch nicht zu den großen Verlierern am Markt. Hier befindet sich die Commerzbank, die das sechste Jahr in Folge keine Dividende ausschütten wird. Auch der Aktienkurs der Telekom hat sich besonders schwach entwickelt. Die stets hohe Dividendenrendite war da nur ein Trostpflaster für die Aktionäre.

          Im Vergleich zwischen der Entwicklung des Dax und des Dax-Kursindex zeigt sich zudem der Einfluss der Dividenden auf die Rendite aus der Geldanlage in Aktien. In der Konzeption des Dax wird unterstellt, dass Dividendenausschüttungen sofort wieder vollständig für den Kauf der Aktie des ausschüttenden Unternehmens verwendet werden. Das ist international kein gewöhnliches Vorgehen. Der Dax-Kursindex berücksichtigt hingegen – wie international üblich – nur die Kursentwicklung der Indexunternehmen. Mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre zeigt sich, dass der Dax inklusive Dividenden um 83 Prozent gestiegen ist (im Durchschnitt 4 Prozent im Jahr), der Kursindex hingegen nur um 23 Prozent (1,3 Prozent im Jahr). Die Differenz von 2,7 Prozent im Jahr entspricht dem Dividendenbeitrag zur Aktienrendite.

          Zur Auswahl attraktiver Dividendenwerte hat die Landesbank Baden-Württemberg ein Modell entwickelt, in dem neben der Dividendenrendite auch Dividendenerhöhungen positiv, Senkungen negativ sowie die Gewinnentwicklung und die Bonität des Unternehmens berücksichtigt werden. Mit Abstand an der Spitze steht im Dax Munich Re. Da überrascht es kaum, dass just in dieser deutschen Aktie Warren Buffett mit einem Anteil von 11 Prozent Großaktionär ist.

          Weitere Themen

          Jung wie ein Neuseeländer

          Geldanlage : Jung wie ein Neuseeländer

          Wer langfristig Kapital bilden will, sollte eine Aktienquote von 80 Prozent nicht scheuen. Ein Blick in die Ferne zu den Neuseeländern und ihren Staatsfonds.

          Sicherheit für das große Geld Video-Seite öffnen

          EZB hat neue Noten : Sicherheit für das große Geld

          Die neuen 100- und 200-Euro-Banknoten sollen noch sicherer sein und noch leichter zu überprüfen. So sollen Terrorfinanzierung und Geldwäsche besser bekämpft werden können. Ab dem 28. Mai 2019 sollen die neuen Scheine in Umlauf gebracht werden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.