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Deutsche Volksaktien Der Erfolg ließ auf sich warten

24.03.2009 ·  Vor 50 Jahren begann die Plazierung von Aktien der Preussag bei Kleinanlegern - die Volksaktie war geboren. So sollten „Wirtschaftsbürger einer echten Wirtschaftsdemokratie“ geschaffen werden. Dennoch wurde die Aktie nicht zum Anlageinstrument „für den kleinen Mann“.

Von Gerald Braunberger
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Die Idee stammte von einem heute längst vergessenen Mann in einem schon lange nicht mehr existierenden Ressort. Hermann Lindrath (1896 bis 1960) war unter Kanzler Konrad Adenauer Bundesschatzminister und in dieser Funktion unter anderem mit der Privatisierung von Staatsunternehmen betraut. Am 24. März 1959 begann die Plazierung von Aktien der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG, Hamburg, später unter dem Namen Preussag bekannt.

Lindrath wollte aber nicht nur Aktien verkaufen, sondern gleichzeitig auch die ärmeren Bevölkerungsschichten an den Gedanken der Sozialen Marktwirtschaft binden. Das erschien nach zehn Jahren mit dieser Wirtschaftsform immer noch als eine sinnvolle und notwendige Idee, denn die ärmeren Bevölkerungsschichten wählten überwiegend die SPD - und die Sozialdemokraten würden erst im Laufe des Jahres 1959 auf ihrem legendären Godesberger Parteitag den offiziellen Abschied vom Sozialismus beschließen. Lindraths Motto lautete deshalb: Die „Klassenkämpfer von einst“ sollten sich durch den Erwerb von „Volksaktien“ in „Wirtschaftsbürger einer echten Wirtschaftsdemokratie“ verwandeln. Die Idee wurde auch vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gutgeheißen.

Der Beginn war bescheiden

Die Preussag eignete sich nur auf den zweiten Blick als Volksaktie. Das Unternehmen war in der Öffentlichkeit weniger bekannt als beispielsweise ein Automobilhersteller wie Volkswagen. Immerhin stand es aber als ein unter anderem in der Energieerzeugung tätiges Montanunternehmen für den industriellen Aufstieg der jungen Bundesrepublik. Der Beginn war ohnehin bescheiden: Aus einer Kapitalerhöhung von 75 auf 105 Millionen Mark wurden 300.000 junge Aktien zum Ausgabekurs von 145 Mark je Aktie angeboten. Bezugsberechtigt waren Belegschaftsmitglieder und Privatpersonen mit einem maximalen Jahreseinkommen von 8.000 Mark (Einzelpersonen) beziehungsweise 16.000 Mark (Verheiratete).

Die Emission wurde ein großer Erfolg und war dreifach überzeichnet, worauf der Bund in einer zweiten Tranche Aktien im Nennwert von 51,5 Millionen Mark anbot, die ebenfalls alle Abnehmer fanden. Am Ende erhielten 216000 Privatanleger Aktien. Davon waren 26 Prozent Hausfrauen, 10 Prozent Pensionäre und 5 Prozent Arbeiter. 79 Prozent der Preussag befanden sich nun in privater Hand.

Es lief nicht schlecht - bis TUI kam

Der Zeitpunkt des Börsengangs war ideal, wie Heinz Brestel in der F.A.Z. im Nachhinein befand: „Die Preussag-Privatisierung profitierte von der größten Nachkriegshausse an der deutschen Börse, die erst 1961 endete.“ Die Kursgewinne veranlassten allerdings nicht wenige Anleger, sich relativ kurz nach der Zeichnung mit Gewinn wieder von ihren Papieren zu trennen.

Auf lange Sicht schlug sich das Unternehmen, gemessen am Aktienindex, nicht schlecht, auch wenn der Kurs starken Schwankungen unterlag. Anfang dieses Jahrzehnts verwandelte sich die Preussag dann in die TUI - ein Unternehmen, das weniger auf Industrie und mehr auf Tourismus und Containerschifffahrt setzte. Seit Anfang 2008 befindet sich der Kurs im Niedergang, der dazu führte, dass die TUI den Dax verlassen musste.

Bei VW sollte es sozialer zugehen

Der Erfolg der Preussag-Privatisierung ermunterte die Bundesregierung im Jahre 1961, auch Volkswagen an die Börse zu bringen und damit eine zweite „Volksaktie“ zu kreieren. Nicht nur der Bekanntheitsgrad von Volkswagen sorgte dafür, dass auch diese Emission ein großer Erfolg wurde. Dieses Mal ergänzte die Regierung das Angebot um eine zusätzliche soziale Komponente: Die Aktien wurden offiziell zu einem Kurs von 350 Mark ausgegeben; allerdings erhielten Kleinverdiener und Eltern mit mindestens zwei Kindern einen Rabatt von maximal 25 Prozent auf den Ausgabepreis, sofern sie sich verpflichteten, die Aktien wenigstens zwei Jahre lang zu halten. VW-Mitarbeiter konnten bis zu zehn Aktien zeichnen, andere Interessenten höchstens fünf, von denen sie aber als Ergebnis einer Rationierung bestenfalls drei erhielten.

Nach dem Börsengang stieg der Kurs der Aktie bis auf rund 1100 Mark, was viele Kleinanleger dazu veranlasste, ihre Aktien mit riesigem Gewinn zu verkaufen - auch wenn sie in diesem Fall auf den Sozialrabatt verzichten mussten. Dies stellte sich im Nachhinein als eine weise Entscheidung heraus, widersprach aber dem Grundgedanken von Minister Lindrath, die Bürger langfristig an die Aktie zu binden und sie auf diesem Wege zu verantwortungsbewussten „Wirtschaftsbürgern“ zu machen. Stattdessen erwarb sich die Aktie das Image, eine Anlageform für kurzfristige Spekulationsgewinne zu sein.

Nach Veba war Schluss

Wer jedoch bei der dritten „Volksaktie“ auf diese Strategie baute, sah seine Erwartungen enttäuscht. Im Jahre 1965 privatisierte der Bund den Energieversorger Veba, der Jahrzehnte später in Eon aufging. Wiederum war das Anlegerinteresse so lebhaft, dass der Bund die erste Tranche aufstocken musste und neben den Belegschaftsangehörigen nur Kleinverdiener bedient wurden. Eine zusätzliche soziale Komponente gab es diesmal nicht. Allerdings war der Emission aus Anlegersicht kurz- und mittelfristig kein Glück beschieden, wie Brestel feststellte: „Kurze Zeit nach der Plazierung mussten die Veba-Aktien schon an der Börse gestützt werden.“ Die Plazierung kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da die Börse den sich nähernden Abschwung der Konjunktur Mitte der sechziger Jahre vorwegnahm. Auf lange Sicht hingegen hat die Veba-Aktie jeden Index großer deutscher Aktien geschlagen.

Mit der Veba endete jedoch für lange Zeit die Schaffung von „Volksaktien“: Ludwig Erhard wurde kurze Zeit später gestürzt, und weder die anschließende Große Koalition noch die seit 1969 regierende sozialliberale Koalition zeigten an dem Konzept Interesse.

Enttäuschung kam mit Post und Telekom

Seine Wiederauferstehung feierte es erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mit der Deutschen Telekom und der Deutschen Post, auch wenn die Bundesregierung die Privatisierungen eher aus fiskalischen denn aus sozialpolitischen Gründen vorgenommen haben dürfte. Allerdings deuteten Frühzeichnerrabatte, Treueprämien und die Mobilisierung von Medienstars (Manfred Krug für die Telekom und die Gebrüder Gottschalk für die Post) als Werbeträger auf die Absicht hin, das Kapital dieser Unternehmen breit zu streuen. Dies gelang auch - allerdings hat die Kursentwicklung der Aktien angesichts der Börsenturbulenzen seit Beginn dieses Jahrzehnts viele Anleger enttäuscht. Als der Kurs der Telekom im Börsenzusammenbruch der „Neuen Ökonomie“ kollabierte, entschuldigte sich Krug sogar öffentlich bei den Anlegern für seine Werbung.

Der Aktie als Anlageinstrument hat das Auf und Ab der vergangenen zehn Jahre nicht gutgetan. Ende 2008 gab es in Deutschland nur 2,2 Millionen Aktionäre - 42 Prozent weniger als im Jahre 2000. Die Zahl der Besitzer von Anteilen an Aktien- und gemischten Fonds liegt zwar mit 6,6 Millionen deutlich höher, ist aber auch rückläufig. Zur „Volksaktie“ ist die Aktie in Deutschland nicht geworden.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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