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Deutsche Aktien Der Dax schafft die Wende

11.02.2012 ·  Noch nie sind Deutschlands Aktien so stark in ein Jahr gestartet wie jetzt. Übertrieben ist das nicht. Denn die Sorgen vor Rezession und Euro-Krise sind gesunken.

Von Dyrk Scherff
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Es macht wieder richtig Spaß mit deutschen Aktien. 13 Prozent Gewinn in sechs Wochen hat der Dax schon lange nicht mehr geschafft. Unter den wichtigsten Aktienbarometern der Welt ist Deutschlands Index damit Spitze. Und besser noch: In den 24 Jahren, in denen es den Dax gibt, hat er noch nie einen besseren Jahresanfang hingelegt.

Der Anleger wundert sich. Haben wir nicht gerade erst befürchtet, dass fast ganz Europa in eine Rezession rutscht? Dass Italien und Spanien bald von der EU gerettet werden müssen, dass gar die ganze Währungsunion auseinanderbricht? Und dann die Banken wieder vom Staat rausgepaukt werden müssen? All diese Sorgen sollen jetzt verflogen sein?

Zum Teil sind sie es wirklich. Den Zerfall des Euroraumes befürchten heute nur noch wenige. Das war im Dezember noch ganz anders. Vor allem die großen Investoren in Amerika und England bereiteten sich konkret auf ein Auseinanderbrechen vor, sie reduzierten ihr Aktienengagement drastisch. Und so reichten ein paar positive Nachrichten, um sie schnell auf dem falschen Fuß zu erwischen. Sie gaben ihre Zurückhaltung auf und stiegen wieder verstärkt in den Markt ein.

Verbesserte Stimmung

Einer der Hauptauslöser war die Europäische Zentralbank. Sie lieh rund 500 Banken zum Leitzins von mickrigen ein Prozent fast 500 Milliarden Euro für drei Jahre. Ein gewaltiges Geschenk, das es so noch nie gegeben hatte. Die Banken griffen zu. Planungssicherheit für so einen langen Zeitraum zu so einem niedrigen Zins - das war traumhaft. Verbunden mit der Aussicht auf ein schönes Geschäft. Denn mit dem billig geliehenen Geld kauften sie Anleihen, auch Staatsanleihen von Italien und Spanien, die damals teilweise sieben Prozent garantierten. Da winkt eine schöne Marge.

Die Folge: Die Anleihekurse stiegen, die Renditen sanken, unterstützt durch entschlossene Reformen der neuen Regierungen in Italien und Spanien. Das verbesserte die Stimmung, zumal schließlich auch die Finanzierung der Banken für lange Zeit gesichert war. So nahm die EZB den Aktionären die Angst vor Bankpleiten und die Sorge, dass die Geldhäuser den Kreditfluss an die Unternehmen drosseln und damit die Wirtschaft abwürgen werden. Bald trauten sich die Anleger, wieder ins Risiko zu gehen. „Es war ein sehr schlauer Schachzug der EZB“, lobt Andreas Hürkamp, Chefstratege der Commerzbank für deutsche Aktien. Ganz ohne Ausweitung der umstrittenen Käufe von Staatsanleihen schaffte die Notenbank eine Beruhigung.

Rekorderlöse bei Daimler

Unterstützung kommt nun auch von den Unternehmen. Bislang haben sie die Anleger vor großen Auftrags- und Gewinnrückgängen verschont. Im Gegenteil, manche Firmen melden gar Rekorderlöse, wie etwa der Autobauer Daimler in der abgelaufenen Woche. In der vielbeachteten monatlichen Stimmungsumfrage des Münchner Ifo-Instituts zeigen sie zudem mehr Zuversicht als bisher. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat seine Abwärtsbewegung beendet und steigt wieder. Eine Wende in der Entwicklung des Index war in den vergangenen Jahren immer ein sehr guter Indikator auch für eine Wende am Aktienmarkt.

Für den weiteren Jahresverlauf sind die Analysten nun viel optimistischer als noch vor einigen Wochen. Ihre Gewinnschätzungen reduzierten sie zuletzt nicht mehr - mit Ausnahme der Banken. Das nimmt Druck vom Markt. „Die aktuellen Schätzungen gehen von einem Gewinnwachstum 2012 von vier Prozent im Vergleich zu 2011 aus. Das ist erreichbar“, schreibt die DZ Bank in einer Analyse.

© F.A.Z. Dax macht Freude

Zudem ist Geld überall sehr günstig zu bekommen. In den Industrieländern sind die Zinsen auf Rekordtiefständen, und die EZB will noch im Februar abermals dreistellige Milliardenbeträge für mehrere Jahre an die Banken vergeben. Auch in den Schwellenländern werden die Zinsen gerade gesenkt, in der abgelaufenen Woche zum Beispiel in Indonesien. Brasilien hat weitere Reduzierungen angekündigt. „Selten gab es so viel monetären Rückenwind auf der ganzen Welt“, sagt Commerzbank-Stratege Hürkamp.

Amerika als positive Überraschung

Das günstige Geld muss irgendwo angelegt werden. Zum Beispiel in Aktien. Hinzu kommt die Erholung der Wirtschaft in Amerika. Die Unternehmen werden dort optimistischer, die Arbeitslosigkeit sinkt. Das Land könnte die positive Überraschung des Jahres werden. Prognosen gehen davon aus, dass sich das Wachstum gegenüber 2011 erhöht. In allen anderen Industrieländern wird es sich hingegen eher abschwächen.

Das Umfeld für Aktien ist also positiv. Vor allem konjunkturabhängige Aktien mit Fokus auf die Schwellenländer werden empfohlen. Aber sollte man jetzt noch kaufen, nach solch einem Anstieg? „Der Dax ist nicht teuer, vor allem vor dem Hintergrund der niedrigen Zinsen am Anleihemarkt“, sagt Johannes Reich, Partner der Privatbank Metzler. Gemessen wird die Bewertung am Kurs-Gewinn-Verhältnis, und das liegt bei rund zehn. Das war Durchschnitt in den vergangenen Jahren.

Es gibt auch noch Risiken

Anleger sollten aber nicht erwarten, dass die Kurse ungehindert so stark weiter steigen. „Die Richtung stimmt, aber es ist vielleicht ein bisschen schnell nach oben gegangen“, sagt Stephan Albrech, Gründer der bekannten Vermögensverwaltung Albrech & Cie. Die Kurse sind schon nahe an den Höchstständen, die die Analysten für dieses Jahr erwarten. Sollte es zu der erhofften Einigung der Banken mit dem griechischen Staat über eine Umschuldung kommen, würden die Kurse noch einen weiteren Schub bekommen. Aber Anleger, die auf diesem Niveau einsteigen, sollten nicht allzu gierig sein. „Wer bisher die Hosen vor Angst voll und daher Aktien gemieden hatte, darf jetzt nicht riesige Gewinne erwarten“, sagt Albrech. Besser sei, man warte auf eine Korrektur, die kommen werde.

Schließlich gebe es noch Risiken. Neben dem Gefeilsche um Griechenland spekulieren einige Experten, dass sich die Lage in Portugal verschlimmern könnte. Denn das Defizit war dort 2011 höher als gedacht, die Wirtschaftsstruktur ist ungünstig. Nach dem ersten Quartal könnte sich zudem zeigen, dass die ehrgeizigen Sparziele in Italien und Spanien verfehlt werden. Beide Länder wollen ihr Haushaltsdefizit innerhalb eines Jahres ungefähr halbieren, was Fachleute angesichts der Rezession in diesen Staaten für ambitioniert halten. Zudem geht das Wachstum in China eventuell stärker als erwartet zurück, weil die Zentralbank die Zinsen nur zurückhaltend senkt. All diese Störfeuer könnten den Aufschwung am Aktienmarkt zeitweilig unterbrechen, was Einstiegschancen bietet. Am grundlegenden Trend für ein gutes Aktienjahr 2012 ändern sie voraussichtlich aber nichts.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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