Paul Bulcke mag den größten Lebensmittelhersteller der Welt lenken. Ein Freund des lauten Auftritts ist der Mann deswegen nicht. Bulcke gilt als akribischer Arbeiter, der lieber Bilanzen studiert als Reden hält. Doch in der vergangenen Woche wählte der Vorstandschef von Nestlé die ganz große Bühne: Ließ 100 Analysten und Profi-Investoren nach China einfliegen, lud sie ein in die Dependance seines Unternehmens in Schanghai - ein Ort, der wie kein anderer auf der Welt für Wachstum steht.
Bulcke verkündete: In diesem Jahr werde sich Nestlés Umsatz in China verdoppeln. Schon 2013 könnte das Land zum weltweit zweitwichtigsten Markt für sein Unternehmen werden, übertroffen nur noch von Amerika. Die Botschaft war klar: Mag die Welt auch von einem Abschwung zum nächsten taumeln - wo Nestlé ist, ist Wachstum. Mit Krisen sollen sich andere herumschlagen.
Sexy wie nie
Turbo-Wachstum in China, gewaltige Umsatzsteigerungen - langweilig klingt dies nun wirklich nicht. Dabei galten Aktien von Nahrungsmittelkonzernen lange Zeit als genau das: als solide, aber wenig aufregend. Die Nestlé-Aktie aber ist derzeit sexy wie nie. Kaum ein Vermögensverwalter hat sie nicht in seinem Portfolio, auf kaum einer Empfehlungsliste darf sie fehlen - um das Papier ist ein regelrechter Hype entbrannt. Um die 60 Franken notiert die Aktie - innerhalb einer Dekade stieg der Kurs um rund 70 Prozent.
Normalerweise wäre das Grund genug, um Anleger misstrauisch zu machen. Denn wenn an der Börse allzu große Einigkeit herrscht, bedeutet das oft: Hohe Kursgewinne sind nicht mehr drin, die Möglichkeit eines Rückschlags dagegen wächst. Es entwickelt sich eine Blase, aus der die Luft schnell entweichen kann. Bei Nestlé jedoch besteht diese Gefahr nicht. Natürlich sind Kursrückgänge auch hier möglich, allen Börsenbewegungen entziehen kann sich die Aktie nicht. Und ja: Finanzkennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis sind mit einem Wert von 17,6 aktuell vergleichsweise hoch. Trotzdem sticht die Nestlé-Aktie zu Recht aus dem üblichen Börseneinerlei heraus. Was aber macht sie so besonders?
330.000 Beschäftigte, Produktionsstätten in 83 Ländern, ein Jahresumsatz von umgerechnet mehr als 68 Milliarden Euro - Nestlé ist ein Gigant, der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern. Marken wie der Instantkaffee Nescafé, das Kaffeekapselsystem Nespresso oder die Gewürze von Maggi sind in der ganzen Welt ein Begriff, allein die Bekanntheit der Produkte garantiert gute Verkaufszahlen. Selbst die kritischsten Analysten loben die Zugkraft dieser Marken und die starke Stellung des Konzerns in allen Regionen der Welt: Die höchsten Umsätze macht Nestlé neben China und Amerika nämlich in so unterschiedlichen Ländern wie Brasilien, Deutschland und Australien. Diese Verteilung wirkt wie eine Versicherung: Steckt eine Weltregion in der Krise, stabilisieren die übrigen das Geschäft. Wobei die Kunden natürlich selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weiter Lebensmittel kaufen.
Produkte an Bedarf in einzelnen Ländern anpassen
Doch die entscheidende Frage lautet: Wie baut man sich eine solch starke Marktstellung auf? Und wie verteidigt man sie? Analyst Patrik Schwendimann von der Zürcher Kantonalbank hat darauf eine einfache Antwort: „Nestlé verfolgt eine sehr langfristig ausgerichtete lokale Strategie.“ Wie das geht, lässt sich gut an China verdeutlichen. Selbst für Nestlé ist das rote Riesenreich kein einfacher Markt: Denn die Chinesen vermögen dem wichtigsten Produkt der Schweizer nur wenig abzugewinnen - sie sind keine großen Kaffeetrinker. Trotzdem hat der Konzern hier auf geschickte Weise Fuß gefasst: hat sich an lokalen Lebensmittelproduzenten beteiligt, ohne aber die chinesischen Partner aus der Unternehmensleitung zu vertreiben. In den einzelnen Ländern vor Ort zu produzieren, um die Lieferwege so kurz wie möglich zu halten, bei lokalen Firmen einsteigen - all dies ist wesentlicher Teil der Erfolgsstrategie.
Der zweite Teil verbirgt sich hinter einer konzerninternen Abkürzung mit drei Buchstaben: PPP - „Popularly Positioned Products“. Damit ist gemeint: Nestlé versucht stets, seine Produkte genau an den Bedarf in einzelnen Ländern anzupassen. Den Amerikanern also bietet man XXL-Verpackungen an, in Afrika dagegen kommen Maggi-Würfel sogar einzeln in den Verkauf.
Unverwundbar allerdings ist Nestlé nicht: Steigen die Rohstoffpreise für Kaffee- und Kakaobohnen dramatisch an, würde dies auch die Schweizer stark treffen. Zurzeit ist dies aber nicht zu erwarten. Die empfindlichste Stelle des Unternehmens ist eine andere: Käme es zu einem schweren Nahrungsmittelskandal, könnte dies selbst Nestlé ins Wanken bringen. Kritik an der Preispolitik der Firma in manchen Entwicklungsländern ist hingegen weniger gefährlich - für den Aktienkurs hatte der Protest bisher keine Folgen. Die Anleger sind vom Geschäftsmodell des Konzerns überzeugt, bei einem Börsenwert von umgerechnet rund 160 Milliarden Euro kann kein Konkurrent mithalten. Selbst das Wechselkursrisiko zum Franken ist aus Sicht der Analysten vernachlässigbar.
Beruhigt länger schlafen dürfen, als früher aufstehen müssen
Aber ist die Aktie nicht zu teuer? Auf den ersten Blick schon. Das erscheint auch logisch: Ein Papier, das bei allen beliebt und das gleichzeitig sehr günstig zu haben ist, kann es nicht geben. Trotzdem haben renommierte Vermögensverwalter wie Bert Flossbach keinerlei Zweifel an der Stärke der Aktie. Dies hat zum einen mit der Dividende zu tun: Seit 1923 hat Nestlé die Ausschüttung niemals ausfallen lassen, im Schnitt stieg sie seit 1980 um jährlich 16 Prozent an.
Zum anderen beruft sich Flossbach auf das, was die Experten Anlagenotstand nennen. In Zeiten, wo Bundesanleihen nur noch minimale Renditen abwerfen, suchen Großinvestoren wie Versicherungen händeringend nach lukrativeren Investments. Am Ende, so Flossbachs Argument, wird ihnen nur ein Ausweg bleiben: Sie müssen ihren Aktienanteil deutlich erhöhen. Und was liegt da für vorsichtige Versicherer näher, als auf Firmen zu setzen, die in der ganzen Welt tätig sind, wenig von der Konjunktur abhängen und zuverlässig Dividenden zahlen? „Vor allem das wird der Aktie auf lange Sicht weiter Auftrieb verleihen“, sagt der Vermögensverwalter.
Sicher, es gibt Aktien, die stärker steigen könnten als Nestlé - wenn alles gutgeht. Bei den Schweizern ist das Risiko hingegen gering. Was hatte Nestlé-Chef Bulcke in Schanghai gesagt? Ziel müsse es sein, auch in Zukunft früher aufzustehen als die Konkurrenz. Nestlé-Anleger werden das nicht beherzigen müssen. Im Gegenteil: Mit dieser Aktie im Depot können sie beruhigt länger schlafen.
Nichts im Leben
Walther Schmidt (silitoe)
- 01.10.2012, 11:48 Uhr
Der Witz zum Montag: Alle mögen Nestlé......
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 01.10.2012, 01:08 Uhr
Meine Anlageberatung:
Franz Nagel (FN57)
- 30.09.2012, 23:01 Uhr
Ein Irrtum, dem ..
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 30.09.2012, 18:22 Uhr
Nahrungsmittelhersteller?
Daniel Roth (outback86)
- 30.09.2012, 14:53 Uhr