Siemens hat das geliefert, was die Börse braucht: Endlich mal wieder eine positive Überraschung. Mit einem Ebit von 919 Millionen Euro in seinem zweiten Quartal (bis 31.3.) schlägt der Elektonikkonzern am Donnerstag die Markterwartungen deutlich. Analysten hatten mit einem deutlich stärkeren Rückgang nach den 922 Millionen Euro Ebit im Vorjahresquartal gerechnet.
Der Umsatz kletterte gegenüber dem Vorjahr um drei Prozent auf 21,25 Milliarden Euro, während die von vwd befragten Experten im Durchschnitt mit 20,57 Milliarden Euro gerechnet hatten. Eine „sehr positive Überraschung“, sagt zum Beispiel Jörg Natrop von der WGZ Bank. Die Zahlen zeigten „ein positives Licht nach den recht negativen Aussagen des Unternehmens in den vergangenen Tagen.“ Die Siemens-Aktie gewinnt gegen den Markttrend bis 10.15 Uhr 2,8 Prozent auf 65,40 Euro.
Wermutstropfen: Der ungenaue Ausblick
Und doch ist Vorsicht angebracht. Ein schwerwiegender Wermutstropfen ist der nach wie vor fehlende genauere Ausblick für das Gesamtjahr. Da dieses bis 30.9. läuft, ist schon mehr als die Hälfte davon verstrichen. Doch wie schon im vergangenen Dezember lässt sich Siemens-Chef Heinrich von Pierer keine konkretere Aussage als die eines „deutlich besseren Geschäfts“ in diesem Jahr entlocken. Und verweist auf die Unsicherheit der konjunkturellen Entwicklung, den Ölpreis und die laufende Tarifauseinandersetzung. Um so schwerer tun sich die Analysten, das Geschäft des Konglomerates zu beurteilen, das aus immerhin 13 Geschäftsberechen besteht.
Das hängt auch mit den spezifischen Bewertungsproblemen von Konzernen zusammen, die seit Ausbruch der Enron-Krise zunehmend in den Fokus gerückt sind. Ein kaum beachtetes Problem ergibt sich zum Beispiel aus den Abweichungen zwischen den Pensionsverpflichtungen und tatsächlich dafür zurückgestellten Mitteln, die zum letzten Bilanzstichstag von Siemens Ende September eine riesige Deckungslücke ergaben, die der Konzern nun sukzessive stopfen muss (vgl. „Hat Siemens eine „Bewertungsleiche im Keller“?“).
Hohe Bewertungsunsicherheiten
Die Aktie und ihre Bewertung sind daher besonders im derzeitigen Umfeld mit hohen Prognoseunsicherheiten behaftet, und die Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 32,6 für dieses und 18,1 für das nächste Geschäftsjahr, die sich aus den von I/B/E/S gesammelten Gewinnschätzungen ergeben, können nur als vage Orientierungsmarken gelten.
Im Fokus der Analysten stand heute das Ergebnis der angeschlagenen Netzwerksparte ICN, die ihren operativen Verlust auf 158 (Vorquartal 124) Millionen Euro ausweitete, und wo der Konzern 6.500 weitere Stellen abbauen will, was die Analystenschar begrüßt. Da nimmt sich der von 38 auf 44 Millionen Euro gesteigerte operative Gewinn der Handysparte ICM eher bescheiden aus, wenn er auch dem negativen Branchentrend widerspricht und deshalb besonders medienwirksam ist.
Fazit: Ausblick und Bewertung von Siemens werden stärker als bei vielen anderen Titeln von der allgemeinen Konjunktureinschätzung bestimmt. Da sich derzeit der Konjunkturhimmel wieder entrübt, könnte der Markt auch die Einschätzung für die Siemens-Aktie bald wieder neu überdenken - in der augenblicklich brisanten charttechnischen Lage des Titels, der ein klassisches Doppeltop ausgebildet hat und knapp über der 200-Tage-Linie notiert, könnte das einen deutlichen Kursrückgang nach sich ziehen.