http://www.faz.net/-gv6-80zqz

Höhenangst an der Börse : Der unheimliche Dax

Wann purzeln die Punkte – und wenn ja wie viele? Bild: SIS

Die Rekorde an den Aktienbörsen machen Freude – aber auch Angst: Wie lange kann das noch gutgehen? Und wie tief kann der Index fallen? Viele Börsenprofis blicken dennoch gelassen in die Zukunft.

          „Je länger das Sssst, desto lauter das Bums“: Mit diesen schlichten Worten des ostfriesischen Komikers Otto Waalkes hat die Commerzbank unlängst beschrieben, wo die Gefahr eines übertriebenen Aktienbooms liegt. Die Warnung ist gerade höchst aktuell: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, ließ in der vergangenen Woche mit seiner lockeren Geldpolitik, kurz „QE“ genannt, die Aktienkurse wieder auffällig stark und schnell steigen.

          Der Dax eilte von Rekord zu Rekord und ist mit stolzen 11.902 Punkten ins Wochenende gegangen. In den ersten zweieinhalb Monaten dieses Jahres hat der Aktienindex damit mehr als 20 Prozent zugelegt, während es im gesamten vorigen Jahr nur knapp drei Prozent waren. Insgesamt dauert der „Bullenmarkt“, wie Börsianer solche Zeiten steigender Aktienkurse nennen, nun schon sechs Jahre. Ganz schön lange also.

          Je länger aber die Kurse steigen, desto mehr Leute fragen sich: Kann das ewig so weitergehen? Oder wann kippt es? „Höhenangst“ haben Börsianer dieses mulmige Gefühl getauft. Dahinter steckt zuallererst ein psychologischer Effekt: Mit jedem Aufwärtsschritt des Dax steigt die Zahl derjenigen, die aus reinen Vorsichtsgründen glauben, das sei nun aber wirklich ein Schritt zu viel gewesen. Fast erinnert das an jenen 18. August des Jahres 1913, als im Spielcasino von Monte Carlo beim Roulette sechsundzwanzigmal hintereinander die Farbe „Schwarz“ kam. Und irgendwann alle im Saal nur noch eine einzige Frage kannten: Wann ist diese Serie zu Ende?

          Von Juli bis September kann viel passieren

          Die Wahrheit ist: Das weiß keiner so ganz genau. Beim Roulette ist es vor jeder neuen Runde gleich wahrscheinlich, dass als Nächstes Rot oder Schwarz kommt. Und beim Aktienmarkt gibt es zwar zahlreiche Faktoren, die neben dem Zufall für die Entwicklung der Kurse eine Rolle spielen. Aber alle präzisen Vorhersagen scheitern regelmäßig an der Komplexität der Einflüsse auf die Börse. Kein Wunder, dass zwar viele Analysten sagen, man müsse mit einer „Korrektur“ am Aktienmarkt rechnen – aber lieber nicht, wann und um wie viele Punkte.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Andreas Hürkamp, Leiter „Aktienmarktstrategie“ der Commerzbank, beschreibt zumindest ein Szenario, das er für plausibel hält: Im dritten Quartal dieses Jahres, also in den Monaten Juli, August und September, könnte die Korrektur stattfinden und der Dax fallen. Das Ganze ist zwar ein bisschen Kaffeesatzleserei. Aber auch Gertrud Traut, die Chefvolkswirtin der Helaba, meint, es gebe gewisse „saisonale Muster“ für Einbrüche am Aktienmarkt. So hätten Monate wie der September oft hohe Ausschläge der Kurse, da könne viel passieren. Und der Juli sei beim letzten Einbruch des deutschen Aktienmarktes im Jahre 2011 der entscheidende Monat gewesen, in dem es losging.

          Theoretisch kann der Dax auf null fallen

          Das mögen zwar Anhaltspunkte sein, aber keiner will ausschließen, dass es vorher schon abwärtsgehen könnte. „Anlass könnten negative Konjunktur-Überraschungen sein“, meint Traut. Oder auch ein „Graccident“, ein unfreiwilliges Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro. „Auch eine Zinserhöhung in Amerika, die früher kommt als erwartet, könnte den amerikanischen Aktienmarkt treffen und den Dax mitreißen.“ Schon Signale in diese Richtung könnten die Aktien-Hausse vorübergehend bremsen.

          Im Internet gibt es bereits eine angeregte Diskussion darüber, wie tief der Dax denn im Extremfall fallen könnte. Dort wird bisweilen behauptet, der Dax könnte zumindest nie auf null fallen, weil er ein sogenannter Performance-Index ist. Das bedeutet, dass dort auch die Dividenden der Aktien für die Kursentwicklung berücksichtigt werden. Daraus leiten manche die Vorstellung ab, im Dax stecke immer eine Art Polster aus Dividenden, das verhindert, dass er jemals ganz auf Null sinken könne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont bezeichnet Madrids Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens als „schlimmste Attacke“ gegen die Region seit der Franco-Diktatur.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.