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Dax : Niedrigzins treibt die Pensionslasten der Unternehmen

Bild: F.A.Z.

Im Dax steigen die Verpflichtungen auf mehr als 350 Milliarden Euro – ein Höchststand. Die Pensionsansprüche sind zu 60 Prozent gedeckt.

          Auf den großen deutschen Unternehmen lasten immer höhere Pensionslasten. In diesem Jahr dürften sich die Pensionsverpflichtungen der 30 Dax-Unternehmen um 52 Milliarden auf 353 Milliarden Euro erhöhen, erwartet die Beratungsgesellschaft Mercer in einer am Dienstag veröffentlichten Studie. Der hohe Anstieg ist auf die historisch niedrigen Zinsen zurückzuführen. So ist der Rechnungszins in Deutschland nach Mercer-Angaben von Jahresanfang bis Ende Oktober um 1,4 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent gesunken. Dieser Wert wird aus den Renditen hochwertiger Unternehmensanleihen abgeleitet. Wie sehr die Niedrigzinsphase die Pensionslasten treibt, zeigt sich im längerfristigen Vergleich: Im Jahr 2008 hatten sich die Verpflichtungen im Dax noch auf 190 Milliarden Euro belaufen. Nun sind es 86 Prozent mehr. Als Faustregel gilt: je niedriger die Zinsen, desto höher liegt der aktuelle Wert der künftigen Betriebsrenten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zumindest etwas Entwarnung gibt Mercer bei den sogenannten Planvermögen, also den Rückstellungen für die Pensionszusagen. Diese dürften im laufenden Jahr von 198 Milliarden auf über 213 Milliarden Euro steigen, was ebenfalls ein neuer Rekordwert ist. „Die Pensionssysteme der Unternehmen profitieren von einer diversifizierten Anlagestrategie und auch von zusätzlichen Mittelzuführungen der Unternehmen“, so Mercer-Fachmann Carl-Heinrich Kehr. Die Unternehmen zeigen durch die Zuführungen, dass sie die Pensionszusagen an ihre Mitarbeiter absichern wollen. Dabei spielen auch die günstigen Zinskonditionen für die Dax-Unternehmen am Anleihemarkt eine Rolle. Diese können sie auch dafür nutzen, ihre Pensionssysteme zu stärken.

          Im vergangenen Jahr sind den Pensionseinrichtungen der Dax-Unternehmen rund 8,5 Milliarden Euro zugeflossen. Auf Grundlage des für Jahresende erwarteten Planvermögens wären die Pensionszusagen zu 60 Prozent finanziert. Nach Berechnung der Beratungsgesellschaft Towers Watson waren Ende Oktober 59 Prozent der künftigen Betriebsrenten der Dax-Unternehmen gedeckt. Im M-Dax, dem 50 Unternehmen aus der zweiten Reihe angehören, waren es 46 Prozent. Sollten die Zinsen wieder steigen, sinkt der aktuelle Wert der Pensionszusagen, wodurch sich die Finanzierungsquote deutlich erhöht. Steigt der Zins um einen Prozentpunkt, könnte die Deckungsquote aufgrund der sinkenden Verpflichtungen um 10 bis 20 Prozentpunkte steigen.

          Unternehmen sollen umdenken

          Die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften aus dem Dax – wie zum Beispiel Siemens, Bayer, BASF, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Volkswagen oder Daimler – haben auf ihre Anlagen in den ersten zehn Monaten 2014 eine Rendite von durchschnittlich 6,7 Prozent erzielt. Bis Jahresende erwartet Kehr eine Gesamtrendite von etwa 7,5 Prozent und damit 2,1 Prozentpunkte mehr als 2013. Die Pensionssysteme der Unternehmen profitieren auch von den gesunkenen Zinsen. Denn damit verbunden sind Kursgewinne der Anleihen. So seien die Marktpreise für die Zinsanlagen zwischen Januar und Oktober um mehr als 9 Prozent gestiegen, berichtet Mercer. Aktien hätten um mehr als 4 Prozent an Wert gewonnen. Laut Mercer haben Staatsanleihen mit langer Laufzeit besonders stark vom Zinsrückgang profitiert. Daneben hätten sich Schwellenländer-Anleihen deutlich erholt.

          Doch die Unternehmen wollen auf die Entwicklung an den Finanzmärkten, die von einer Fortsetzung der Niedrigzinsphase in Europa und einer immer wahrscheinlicheren Zinswende in den Vereinigten Staaten geprägt ist, reagieren. Ihre Anlagestrategie soll ausgewogener werden. Das bedeutet eine Umschichtung aus Anleihen zu Aktien und anderen Anlageklassen. Nach Mercer-Angaben wollen die deutschen Unternehmen die Zielquote für Aktien von 29 auf 31 Prozent erhöhen. Der Anteil alternativer Anlagen wie etwa Immobilien oder Infrastruktur soll von 12 auf 16 Prozent steigen. Dagegen soll das Gewicht der Anleihen von 57 auf 50 Prozent reduziert werden.

          Jahrzehntelang mussten sich die Unternehmen über die Anlagen ihrer Pensionsrückstellungen keine Gedanken machen. Sie wurden überwiegend in Bundesanleihen angelegt, die ausfallsicher waren und auch eine auskömmliche Rendite lieferten. Lag der durchschnittliche Zins der Bundeswertpapiere im Jahr 2007 noch bei 4,3 Prozent, waren es im vergangenen Jahr nur noch 2,6 Prozent. Bei einer Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe von gegenwärtig weniger als 1 Prozent werden die zugesagten Betriebsrenten zu einer immer größeren Belastung. Unternehmen im Ausland legen ihre Vermögen stärker in Aktien an: Sie hatten im vergangenen Jahr einen Wertzuwachs von im Schnitt 13 Prozent. Deutsche Firmen kamen nur auf 5 Prozent.

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