Richard Fuld, der Vorstandschef der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers, versuchte am 14. September des vergangenen Jahres verzweifelt, Kenneth Lewis zu erreichen. Es war ein Sonntagnachmittag und im Haus des Vorstandsvorsitzenden der Bank of America in Charlotte ging wieder nur dessen Frau Donna an den Apparat. Es war nicht das erste Mal an diesem Wochenende, dass Fuld die Nummer von Lewis gewählt hatte. Lehman Brothers, die viertgrößte amerikanische Investmentbank, stand nach Milliardenverlusten vor dem Kollaps. Eine Übernahme durch die Bank of America erschien als letzte Chance, um die drohende Insolvenz zu vermeiden. Aber Donna Lewis konnte Fuld nicht weiterhelfen. Wenn Mister Lewis zurückrufen wolle, würde er das sicherlich tun, beschied sie den Chef von Lehman Brothers.
Lewis war zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht zu Hause. Er war auch nicht in Charlotte, wo die Bank of America ihren Hauptsitz hat. Lewis war schon am Samstag nach New York geflogen und verhandelte dort mit John Thain, dem Vorstandschef der ebenfalls angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch über einen Kauf von Merrill. Thain und Lewis hatten sich am Samstag erstmals in einer Wohnung der Bank of America mit Blick auf den Central Park getroffen.
Beide Männer glaubten zu diesem Zeitpunkt, dass Lehman wahrscheinlich pleitegehen würde. Und Thain war klar, dass Merrill Lynch, die wie Lehman ein großes Rad im Hypothekengeschäft gedreht hatte, das gleiche Schicksal drohen würde. Er bot Lewis zunächst den Kauf einer Minderheitsbeteiligung an. Lewis erwiderte, dass die Bank of America Merrill ganz übernehmen wolle. „Ich bin nicht hier, um Merrill Lynch zu verkaufen“, sagte Thain. „Nun, das ist, was ich will“, erwiderte Lewis.
Der Niedergang von Lehman gilt heute als Höhepunkt
Am Montag nach diesem von Telefonaten und Verhandlungen geprägten Wochenende bebte die Wall Street. Lehman Brothers stellte einen Konkursantrag, nachdem auch Verhandlungen über einen Verkauf an die britische Großbank Barclays gescheitert waren. Gleichzeitig kündigte die Bank of America die Übernahme von Merrill Lynch für 50 Milliarden Dollar an. Vor dem Lehman-Hauptgebäude in der Nähe des Times Square zogen Übertragungswagen auf und Fernsehbilder von Angestellten, die Kisten mit Büroutensilien aus den Drehtüren trugen, gingen um die Welt.
Der Niedergang von Lehman gilt aus heutiger Sicht als der Höhepunkt der seit Sommer 2007 anhaltenden Finanzkrise. Selbst die Terroranschläge vom 11. September 2001 hatten den Finanzdistrikt an der Wall Street nicht so stark geschockt und verändert wie der Kollaps des 158 Jahre alten Traditionsinstituts. Nach dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns an die Großbank JP Morgan Chase im März 2008 blieben von den einst fünf größten Investmentbanken an der Wall Street gerade mal zwei, Goldman Sachs und Morgan Stanley, als unabhängige Institute übrig. Und auch Goldman und Morgan, die die Finanzkrise vergleichsweise unbeschadet überstanden hatten, wandelten sich in reguläre Geschäftsbanken, um einer drohenden Abwärtsspirale zu entgehen.
Es gibt viele Gründe, die zu diesem Beben geführt hatten. Hypothekenbanken hatten amerikanischen Hauskäufern Kredite gewährt, die sie sich nicht leisten konnten. Investmentbanken verpackten diese Hypotheken in komplexe Anleihen, die sie an Investoren weiterreichten oder handelten. Kreditbewertungsagenturen gaben diesen Anleihen zu gute Noten. Als die Häuserpreise zurückgingen und immer mehr Hausbesitzer ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen konnten, platzte die spekulative Blase. Banken mussten den Wert dieser Anleihen nach unten berichtigen. Lehman war wie Bear Stearns und Merrill Lynch stark im Geschäft mit diesen verbrieften, oft zweitklassigen Hypotheken engagiert.
Die Schwierigkeiten eskalierten
Noch im April hatte Lehman-Vorstandschef Fuld versucht, die besorgten Aktionäre zu beruhigen. „Die schlimmsten Auswirkungen auf die Finanzbranche sind vorüber“, hatte er damals gesagt. Zwei Monate später musste Fuld aber den ersten Quartalsverlust von Lehman seit dem Börsengang 1994 melden: 2,8 Milliarden Dollar. Damit hatten selbst die größten Pessimisten nicht gerechnet.
In der Woche vor dem schicksalshaften Wochenende eskalierten die Schwierigkeiten. Lehman meldete einen neuerlichen Rekordverlust. Zwar hatte die Bank Maßnahmen angekündigt, um nötig gewordenes Eigenkapital aufzunehmen und das Risikoprofil des Hauses zu senken. Lehman wollte die Sparte mit den notleidenden Immobilienanlagen abspalten. Die Hoffnung auf eine Kapitalspritze einer koreanischen Bank platzte jedoch. Es drohte eine Herabstufung der Bonität, falls Lehman kein neues Kapital aufnehmen konnte. Kunden verlangten mehr Sicherheiten und zogen Gelder ab. Der Aktienkurs fiel.
Fuld suchte auf Druck der Regierung einen Investor. Er hatte mit Lewis über eine Übernahme von Lehman Brothers gesprochen. Aber die Übernahmespezialisten aus Charlotte winkten nach Prüfung der Bücher ab. Lewis rief Fuld an und teilte ihm mit, dass ein Kauf ohne Unterstützung der Regierung nicht möglich sei.
Mitarbeiter des amerikanischen Finanzministeriums hatten parallel die britische Bank Barclays wegen einer Beteiligung an Lehman kontaktiert. Lehman hatte aber auch schon eine Anwaltskanzlei angeheuert, um für den Fall der Fälle einen Konkursantrag vorzubereiten.
Die konzertierte Rettungsaktion gelang nicht
Bei Merrill Lynch hatten wie bei Lehman Kunden begonnen, Geld abzuziehen. Spitzenmanager von Merrill erwogen einen Verkauf an Bank of America. Am Freitagnachmittag erhielten Thain und die anderen Vorstandschefs der führenden Wall-Street-Banken einen Anruf des Finanzministeriums. Sie hätten sich noch am Abend in der New Yorker Zentralbank Federal Reserve einzufinden, einem festungsähnlichen Gebäude unweit der New Yorker Börse. Empfangen wurden sie von Notenbankchef Ben Bernanke, dem Chef der New Yorker Fed, Timothy Geithner, und dem Vorsitzenden der Börsenaufsicht SEC, Christopher Cox. Die Behördenchefs eröffneten Verhandlungen über eine Rettung von Lehman.
Die Ansage der Regierung war klar: Eine Rettung von Lehman müssten die Banken der Wall Street selbst organisieren. Der Einsatz von Steuergeldern käme nicht in Frage. Nach der jüngsten Verstaatlichung der großen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sollten die Akteure an den Finanzmärkten nicht die Überzeugung gewinnen, dass die Regierung immer für geschäftliche Fehlentscheidungen geradesteht. Diese Haltung unterschied sich von der Rettung von Bear Stearns, als die Notenbank dem Käufer JP Morgan einen Kredit von 29 Milliarden Dollar eingeräumt hatte.
Banken an der Wall Street hatten nicht das erste Mal eine konzertierte Rettungsaktion gestartet. Zuletzt war das beim Kollaps des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management gelungen, der Ende der neunziger Jahre das globale Finanzsystem bedroht hatte.
Diesmal gelang das nicht, obwohl die Bankenchefs den Samstag und auch den Sonntag in der New York Fed zubrachten, um eine Lösung zu finden. Die Nummer zwei von Lehman, Präsident Bart McDade, führte die Konkurrenten durch die Bücher von Lehman. Es waren Tage mit vielen Optionen. Nicht nur rief Thain bei Lewis an, der sein gerade nach Charlotte zurückgekehrtes Übernahmeteam für die Verhandlungen mit Merrill umgehend zurück nach New York orderte. Spitzenmanager von Goldman erwogen auch eine Beteiligung an Merrill. John Mack, der Vorstandschef von Morgan Stanley, diskutierte mit Thain ebenfalls über eine mögliche Fusion ihrer Banken.
Die Bank of America stand in Verhandlungen mit Merrill Lynch
Die Übernahmeverhandlungen von Barclays und Lehman schritten unterdessen voran. Barclays hatte einem Kauf zugestimmt, solange die Bank nicht die notleidenden Immobilienanlagen übernehmen musste. Es soll eine prinzipielle Übereinkunft gegeben haben, dass Wall- Street-Banken Kapital zur Verfügung stellen, um eine separate Bank für die faulen Papiere zu finanzieren. Es blieb nur eine Hürde. Um die Transaktion abzusegnen, brauchte Barclays ein Votum der Aktionäre. Das war am Sonntag nicht möglich.
Barclays forderte daher für die Handelspositionen von Lehman bis zur Abstimmung eine Garantie der amerikanischen oder der britischen Regierung. Die Regierungen wollten dieses Risiko aber nicht übernehmen. Als das deutlich wurde, machte Fuld seinen letzten, erfolglosen Anruf nach Charlotte. Am Nachmittag gab es dann erste Meldungen, dass die Bank of America in Übernahmeverhandlungen mit Merrill Lynch stehe. Und Lehman-Chef Fuld verstand, warum Kenneth Lewis ihn seit Samstag nicht mehr zurückgerufen hatte.
Der Verbleib von $17 Milliarden Lehman-Bargeld/Wertpapier Sicherheitsleistungen?
Ami de Chapeaurouge (Schikane)
- 02.09.2009, 12:57 Uhr
Netter Versuch des Schulterklopfens - aber wo sind die Konsequenzen?
Joachim Mense (JMense)
- 02.09.2009, 13:13 Uhr
Danke, FAZ!
Adrian Schneider (asc-ger)
- 02.09.2009, 13:22 Uhr
Lehman ist kein 9/11
Hans-J. Sauer (Wertpapierportfolio)
- 02.09.2009, 14:04 Uhr
Nur Stunden vor der Insolvenz transferierte Lehman New York 8 Mrd. USD
(Farben)
- 02.09.2009, 15:27 Uhr