Home
http://www.faz.net/-gv7-11o46
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Commerzbank Die Börse zückt die gelbe Karte

09.01.2009 ·  Die Aktie der Commerzbank stürzt am Freitag auf den niedrigsten Stand aller Zeiten. Dass die Anleger nach der Teilverstaatlichung keinen Zusammenbruch fürchten müssen, zieht nicht. Angesichts dieses Desasters senken die Analysten mehrheitlich ihren Daumen.

Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (0)

Eigentlich haben die Anleger doch nichts mehr zu befürchten. Die Bundesregierung übernimmt eine Sperrminorität bei der Commerzbank, schießt viele Milliarden Euro in die Bank ein und übernimmt somit die drohenden Verluste, die sich in der Bilanz angesammelt haben.

Der Bund zahlt der Commerzbank weitere 10 Milliarden Euro aus dem Banken-Rettungsfonds und beteiligt sich an ihr über eine Kapitalerhöhung mit 25 Prozent plus einer Aktie (Commerzbank wird zu einem Viertel verstaatlicht ). Außerdem begab die Commerzbank am Donnerstag eine staatlich garantierte Notanleihe, die ihr nochmals 5 Milliarden Euro Liquidität bringt (Commerzbank: Notanleihe bringt 5 Milliarden Euro). Diese Emission mit einem Kupon von 2,75 Prozent konnte die Bank am Freitag zum Kurs von 99,45 Prozent platzieren. Schon im vergangenen Jahr bekam die Bank aus dem Banken-Rettungsfonds 8,2 Milliarden Euro Eigenkapital.

Das Finanzministerium will sobald wie möglich zwei Staatssekretäre in den Commerzbank-Aufsichtsrat schicken. Dem Bund stünden bei der Bank zwei Aufsichtsratsmandate zu, sagte Ministeriumssprecher Torsten Albig. Die Staatssekretäre sollten „sobald wie rechtlich möglich“ in das Kontrollgremium entsandt werden, erklärte er, nannte aber keinen Zeitpunkt.

Auf Rekordtief

Und trotzdem haben die Anleger der Bank die gelbe Karte gezeigt und auch am Freitag die Aktie aus ihren Depots geräumt. Am Donnerstag schon war der Kurs in der Spitze um 21,4 Prozent auf 4,79 Euro gestürzt, erholte sich jedoch bis Handelsschluss auf 5,25 Euro. Somit betrug der Tagesverlust 13,8 Prozent. Am Freitag stürzte die Notierung zunächst um weitere 14,9 Prozent auf 4,47 Euro - der niedrigste Stand, den die Aktie in ihrer Geschichte zu verzeichnen hatte.

Am späten Vormittag lag der Kurs 6 Prozent unter dem Schlussstand vom Donnerstag bei 4,935 Euro. Damit hat die Aktie allein schon in diesem Jahr mehr als 25 Prozent an Wert verloren. Die Marktkapitalisierung von Deutschlands zweitgrößter Bank betrug nur noch 3,6 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank wird an der Börse immerhin noch mit knapp 14 Milliarden Euro bewertet.

Auch die Aktien der Deutschen Bank gerieten am Freitag unter Druck. Der Kurs fiel zeitweise um knapp 6 Prozent auf 24,29 Euro. Allerdings haben diese Kursverluste wenig mit der Commerzbank zu tun. Mehrere Händler verwiesen laut Nachrichtenagentur dpa-AFX auf Spekulationen, die Bank werde im Eigenhandel einen hohen Verlust ausweisen. Die Deutsche Bank lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Das größte deutsche Geldhaus hatte bereits im dritten Quartal im Eigenhandel Verluste von mehr als einer Milliarde Euro verbucht.

Deutsche Banken europaweit in der zweiten Liga

Wegen der Finanzkrise gelten weitere Verluste im vierten Quartal als wahrscheinlich. Die Anleger seien zudem vorsichtig bei Finanzwerten, nachdem die Commerzbank wegen erneuten Finanzbedarfs den Einstieg des Bundes bekanntgegeben hatte, sagte ein Börsianer.

Die deutschen Banken rangieren im europäischen Vergleich weit abgeschlagen. Die französische Großbank Société Générale beispielsweise kommt auf einen Börsenwert von 21 Milliarden Euro, BNP Paribas auf 32 Milliarden Euro, Credit Suisse auf 34 Milliarden Euro, die spanische Großbank Banco Santander auf 55,4 Milliarden Euro und die britische HSBC auf 76 Milliarden Euro.

Fein raus ist dagegen die Allianz, die nun sicher sein kann, dass sie die Dresdner Bank tatsächlich an die Commerzbank los wird. Mit dieser Perspektive rangierte die Aktie des Versicherungskonzerns unter den Favoriten im Dax. Am späten Vormittag notierte die Aktie 5,6 Prozent im Plus bei 70,38 Euro.

Analysten raten zum Verkauf

Das Votum der Analysten fiel erwartungsgemäß negativ aus: Die Société Générale stellte die Commerzbank-Aktie auf „Verkaufen“ mit einem Kursziel von nur noch 4 Euro. Keffe Bruyette stufte die Aktie als „Underperformer“ ein und setzte das Kursziel auf 5 Euro. Negative Einschätzungen kamen auch von Natixis, Nomura und Equinet. Lediglich Raymond James hält die Commerzbank bei einem Kurs von 10,90 Euro für fair bewertet, und das Bankhaus Metzler rät sogar zu einem Kauf der Aktie mit einem Kursziel von allerdings lediglich 6,90 Euro.

Die UBS hat das Kursziel für die Commerzbank-Aktie nach dem Staatseinstieg von 7 auf 5,50 Euro gesenkt und die Einstufung auf „Neutral“ belassen. Das neue Kursziel spiegele den Verwässerungseffekt aus der Kapitalspritze wider, der aber mittelfristig aufgrund der Realisierung von Synergie-Effekten nicht ganz so stark ausfallen dürfte, schrieb Analyst Philipp Zieschang in einer Studie vom Freitag. Mit positiven Nachrichten sei in nächster Zeit kaum zu rechnen. Dass die Commerzbank die Dresdner-Bank-Akquisition so schnell vorangetrieben habe, werfe Fragen auf.

Für Gesprächsstoff an den Märkten sorgte vor allem auch die Einschätzung der Deutschen Bank. Deren Analysten beließen die Commerzbank-Aktie am Freitag auf „Halten“ und setzten ihr Kursziel unverändert auf 9 Euro. Das bedeutet, dass sie dem Titel ausgehend vom aktuellen Niveau einen Anstieg von gut 80 Prozent zutrauen.

Furcht vor einer Verwässerung

JPMorgan senkte das Kursziel für die Commerzbank von 5,60 auf 4,70 Euro und beließ die die Einstufung auf „Untergewichten“. Die staatliche Beteiligung dürfte in jedem Fall zu einer Verwässerung führen, schrieb Analystin Francesco Tondi in einer Studie vom Freitag. Es dürfte entweder eine Kompensation durch oder eine Umwandlung in Eigenkapital erfolgen. Die beste Möglichkeit, das Vertrauen in den Titel wieder herzustellen, sei die Beseitigung kritischer Vermögenswerte und eine drastische Restrukturierung.

Die Händler in Frankfurt wurden noch deutlicher mit ihrer Kritik an dem Desaster bei der Commerzbank als die Analysten. „Das Vertrauen ist erst einmal weg!“, zitierte dpa-AFX einen ungenannten Händler. „Bei der Historie des Papiers kommen bei einigen Investoren böse Erinnerungen an die Hypo Real Estate auf!“ Wer in solch einer Art sogenannte „Investor Relations“ betreibe, brauche sich nicht zu wundern.

„Eine Riesenfarce“

Auf heftige Kritik stießen auch Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing, der im ARD-Fernsehen am Donnerstagabend sagte, die Bank stehe den Kunden künftig „als verlässlicher Partner“ zur Verfügung. „Insofern profitieren sowohl Firmen- als auch Privatkunden von dem Schritt.“ Diese Aussage wurde im Börsenumfeld als besonders zynisch empfunden, nachdem unter Blessings Führung die Bank in diese Katastrophe geraten war und ohne die staatliche Stützung wohl kaum überlebensfähig wäre.

Ein anderer Händler schimpfte: „Die können auf Jahre kein Geld verdienen! Bei 18 Milliarden Euro Staatshilfe von dem Rettungsfonds Soffin zu neun Prozent Zinsen: Das macht 1,5 Milliarden Euro Zinsbelastung pro Jahr.“ Im besten Jahr 2007 habe die Commerzbank ein Nettoergebnis von 1,9 Milliarden Euro erwirtschaftet. „Hat da noch jemand Fragen? Das ist nur noch eine reine Abwicklungsbank für den Mittelstand. Das alles ist eine Riesenfarce!“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%