Das Elend mit der Commerzbank-Aktie fing eigentlich schon vor sechs Jahren an. Seitdem hat die Aktie unter den Dax-Werten einen festen Platz als eine der schlechtesten Aktien des Jahres mit fallender Tendenz. Auf Sicht von zehn Jahren haben Aktionäre eine Kurseinbuße von nunmehr 89 Prozent zu verzeichnen.
Am Donnerstag sind es einmal mehr wieder mehr als 6 Prozent, um die der Aktienkurs nachgibt. Zwar sind Banken-Aktien derzeit sehr schwankungsfreudig und im Umfeld des EU-Gipfels zur Schuldenkrise wenig en vogue, doch kommen bei der Commerzbank hausgemachte Belastungsfaktoren hinzu. Die Großbank gibt gut 176,5 Millionen weitere neuer Anteile aus und bezahlte damit Boni ihrer Mitarbeiter. Rund 128 Millionen dieser Aktien wurden allerdings direkt für 1,27 Euro am Markt weiterplaziert – was Wunder also, wenn der Kurs knapp unter dieses Niveau fällt.
Kapitalerhöhung für sich genommen unbedeutend
Für sich genommen sollte die Belastung eigentlich gering sein: So hatte Commerzbank-Chef Martin Blessing diesen Schritt schon im Januar als Teil der Maßnahmen vorgestellt, mit denen die von der europäischen Bankenaufsicht (EBA) attestierte Kapitallücke in Höhe von 5,3 Milliarden Euro gestopft werden soll.
Auch hält sich die Gesamtstückzahl mit wenig mehr als 3 Prozent der Aktienzahl in Grenzen. Was allerdings keinen guten Eindruck hinterlässt, ist die Tatsache, dass fast 73 Prozent der Papiere umgehend zu Geld gemacht wurden. Das zeige eine ziemlich skeptische Haltung der Unternehmensinsider für die mittelfristige Kursentwicklung, sagt Christian Muschick, Analyst bei Silvia Quandt Research Die Erwartung deutlich steigender Kurse sei wohl bestenfalls gedämpft.
Die Altlast mit dem grünen Band
Die Geschäftsentwicklung der Bank ist in den vergangenen Jahren auch nicht dramatisch schlecht gewesen. Sie hat deutlich unter der Krise gelitten, 2009 mehr als 4 Milliarden Euro verloren und in den vergangenen 12 Monaten unter dem Strich lediglich 22 Millionen Euro erwirtschaftet.
Doch das wird hart erkämpft, leidet doch die Commerzbank unter vielen Altlasten. Ob sich etwa die Übernahme der Dresdner Bank je rechnen wird, ist offen. Die Zweifel sind groß und berechtigt. Denn an der Sanierung der einstigen Bank mit dem grünen Band der Sympathie, die sich mit Steuerskandalen, versemmelten Krediten und dem unsinnigen Versuch, die Deutsche Bank einholen zu wollen, über Jahrzehnte hinweg in den Abgrund gewirtschaftet hatte, haben sich eine Reihe von Vorständen und schließlich auch die Allianz die Zähne ausgebissen. Nicht dass es nicht zu schaffen wäre, aber es ist keine leichte Aufgabe. Deren Ergebnisse treten aber nicht so sehr zu Tag: Die Dresdner ist weitgehend in der Commerzbank aufgegangen.
Alle Mann von Bord!
Aber die Dresdner ist nicht die einzige Altlast: Noch Ende März galten Schiffs- und gewerbliche Immobilienfinanzierung als strategisch wichtige Geschäftsbereiche. Keine drei Monate später hat der Vorstand beschlossen, sich von den Segmenten zu trennen. Grund sei die Unsicherheit an den Finanzmärkten, die Verschärfung der Staatsschuldenkrise und regulatorische Belastungen.
Offenbar habe sich herausgestellt, dass etwa die Immobilienfinanzierung zu wenig Ertragspotential habe, sagt Michael Seufert, Analyst bei der NordLB. „Hätte man sich bei der Commerzbank entschieden, den Bereich gewerbliche Immobilien- und Schiffsfinanzierung auszubauen, dann hätte das Institut zusätzliches Eigenkapital zur Unterlegung neuer Kredite reinstecken müssen.“
Das ist milde formuliert. „Das riecht nach Reißleine“, sagt Konrad Becker von Merck, Finck & Co in München. Ursprünglich sollte von der Staats- und Immobilienbank Eurohypo ein kleiner, gesunder Kern in Deutschland sowie vier weiteren Ländern mit einem Volumen von 25 Milliarden Euro gewerblicher Immobilienkredite erhalten bleiben.
Die Deutsche Schiffsbank hatte man vor nicht allzu langer Zeit komplett übernommen. Doch di Lage im Schiffbau ist weiter schlecht, etliche Schiffsfonds sind sanierungsbedürftig, zum teil zum zweiten Mal. Das Verhältnis von Flottenkapazität und Nachfrage ist auf absehbare Zeit ungünstig.
Abwurf von Ballast
„Hinter der getroffenen Entscheidung steckt eine große Skepsis gegenüber der weiteren konjunkturellen Entwicklung“, urteilt Becker. „Offenbar sieht das Management jetzt mehr Risiken wegen der Krise, weswegen man den Bereich abbauen und das dort gebundene Eigenkapital freisetzen will.“ Er geht davon aus, dass das freie Eigenkapital als Puffer für mögliche weitere Abschreibungen dienen soll.
„Erst Griechenland, jetzt Spanien und Zypern - vielleicht auch noch Italien. Es gibt einfach die Befürchtung, dass wir in Europa auf lange Zeit nicht aus dem Sog der Krise heraus kommen“, erläutert Analyst Seufert. Die jetzt getroffene Entscheidung, sich komplett aus der gewerblichen Immobilien- und Schiffsfinanzierung zurückzuziehen, wertet Seufert daher als einen „knallharten Schnitt“, der dem Management nicht leicht gefallen sein dürfte.
Weiter auf Staatskrücken
In diesem Zusammenhang macht die Aktienplazierung vom Donnerstag keinen guten Eindruck. Vor allem schreckt sie weiter Käufer ab, zumindest solche, die daran interessiert sind, langfristig in aussichtsreiche Unternehmen zu investieren. Und somit sinken auch die Aussichten weiter, dass die Commerzbank in absehbarer Zeit wieder ohne Staatskrücken wird laufen können.
Das zeigt sich auch darin, dass die Beteiligung des staatlichen Rettungsfonds SoFFin gleich bleibt. Dieser wird weiter mit 25 Prozent plus einer Aktie an der Bank beteiligt bleiben, indem ein Teil der Stillen Einlage in Aktien gewandelt wird.
Wer sich als Alt-Aktionär bisher noch nicht von seinen Aktien getrennt hat, sollte letztlich vergessen, dass er welche besitzt, sofern er Kurs und Anteil nicht durch Teilnahme an Kapitalerhöhungen verbessern konnte. Denn den massiven Anstieg des gezeichneten Kapitals muss der Kurs erst einmal aufholen – und das kann dauern, all zumal das Umfeld für die Banken im Allgemeinen nicht eben besonders lukrativ ist.