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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

China Zittern an den Weltbörsen

 ·  Erschreckten schon am Dienstag Wachstumssorgen hinsichtlich Chinas die Anleger, so haben sich diese nach neuen Konjunkturdaten am Donnerstag erhöht. Auch aus anderen Teilen der Welt kommt nicht viel Gutes.

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Der unerschütterliche Glaube an den Wachstumsmotor China gab in den vergangenen Monaten den Aktienkäufern weltweit Hoffnung. Doch aus dem Hoffnungsträger könnte ein Problemfall werden. Das zeigen zumindest die Kursreaktionen an den Weltbörsen auf die jüngsten Konjunkturdaten aus dem Reich der Mitte.

Am Dienstag schon gingen die Kurse an der chinesischen Börse und anderswo deutlichen zurück. Der Index der Börse Shenzhen verlor etwas mehr als 5 Prozent seines Wertes und schloss nicht nur auf dem Tagestief, sondern auf dem tiefsten Stand seit April des vergangenen Jahres. Der Index hat seit Dezember des vergangenen Jahres 32 Prozent seines Wertes verloren. Damit gehörte der Markt schon in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zu den schlechtesten weltweit.

Zweifel am Wachstumsmotor China

Damals war der Grund, dass der Frühindikator des privaten amerikanischen Forschungsinstituts Conference Board für die wirtschaftliche Entwicklung laut offizieller Begründung aufgrund eines Rechenfehlers für April von 1,7 Prozent auf 0,3 Prozent nach unten revidiert wurde. Das war mithin der geringste Anstieg seit fünf Monaten.

China bringt die Weltbörsen zum Zittern

Am Donnerstag nun erschreckt die Märkte die Meldung, dass der Index der Konjunktureinschätzung der Einkaufsmanager im verarbeitenden Gewerbe in China im Juni gesunken ist, und zwar auf 52,1 Punkte von 53,9 Punkten im Mai. Dies war schon der zweite Rückgang des vom chinesischen Verband für Logistik und Einkauf erhobenen Index. Zu allem Überfluss fiel auch der von HSBC berechnete Einkaufsmanagerindex auf 50,4 von 52,7) Stellen und damit zum dritten Mal in Folge.

Allerdings zeigen die Indizes weiter eine Expansion an. Und das tut der erste schon seit nunmehr 16 Monaten. Aber genau das ist auch das Problem: Marktteilnehmer befürchten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt. Das ist um so mehr berechtigt, je länger die Expansion gedauert hat. Auch wenn es also gewissermaßen zwangsläufig scheint, dass die chinesische Expansion sich verlangsamt, so ist das doch ein Problem, war China doch nahezu als unendlicher Wachstumsmotor gesetzt.

Zu stark in eine Richtung gesteuert?

Skeptiker vertreten schon länger die Auffassung, China habe zu stark und zu einseitig in Immobilien und den Exportsektor investiert, statt den Binnenkonsum zu fördern. Auch das aber besaß eine gewisse Zwangsläufigkeit. Für eine dirigistische Wirtschaftspolitik, auch wenn diese auf Makroebene stattfindet, ist es typisch, dass sie bemüht ist mit möglichst wenigen Hebeln möglichst kurzfristig die größte Wirkung zu entfalten.

Das geht mit der Förderung von Immobilienbau und Exportanreizen leichter als mit mühsamen Lohnerhöhungen und Abgabenerleichterungen, deren Wirkungen verzögert eintreten, ungewiss sind, die Verbraucherpreise treiben und gar im Import versickern können. Zudem benötigt das Land für seine rasende Expansion bei Immobilien und in der Exportindustrie Kapital und damit eine hohe Sparquote.

Wird die Strategie (zu spät) umgestellt, kommt es unweigerlich zu Übergangserscheinungen: Fehlinvestitionen müssen abgebaut werden, während der Konsum muss erst in die neue Rolle wachsen. Gewissermaßen könnte sich China mit seiner Wirtschaftspolitik gleichsam in die Ecke gemalt haben.

Es riecht nach Immobilienkrise

Die Fehlentwicklungen werden immer offensichtlicher: Die Immobilienpreise sind im vergangenen Jahr trotz zunehmendem Angebot und sehr hohen Leerständen stark gestiegen, weil niedrig gehaltene Zinsen und eine starke Geldmengenexpansion die Land- und Häuserpreise auf ein hohes Niveau getrieben haben und Unternehmen eher zu Spekulationen am Immobilien- und Aktienmarkt als zu Investitionen bewegen. Zudem hätten viele Provinzen des Landes unkontrolliert zu viele Kredite für Projekte aufgenommen, die sich nie rechnen könnten.

Das klingt irgendwie erschreckend vertraut, nicht zuletzt auch weil die Abschwächung mit der Einleitung regulativer und geldpolitischer Straffungsmaßnahmen zusammenfällt. Die Notenbank hat den Mindestreservesatz mehrfach erhöht und das Geldmengenwachstum gebremst. In einer dirigistischen Wirtschaft ist diesen Maßnahmen zumindest aus politischer Sicht mehr Bedeutung beizumessen als Zinserhöhungen, weil sie Signale setzt, die aus der Gewöhnung an quantitative Ziele aus Zeiten zentraler Planung besser verstanden werden und rascher umgesetzt werden. Insofern könnte ein Abgleiten in die Rezession auch recht zügig kommen.

Dämpfungssignale

Denn einen Systembruch hat es in China nie gegeben. Die Erfahrung aber mit den Reformmaßnahmen der kommunistischen Regime Osteuropas lehrt, dass auch bei einer Verlagerung der Planung auf monetäre Kenngrößen und einer indikativen und nicht mehr imperativen Gestaltung, die Orientierung der Betriebsleitungen bestenfalls ergänzt und nicht revolutioniert wird.

Und immer noch sehen sich Finanz- und Handelsministerium sowie die Zentralbank im Staatsrat sieben klassischen Branchenministerien gegenüber, deren Interesse es in der Regel ist, möglichst viele Ressourcen in ihren Sektor umzulenken und damit das Investitionswachstum anzutreiben. Den Funktionsministerien gelingt es meist nur dann dem einen Riegel vorzuschieben, wenn sich die monetären Probleme auch auf die Realwirtschaft auswirken - und das scheint bislang zumindest vordergründig nicht der Fall zu sein.

Das Nebeneinander zeigt sich auch darin, dass die chinesische Regierung die Aufnahme von Krediten für den Kauf von Dritthäusern verboten hat, eine typisch dirigistische Maßnahme, wenngleich daneben mit einer Erhöhung der Hypothekenzinsen und der Mindestanzahlungen für den Kauf von Zweithäusern eher indirekte Steuerungsmaßnahmen ergriffen wurden.

Chinas Börse ist nach unten voraus gelaufen

Was Wunder also, wenn die Kurse an Asiens Börsen nachgeben, zumal die nachrichten aus anderen Teilen der Welt auch nicht gerade erfreuen. So erwägt Moody's als letzte Rating-Agentur Spanien die Bestnote „Aaa“ zu entziehen, was die Sorge über die europäische Schuldenkrise neu entfacht, auch im Zusammenhang mit dem Auslaufen eines Refinamnzierungsprogramm der EZB (vgl. Wenig Interesse an Dreimonatsgeld der EZB).

Und da sind dann noch die ADP-Arbeitsmarktdaten, die als Vorläufer des aktuellen Arbeitsmarktsberichts der Regierung für die Vereinigten Staaten kein guter Vorbote sind. Denn es ist die Arbeitsmarktsituation, die die Stimmung der amerikanischen Verbraucher drückt. Doch ohne seine Konsumenten hat Amerika nicht viel zu bieten.

Auffällig ist indes, dass gerade die chinesische Börse auf die neuen Nachrichten mit einem Minus von 0,8 Prozent eher schwach reagiert. „Die aktuellen Konjunkturdaten legen in der Tat ein sinkendes Wachstum nahe, aber viel davon ist in den Kursen bereits enthalten“, sagte Analyst Zhang Qi von Haitong Securities in Schanghai. Angesichts der schwachen Entwicklung der vergangenen Monate keine ganz unzutreffende Ansicht.

Hinzu kommt aber, dass die Börse in Hongkong feiertagsbedingt geschlossen ist und sich so kaum ausländischer Druck auf die Kurse entfalten kann, weil die chinesischen Festlandsbörsen größtenteils Binnenbörsen sind. Mangels Anlagealternativen fallen die Kursreaktionen daher tendenziell schwächer aus.

Vorsichtig abwarten

Es bleibt also abzuwarten, was am Freitag geschieht, allzumal dann auch der offizielle amerikanische Arbeitsmarktbericht ansteht. Ein positiver Bericht könnte schon wieder für viel Beruhigung sorgen, obwohl an den nachhaltigen Ausbruch von Optimismus in den kommenden Tagen eher zu zweifeln ist.

„Die Stimmung der Investoren ist natürlich negativ und wir sehen eine Umschichtung in defensive Anlageklassen“, stellt Chris Weston von IG Markets im australischen Melbourne fest. Im Handel werde derzeit der „Double-Dip“ eingepreist, und für Aktien sei das kein gutes Umfeld. Für Vorsicht ist also Anlass, für Panik derzeit nicht, aber das ist es eigentlich selten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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