17.10.2007 · Die größte Bank der Welt ist die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) - zumindest an der Börse. Der Kurs ist bislang steil nach oben gegangen. Wer jetzt noch einsteigen will, kommt wahrscheinlich etwas zu spät.
Wenn es um Rekorde geht, ist China Weltmeister. Die meisten Menschen (1,3 Milliarden), zweistelliges Wirtschaftswachstum. Und die größte Bank der Welt, jedenfalls an der Börse: Die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) hängt mit einer Marktkapitalisierung von 235 Milliarden Euro die bilanztechnisch größte Bank, die amerikanische Citigroup (164 Milliarden Euro), locker ab.
Die ICBC will jetzt auch im Geschäft aufholen, und zwar mit Macht. Wie am Mittwoch bekannt wurde, treibt sie ihre internationale Expansion voran: In New York und Moskau wollen die Chinesen Niederlassungen eröffnen. Entsprechende Anträge laufen auch in Sydney, Dubai und Doha. Die russische Filiale nimmt den Geschäftsbetrieb bereits im November auf.
„Zur rechten Zeit und zum richtigen Preis“
Auch Auslandsakquisitionen würden geprüft, sagte der Vorstandsvorsitzende Jiang Jianqing in einem Interview am Mittwoch in Beijing. Im September hatte Jiang angekündigt, dass die Bank ihren Schwerpunkt auf die Expansion in Schwellenländern legen werde. Jiang lehnte es ab, konkrete mögliche Übernahmeobjekte zu benennen. Er sagte lediglich, ICBC werde „zur rechten Zeit und zum richtigen Preis tätig“.
„ICBC hat die Finanzkraft, praktisch jede Bank zu übernehmen, die sie will. Aber sie sollten mit Auslandsakquisitionen vorsichtig sein. Die Managementkapazitäten und das Marktwissen dafür sind nicht vorhanden“, kommentierte Li Qing, Analyst bei CSC Securities HK Ltd. in Schanghai.
Erste Akquisitionen sind bereits erfolgt. Am 29. August hatte die in Beijing ansässige ICBC 79,9 Prozent der Anteile an der drittgrößten Bank Macaos erworben. Im Dezember des Vorjahres hatte die Industrial & Commercial Bank den ersten Auslandskauf getätigt und eine Beteiligung von 90 Prozent an der Bank Halim Indonesi PT einschließlich einer Kaufoption für die verbleibenden zehn Prozent nach drei Jahren erworben.
Die Subprime-Krise könnten den Chinesen nutzen
Die Einkaufstour der ICBC und anderer chinesischer Mega-Banken könnte weitergehen. Die Institute könnten sich die infolge der Subprime-Krise gesunkenen Bewertungen ihrer weltweiten Konkurrenten zunutze machen. Sie selbst sind in das problematische Geschäft mit den zweitklassigen Hypothekenkrediten wenig involviert. Zum 30. Juni hielt ICBC Wertpapiere im Volumen von 1,2 Milliarden Dollar, die mit risikoreicheren amerikanischen Hypotheken verbunden waren. Mitsubishi UFJ Financial Group, Japans größte Bank, war im Vergleich dazu mit 2,6 Milliarden Dollar bei solchen Papieren engagiert.
Dass die Chinesen ihre Fühler im Westen ausstrecken, zeigen zwei Fakten. Vergangene Woche hatte die Bank Minsheng den Kauf von Anteilen an der amerikanischen Bank UCBH angekündigt. Es war Fachleuten zufolge das erste Mal, dass sich eine chinesische Großbank an einem amerikanischen Konkurrenten beteiligte. Vom Einstieg in ein neues Zeitalter war die Rede.
Am Dienstag dann kündigte China Citic Group an, ein Übernahmeangebot für Teile der Investmentbank Bear Stearns zu erwägen. Bear Stearns ist am stärksten betroffen von den Verlusten im amerikanischen Markt für Subprime-Hypotheken. Die Aktien von Bear Stearns, der fünftgrößten amerikanischen Wertpapierbank, haben im laufenden Jahr in der Spitze bis zu 37 Prozent an Wert verloren und notieren aktuell um rund ein Viertel niedriger als zu Jahresbeginn.
Der größte Börsengang der Welt
Demgegenüber gehen die Kurse chinesischer Banken durch die Decke. Seit Januar haben ICBC-Aktien rund 40 Prozent an Wert gewonnen. Vor einem Jahr hatte die Bank mit einem Volumen von rund 22 Milliarden Dollar den bis dahin größten Börsengang der Welt hingelegt. Schon am ersten Handelstag in Hongkong kletterten die Aktien um 18 Prozent. Gemessen an der Größe und im Vergleich zu den anderen chinesischen Banken war die ICBC relativ günstig angeboten worden: Der Preis lag beim 2,23fachen ihres Buchwertes. Andere Banken waren teurer. Die Bank of China (BOC) wurde mit dem 2,35fachen bewertet, die China Construction Bank (CCB) lag beim 2,66fachen und die Bank of Communications (Bocom) beim 3,04fachen.
Beobachter sahen darin ein Indiz, wie wichtig für die chinesische Staatsführung der Börsengang der größten Bank des Landes war. Er war zum Erfolg verdammt, weil die überbordende Nachfrage im In- und Ausland als Beleg für die Gesundung des chinesischen Finanzmarktes verstanden werden sollte. Drei der vier großen chinesischen Staatsbanken waren innerhalb von nur einem Jahr erfolgreich an die Börse gegangen und hatten dabei Aktien im Wert von 42 Milliarden Dollar verkauft.
Ganz schnell mal fünf Milliarden Buchgewinn
Für die involvierten Ausländer waren die Börsengänge ein gutes Geschäft. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs (7 Prozent), American Express (0,5) und der deutsche Versicherungskonzern Allianz (2,5) hatten sich vor dem Börsengang mit insgesamt 3,78 Milliarden Dollar an der ICBC beteiligt. Ihre Buchwerte waren seinerzeit deutlich gestiegen; allein Goldman Sachs kam mit knapp 5 Milliarden Dollar Buchgewinn auf den höchsten Ertrag für eine Kurzzeitinvestition in seiner Geschichte. Der Anteilswert der Allianz hat sich auf 2,9 Milliarden Dollar nahezu verdreifacht. Alle ausländischen Investoren aber haben ein Verkaufsverbot über drei Jahre unterzeichnet.
Wichtiger aus Sicht der ausländischen Finanzprofis dürfte aber sein, am wachsenden Geschäft teilzuhaben. So setzt die Allianz wahrscheinlich darauf, mittelfristig Versicherungsverträge über das Filialnetz absetzen zu können. Immerhin hat ICBC 360.000 Mitarbeiter und 18.800 Filialen in China. Ihr Kundenstamm (150 Millionen Privatkunden) zählt mehr Köpfe als Russland Einwohner hat (143,2 Millionen).
Auch der jüngste Börsengang einer chinesischen Bank war ein voller Erfolg: Die China Construction Bank feierte Ende September ihr Debüt an der Schanghaier Börse. Der Kurs sprang dabei um ein Drittel nach oben. Das Institut stieg damit gemessen an seinem Börsenwert von 265 Milliarden Dollar zur zweitgrößten Bank der Welt auf, nach der ICBC. Anleger hatten Aktien der CCB im Wert von umgerechnet 300 Milliarden Dollar gezeichnet.
Kurs-Gewinn-Verhältnisse fern aller Realität
Ob sich für Anleger derzeit noch ein Einstieg lohnt, ist allerdings fraglich. Insgesamt ist die Marktkapitalisierung der in Schanghai und Shenzhen notierten Unternehmen in diesem Jahr um 1,65 Milliarden Dollar gewachsen - so viel, wie die Börsen von Indien und Singapur zusammen wert sind.
Die chinesischen Aktien sind damit inzwischen sehr hoch bewertet. Das deutet nach Ansicht vieler Experten darauf hin, dass der Aufschwung bald stocken könnte. So liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien im Shanghai Stock Exchange Composite Index bei satten 50. Das ist fern aller Realität, denn ein akzeptables Verhältnis liegt bei 15 oder weniger.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |