Gerade als sich die Marktlage wieder zu bessern schien, musste der Bär seinen hässlichen Kopf heben. Anfang der Woche brachen die wichtigsten Indizes aus ihrem Konsolidierungsmuster aus, so dass weitere Gewinne nahe bevorzustehen schienen. Wie jedoch so oft in den letzten paar Jahren dauerte die Euphorie nicht lange an, und der Markt wurde wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Noch ist es zu früh, um sagen zu können, ob dies der Beginn eines erneuten Abwärtstrends ist. Vielleicht handelt es sich hierbei auch nur um eine weitere Konsolidierungsrunde vor dem erneuten Versuch, wieder an die Höchststände vom August zu kommen. Tatsache ist jedoch, dass sich in die Gesamtgleichung eine stattliche Anzahl negativer Signale zurückgeschlichen hat. Kurzfristig dürfte daher eine etwas vorsichtigere Haltung gerechtfertigt sein.
Kritische Hürde des S&P 500 liegt bei 963 Punkten
Bisher ist die Kurserholung von den Oktober-Tiefständen stärker ausgefallen als die Rally von den Tiefständen im Juli. Die erste Etappe eines potenziellen Double-Bottom-Reversal stößt sehr rasch auf ein entsprechendes Angebot und ist deshalb anfällig gegenüber schnellen Pullbacks. Genau dies passierte im Fall der Juli-Tiefstände, als es auf dem Weg zu den Zwischenhöchstkursen vom August eine Reihe von Einbrüchen zu verzeichnen gab.
Während des zweiten Anstiegs wurde eine Menge des potenziellen Angebots innerhalb der Formation bereits aufgezehrt. Entsprechend konnte dieser Anstieg weitaus glatter vonstatten gehen. Die seit Oktober anhaltende Aufwärtsbewegung hat bisher keinerlei Pullbacks oder Korrekturen erfahren. Die diversen Unterbrechungen waren vielmehr konsolidierungstechnischer Natur. Die Akkumulierung, gemessen an den steigenden und fallenden Umsätze sowohl an der NYSE als auch an der Nasdaq, ist während der jüngsten Aufwärtsbewegung stärker ausgefallen, insbesondere für die Nasdaq. Sollte sich der S&P 500 bei seiner aktuellen Verschnaufpause im Bereich zwischen 868 und 882 Zählern halten können, wird er für einen weiteren Versuch bereit sein, den August-Höchststand von 963 Punkten zu erreichen. Ein Durchbrechen dieses Korridors nach unten hin wäre als klares negatives Signal zu werten.
Beim Versuch, dem Bärenmarkt das Rückgrat zu brechen, muss der S&P 500 zunächst die kritische Hürde von 963 Punkten (das Zwischenhoch vom August) überwinden. Ein Schließen des Index über diesem Niveau würde ein ziemlich großes Double-Bottom-Reversal vollenden und das erste bedeutende Hausse-Reversal seit 1998 verkörpern. Es ist auch aus dem Grund wichtig, da dieser Bereich den Tiefpunkt des S&P 500 im Oktober 1998 und September 2001 markierte. Mit dem Durchbrechen dieses Bereichs würde der „500“ auch durch die Nackenlinie der fünfjährigen Kopf-Schulter-Formation brechen und deren negative Implikationen damit zunichte machen. Ein Durchbrechen dieser Zone nach oben hin ist schließlich noch mit der positiven Tatsache verknüpft, dass es über der Marke von 963 Punkten kaum noch Chart-Widerstand gibt, bis der „500“ die Marke von 1050 Zählern erreicht. Wir möchten uns jedoch nicht selber übertreffen.
Werte durchlaufen Reversal-Prozess
Eine Sorge bezüglich der jüngsten Rally liegt in der Abwesenheit echter Leittitel begründet. Viele der jüngsten Spitzenwerte zählen mittlerweile sogar zu den großen Verlierern. Aktien, die während der Baisse dezimiert wurden und den Markt über einen längeren Zeitraum hinweg nicht mehr beflügeln dürften, haben viel zur Kursbefestigung beigetragen. Viele Technologie- und Telekommunikationswerte konnten sich kräftig erholen und dabei ihr früheres Konsolidierungsniveau (Angebot) wieder einnehmen. Aktuell befinden sie sich jedoch auf dem absteigenden Ast, da dieses Angebot den Aktien abträglich ist. Viele Aktien aus diesen beiden Bereichen haben ihr ursprüngliches Tief im Oktober markiert. Es wäre demnach nicht verwunderlich, wenn sie entsprechend zurückfallen und diese jüngsten Tiefstände testen würden. In einem solchen Fall wären diesen Titeln Reversal-Formationen zuzuordnen, die noch nicht abgeschlossen sind.
Während einer Hausse bzw. Baisse erreichen unterschiedliche Gruppen von Aktien zu unterschiedlichen Marktzyklus-Zeiten Höchst- bzw. Tiefstände. Trotz der zu beobachtenden Reversal-Formation bei vielen unter ihnen gibt es nicht wenige Titel, die diesen Prozess noch immer durchlaufen.
Ein Blick auf eine Reihe anderer Märkte, die den Aktienmarkt beeinflussen können, gibt ebenfalls Anlass zur Sorge. Der US-Dollar-Index weist ein mehrjähriges Kopf-Schulter-Top aus und läuft Gefahr, neue Korrekturtiefstände zu testen. Obwohl der Dollar-Index nicht immer direkt mit Aktien korreliert, sollte hierauf ein Blick geworfen werden, da mit einer schwächeren Währung sicherlich einige positive Effekte einhergehen.
Bondmarkt tendiert höher
Nachdem der Bondmarkt rund 38 Prozent seines von März bis Oktober zu verzeichnenden Kursanstiegs abgeben musste, tendiert er nun wieder höher - was für die Aktien keineswegs positiv ist. Zwar mag die zehnjährige Treasury Note ihr eigenes pessimistisches Double-Bottom-Reversal durchmachen; es würde uns jedoch nicht gefallen, die Renditen auf neuen Tiefständen unterhalb von 3,5 Prozent zu sehen. Dies würde nämlich darauf hindeuten, dass Anleger aus Sorge um die sich abschwächende Konjunktur wieder einmal Gelder aus Aktienengagements abziehen und entsprechend in Rentenwerte investieren. Sollte die zehnjährige Treasury Note allerdings ihre pessimistische Reversal-Formation vollenden können, so hätte dies positive Auswirkungen auf den Aktienmarkt.
Aktuelle Stimmungslage viel zu optimistisch
Die Stimmung bei einer Reihe von Anlegerumfragen hat sich wieder rasch in Optimismus verwandelt - etwas, wovon wir hofften, es würde nicht passieren. Der von Investor's Intelligence errechnete Stimmungsindikator weist einen Anstieg der Optimisten auf 49,4 Prozent aus, während der prozentuale Anteil der Pessimisten auf 29,3 Prozent abgerutscht ist. Noch vor drei Wochen standen 28,4 Prozent Optimisten 43,2 Prozent Pessimisten gegenüber. Dieser innerhalb von drei Wochen zu verzeichnende Zuwachs der Optimisten um 21 Prozentpunkte ist der größte, den wir jemals beobachten konnten - und unser Datenmaterial reicht immerhin bis 1987 zurück.
In der Vergangenheit (Anfang 1991 und 1992) ist es bereits vorgekommen, dass das Lager der Optimisten einen starken Zuwachs verzeichnen konnte, während der Markt dann doch über einen längeren Zeitraum hinweg im Wesentlichen stagnierte. In Anbetracht des zu beobachteten Marktverhaltens während der letzten paar Jahre wäre uns weitaus wohler, wenn Anleger trotz steigender Kurse zunächst pessimistisch blieben. Wir haben momentan das Gefühl, dass es zu viele Menschen gibt, die an den Beginn eines neuen Bullenmarktes glauben - was auf dem Höhepunkt eines Tiefs einfach nicht sein sollte.
Zwar liegen uns bisher noch nicht genügend Beweise vor, die auf ein Ende der Rally (ausgehend von den Oktober-Tiefständen) hindeuten würden; trotzdem raten wir auf kurze Sicht erst einmal zur Vorsicht.