Die Freude an Übernahmen ist in Deutschland wiedererwacht. Davon profitieren derzeit vor allem Aktienwerte aus der zweiten Reihe. Jüngstes Beispiel ist das Kaufangebot der Finanzierungsgesellschaft Blackstone an die Aktionäre der Celanese AG im Wert von 1,6 Milliarden Euro. Es ist das sechste Übernahmeangebot in diesem Jahr, bei dem eine Gesellschaft aus dem M-Dax das Ziel der Begierde ist. Für die Aktionäre ist das meist mit deutlichen Kursgewinnen verbunden. So legte der Kurs der Celanese-Aktien am Dienstag zeitweise um mehr als 13 Prozent zu.
Aber auch nicht unmittelbar betroffene Werte der zweiten Reihe profitieren von den Angeboten. Das Interesse der Großinvestoren weckt die Hoffnung auf mehr. Der M-Dax hat deshalb mit einem Wertzuwachs von 46 Prozent seit Jahresbeginn den Dax weit hinter sich gelassen. Auch im kommenden Jahr müssen die Anleger auf das Aufputschmittel Übernahmehoffnung wohl nicht verzichten. Nach Einschätzung der Investmentbank CSFB wird die Belebung des Geschäftes mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) im Jahr 2004 fortdauern. Die Finanzierungskosten seien niedrig und die Mittelzuflüsse in Relation zur Marktkapitalisierung auf einem besonders hohen Niveau. Wenn der Trend zur Erholung fortdauere, sei in Europa mit Transaktionen im Wert von 500 Milliarden Dollar zu rechnen. Mögliche Übernahmeziele seien unter anderen Danone, Hays, Bank of Ireland, Aegis, Kesa und Telekom Austria.
Zahl der Übernahmekandidaten kleiner geworden
Ein ansehnlicher Teil des M&A-Volumens dürfte aber auch in Deutschland anfallen. Hermann Prelle, Vorstand beim deutschen Zweig der Investmentbank UBS, rechnet mit einer weiteren Belebung im deutschen Geschäft mit Unternehmenskäufen. Allerdings würden dabei zunächst kleinere und mittelgroße Transaktionen dominieren, bei denen wie im Fall Celanese eine Barzahlung geboten wird. Erst in einer späteren Phase sei mit größeren Übernahmen zu rechnen, die nur per Aktientausch finanziert werden können. Für Aktionäre mittelgroßer Unternehmen ist das eine gute Nachricht. Falls die zweite Reihe tatsächlich die Nachfrage der Bieter auf sich zieht und Barzahlungen dominieren, könnte sich die überdurchschnittliche Entwicklung des M-Dax fortsetzen.
Allerdings ist die Zahl der potentiellen Übernahmekandidaten im M-Dax kleiner geworden. Denn bei Pro Sieben Sat.1, Buderus, Wella, Dyckerhoff, Celanese und Beiersdorf sind schon Angebote veröffentlicht oder Großinvestoren bereits eingestiegen. Thomas Effler, Analyst der Commerzbank, vermutet noch weitere Übernahmekandidaten. So könnten zum Beispiel Teleplan, Leoni, IWKA, Beru und Techem für potentielle Aufkäufer interessant sein. Zudem sei der Streubesitzanteil bei diesen Werten besonders hoch, was eine Übernahme erleichtere.
Auch Christian Kahler, Analyst der DZ-Bank, hält weitere Übernahmen mittelgroßer Unternehmen für möglich. Er relativiert allerdings deren Bedeutung für den Gesamtmarkt. Der M-Dax habe in diesem Jahr vor allem von der Entwicklung des Euro profitiert. Anders als bei den höherkapitalisierten Werten des Dax sei für viele der im M-Dax vertretenen Unternehmen die Euro-Aufwertung positiv. Das gelte zum Beispiel für Puma und Medion, bei denen ein überproportional hoher Teil der Kosten im Dollar-Raum anfalle. Die DZ-Bank rechnet für das kommende Jahr mit einem schwächeren Euro. Wenn dies zutreffe, werde auch die überdurchschnittliche Entwicklung des M-Dax enden, warnt Kahler vor zu großen Hoffnungen. Den Währungsfaktor werde auch die Übernahmephantasie nicht ausgleichen.