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Aktienmarkt : Warum das britische Börsenbarometer gegen den Brexit spricht

  • -Aktualisiert am

Die Londoner Börse im Stadt Canary Wharf. Bild: Helmut Fricke

Der Aufwärtstrend am britischen Aktienmarkt setzt sich wohl auch nach der Abstimmung fort - und was das Ganze mit der Fußball-Europameisterschaft zu tun hat.

          Seit Freitag regiert wieder König Fußball die Welt. Elf Freunde kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem anderen fällt. Was waren das noch für Zeiten, als sich unsere Nationalmannschaft, unterstützt von Udo Jürgens, im Singen üben und uns mit solchen Texten beglücken durfte. Neuzeitlich formuliert, wird man den Beinen der Nation wohl attestieren dürfen, dass sie anfangs auf jeden Fall kämpfen und das Toreschießen versuchen, sich durchs Viertelfinale mogeln, England im Halbfinale im Elfmeterschießen auf die Insel zurückschicken und Frankreich im Finale mit 2:1 besiegen werden. Oder?

          Ganz so einfach wird es wohl nicht werden. Im Team zwei maßgebliche Rekonvaleszenten, im Ohr die Völlersche Erkenntnis, dass es keine Kleinen mehr gibt, die Franzosen spielen zu Hause und die Engländer rücken mit der stärksten Mannschaft seit langer Zeit an. Obwohl gerade die ein wenig abgelenkt sein könnten. Schließlich sieht deren Spielplan pünktlich nach Abschluss der Vorrunde den Gang an die Wahlurnen vor. Brexit oder Nicht-Brexit - das ist dann die Frage. Man muss kein allzu großer Prophet sein, um zu der Einschätzung zu gelangen, dass an diesem 23. Juni 2016 die Welt nicht vom Fußball oder gar von den Herren der Uefa oder der Fifa, sondern vom britischen Wähler regiert werden wird.

          Schließlich wäre, schenkt man der mehrheitsfähigen Meinung Gehör, der Brexit eine mächtige Zäsur und im schlimmsten Fall der Anfang vom Ende Europas. Auch wenn man die Dinge wohl nicht gleich so negativ sehen muss, stellt sich doch die Frage: Wie wahrscheinlich ist der Brexit überhaupt? Seit die Umfragen wieder weder das eine noch das andere Lager entscheidend im Vorteil sehen, sind einmal mehr die Charts von FTSE-100 und britischem Pfund die bestmöglichen Brexit-Barometer.

          Die wichtigste Beobachtung einer technischen Analyse wird durch die beiden zusammenlaufenden pinkfarbenen Linien im abgebildeten Chart des FTSE 100 und des Indikators (MACD) darunter markiert. Sie zeigen eine sogenannte „positive Divergenz“. Muster dieser Art entstehen immer dann, wenn der Indikator die letzten Tiefs im vorangegangenen Abwärtstrend nicht mehr nachvollziehen konnte. Dies wiederum ist, bedingt durch die Konstruktion des MACD, ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Dynamik des Abwärtstrends spürbar nachgelassen hat. „Positive Divergenzen“ finden sich deshalb in der weiten Mehrzahl der Fälle an markanten unteren Wendepunkten: Der Druck nach unten ist raus und damit die Chance nach oben deutlich größer geworden.

          Wer Angst hat, der hatte lange genug Zeit, zu verkaufen

          Mit Sicherheit darf deshalb seit dem Frühling auch für den FTSE 100 angenommen werden, dass er sich nicht mehr in einem Abwärts-, sondern in einem Aufwärtstrend befindet. Deshalb greift die mit Abstand wichtigste Regel der technischen Analyse: Nichts ist wahrscheinlicher als die Fortsetzung des aktuellen Trends. Wir müssen sogar selbst in dieser fundamental prekären Situation davon ausgehen, dass der aktuelle gestartete Aufwärtstrend intakt und sein Ende bislang nicht in Sicht ist. Der FTSE 100 wird, mittel- bis langfristig betrachtet, weiter steigen. Genau dies dürfte aber mit einem Abstimmungsergebnis zugunsten des Brexit kaum vereinbar sein.

          Bild: F.A.Z.

          Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Die Marktteilnehmer hatten mittlerweile sehr lange Zeit, sich auf die Abstimmung in Großbritannien vorzubereiten. Wer Angst hat, der hatte lange genug Zeit, zu verkaufen. Trotz des bislang unklaren Votums der Briten behielten die Haussiers die Oberhand. Dieses Verhalten der Investoren muss eher als gutes Zeichen interpretiert werden: Die Welt wird nach dem 23.6. nicht untergehen - auch nicht partiell in Großbritannien oder Europa.

          Nicht, um diese Einschätzung gleich wieder zu kassieren, sondern einfach um der immer und grundsätzlich gebotenen Analysten- und Anlegerdisziplin gerecht zu werden: Sollte sich der FTSE 100 einen Wochenschlusskurs unter 5700 Punkten leisten, dann steht der Aufwärtstrend des FTSE 100 in Frage.

          Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf das britische Pfund: Der Euro gab in den letzten 6 Wochen erwartungsgemäß bis in Regionen um 0,75 britische Pfund nach und erholte sich anschließend wieder. Diese Entwicklung wird sich wohl zunächst zu Gunsten des Euro fortsetzen. Aber spätestens in Bereichen um 0,80 Pfund dürfte die britische Währung wieder das Kommando übernehmen. Auch das darf wahrscheinlich als Hinweis darauf verstanden werden, dass nach dem 23.6. wieder der Fußball die Welt regieren wird.

          Quelle: F.A.Z.

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