23.06.2008 · Mit dem Höhenflug der Lebensmittelpreise hat sich auch der Aktienkurs so manches Agrarunternehmens verteuert. Fürs Erste wäre es am besten, auf Düngemittel- und Saatgutproduzenten zu setzen - aber selektiv, denn manche Werte sind teuer geworden.
Von David BogoslawDie verheerenden Überschwemmungen, die im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten Millionen Morgen an Anbaufläche für Mais und Sojabohnen vernichteten, haben die Preise für diese Produkte in den vergangenen Wochen in die Höhe getrieben. Schätzungen zufolge könnten 5 bis 10 Prozent der amerikanischen Mais- und Sojaernte den Fluten zum Opfer gefallen sein: Bis sich das Wasser zurückzieht, wird es für eine Bergung der Ernte oder eine Umbepflanzung zu spät sein, teilte AccuWeather.com am 18. Juni mit.
Die daraus entstehenden Lieferengpässe verschärfen nur die Knappheit, die durch die rasant steigende Nachfrage in Schwellenmärkten wie China verursacht wurde. Dies wird sich in höheren Preisen für Waren des Haushaltsgrundbedarfs wie Speiseöl und Frühstückscerealien niederschlagen, und die Verbraucher werden noch tiefer in die Tasche greifen müssen. Die steigende Nachfrage durch das Bevölkerungswachstum und wetterbedingte Lieferengpässe sind nicht die einzigen Faktoren, die die Preise für Agrarprodukte in die Höhe treiben. Auch macht sich bemerkbar, dass große institutionelle Anleger, die verzweifelt versuchen, das Risiko in ihren Portfolios zu senken, Rohstoffe vermehrt als valide Anlagekategorie akzeptieren.
Was bedeuten diese Entwicklungen für jemanden, der in Agraraktien investiert? Obgleich einige Marktteilnehmer den steilen Höhenflug genießen, könnte es sein, dass sich die Bewertungen selbst überflügelt haben.
Die steigenden Einkünfte der Bauern
Dass die Verbraucher mehr Geld für Lebensmittel ausgeben, verheißt noch lange keine höheren Gewinne für Fleischproduzenten wie Tyson Foods oder andere Lebensmittelhersteller wie Kraft Foods, die große Mengen an Mais, Weizen und Sojaöl verwenden. Deren Versuche, höhere Kosten für Inhaltsstoffe an die Verbraucher weiterzugeben, schlagen fehl, da die Haushalte beim Lebensmittelkauf immer anspruchsvoller werden und auf kostengünstigere Eigenmarken umsteigen.
Am meisten dürften Düngemittelhersteller wie Potash Corporation of Saskatchewan und Mosaic sowie Saatgutproduzenten wie Monsanto vom Anstieg der Getreidepreise profitieren. Die steigenden Einkünfte der Bauern haben diese Unternehmen angespornt, ihre Preise zu erhöhen.
„Die Saatgutunternehmen stehen vor der anspruchsvollen Aufgabe, quasi wie durch ein Wunder die Produktivität ihres Saatguts für die letzte Ernte zu steigern, doch auch bei den Düngemitteln werden wir uns stärker ins Zeug legen müssen, da es nicht nur im Inland, sondern weltweit mehr Anbauflächen geben wird“, meint Joe Victor, Vice President für Marketing bei Allendale, einem Brokerhaus und Rohstoffforschungs- und Beratungsunternehmen in McHenry, Illinois.
Monsanto, dessen Cashflows insbesondere durch die Verkaufszahlen der Glyphosate stark angestiegen sind - einer Herbizidsorte zur Bekämpfung von Unkraut, das die Saat erstickt -, wird die Glyphosat-Preise künftig wohl eher sporadisch anheben, statt wie bisher einmal pro Jahr, sofern Rohstoffkosten, Zölle und die verschärfte Wettbewerbsdisziplin dies gestatten, schrieb Analyst Laurence Alexander in einer Forschungsnotiz vom 5. Juni für Jefferies. Die Aussichten auf höhere Gewinnmargen durch einen erwarteten Anstieg der Glyphosat-Preise von mindestens 15 Prozent im Geschäftsjahr 2009 veranlasste ihn, seine Gewinnschätzung für 2008 um 10 Cent auf 3,40 Dollar pro Aktie und seine Schätzung für 2009 um 35 Cent auf 4,40 Dollar pro Aktie anzuheben.
Marktlücken für genetisch veränderte Lebensmittel
Alexander, der die Aktie zum Kauf empfiehlt, erwartet, dass Monsanto sein Geld auch künftig in kleinere „Bolt-on“-Akquisitionen sowie in die Beschleunigung seiner Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, ein stabiles Dividendenausschüttungsverhältnis und Aktienrückkäufe steckt und in Saatbestände investiert, sofern die Regulierungsbehörden dem Unternehmen eine baldige Genehmigung erteilen.
Zudem scheint Monsanto aggressiver nach Marktanteilen zu suchen. Die Lizenzerteilung seiner „Roundup Ready 2 Yield“-Technologie für Sojabohnen an den anglo-schweizerischen Konkurrenten Syngenta könnte dem Unternehmen helfen, sich bei DuPonts Optimum-Gat-Sojabohnen, deren vollständige Markteinführung sich bis 2011 hinauszögern könnte, einen Vorsprung zu sichern, schrieb Analyst Mark Connelly am 23. Mai in einer Notiz für Credit Suisse.
Während die Märkte in den Vereinigten Staaten, Brasilien und Argentinien in punkto Biotech-Saatgut für Mais und Sojabohnen relativ gesättigt sind, öffnen die erwiesenen Eigenschaften dieser Produkte bezüglich höherer Erträge und geringerer Abhängigkeit von Düngemitteln die Tore zu Europa, China, Indien und zahlreichen anderen Ländern, die genetisch veränderten Lebensmitteln bisher eine Absage erteilt haben, sagt John Baize, President von John C. Baize & Associates, einem internationalen landwirtschaftlichen Handels- und Politikberatungsunternehmen, das sich auf Ölsaaten spezialisiert hat.
„Wenn Agrarprodukte so teuer sind wie im Augenblick und sich Regierungen aufgrund der hohen Lebensmittelpreise auf unsicherem Terrain befinden, verschwindet deren Zurückhaltung“, erklärt er.
Durch den 100-prozentigen Zuschlag, den China von April bis September auf alle Düngemittelexporte erhob, wurde der Markt für Stickstoffdüngemittel noch viel knapper als der für phosphathaltige pflanzliche Lebensmittel, schrieb Analyst Edwin Chee am 11. Juni in einer Forschungsnotiz für BMO Capital Markets. Potash ist einer der wenigen Hersteller, die der höheren Nachfrage gerecht werden können, während es anderen Herstellern zu diesem Zweck an adäquaten Vorräten mangelt, so Chee. Jeder Anstieg der Kalipreise in Höhe von 20 Dollar pro Metertonne oder mehr steigert Potashs Gewinn je Aktie um 34 Cent, meint Chee, der zudem feststellte, dass das Unternehmen auch beim Verkauf von Phosphorsäure profitieren wird. Hier dürften die Preise von 366 Dollar pro Metertonne im ersten Quartal 2008 auf 1.500 bis 1.800 Dollar pro Metertonne im Vergleichszeitraum 2009 zulegen, meint er.
Kleinere Unternehmen wählen
Nach den enormen Zugewinnen in den vergangenen Monaten könnten einige dieser Agraraktien manchen Anlegern jedoch etwas zu teuer sein. Bei 141,50 Dollar werden Monsanto-Aktien zu mehr als dem 41-fachen Gewinn des Geschäftsjahres 2008 gehandelt, während Potash mit dem 21-fachen geschätzten Gewinn des Geschäftsjahres 2008 bewertet ist.
Kleinere Unternehmen könnten sich als bessere Wahl für Anleger erweisen, wenn man bedenkt, dass die Kurse dieser Aktien durch die schwachen und unsicheren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gedrückt wurden, die in der Regel kleineren Unternehmen mit weniger Zugang zum Kapitalmarkt zu schaffen machen.
Cal-Maine Foods wurde von den Anlegern stark gekürzt, profitiert jedoch genau genommen von einer schleppenden Konjunktur mit niedrigeren Verbraucherausgaben, da die Schaleneier, die das Unternehmen produziert, eine relativ kostengünstige Proteinquelle darstellen. Als größter börsengehandelter Eierproduzent in den Vereinigten Staaten besitzt das Unternehmen einen Marktanteil von rund 16 Prozent an einem fragmentierten Markt und ist in den letzten Jahren durch Übernahmen gewachsen. Der amerikanische Markt erklärt sich für 95 Prozent seiner Umsätze verantwortlich, doch auch der Exportmarkt hat sich in diesem Jahr aufgrund des schwachen Dollars verbessert, meint Daniel Lew, einer der Verwalter des „SunAmerica Focused Small-Cap Value A Fund“ im Wert von 224 Millionen Dollar.
Da Eierproduzenten keine Verträge mit ihren Kunden abschließen, werden die Eierpreise wöchentlich festgelegt. „Somit ist jeder in der Branche darauf bedacht, nicht zu viel zu produzieren“, fügt er hinzu. Da der gesundheitliche Nutzen von Eiern heute stärker ins Bewusstsein gerückt und das Wachstum Cal-Maines nicht mehr an die ehemals beliebte Proteindiät von Atkins gebunden ist, könnte sich die Bewertung vom 5-fachen auf das 10-fache der Gewinne verdoppeln, meint Lew. Die Eierpreise haben im Vorjahresvergleich um etwa 40 Prozent zugelegt.
Ein weiterer Anreiz für Anleger ist die neue Dividendenpolitik des Unternehmens, unter der es ein Drittel seiner Quartalsgewinne in Form von Dividenden auszahlt.
Gelb wogende Kornfelder
Auf dem Weizenmarkt führte eine Reihe von Lieferengpässen - Dürreperioden in Australien und Produktionsausfälle in den Vereinigten Staaten und Teilen Europas - zu einer eher traditionellen angebotsgesteuerten, optimistischen Perspektive, meint Lewis Hagedorn, Rohstoffstratege bei JPMorgan Chase. Die Weizenpreise haben sich in den vergangenen beiden Jahren mehr als verdoppelt.
Zwei von Amit Wadhwaneys Top-Five-Holdings in dem von ihm verwalteten 2,0 Milliarden Dollar teuren „Third Avenue International Value Fund“ sind Unternehmen, die Dürreperioden überstanden haben und gut aufgestellt sind, stärkere Kontrolle über ihre lokalen Weizenmärkte zu erlangen, angefangen bei den Bauern bis hin zu den Endkunden.
Viterra besitzt seit der Übernahme von Agricole United im Mai 2007 das effizienteste Netz an Getreidehebern in Kanada, sagt Wadhwaney, dessen Fonds an der Finanzierung der Akquisition beteiligt war. Da sich sein geografischer Wirkungsbereich über Saskatchewan hinaus auf die benachbarten Provinzen Manitoba und Alberta ausgedehnt hat, werden bei Viterra heute etwa 45 Prozent der kanadischen Prärieweizen-Lieferungen abgewickelt, erklärt er.
Der Marktanteil Viterras könnte sich vergrößern, wenn die Regierung jene Lieferungen dereguliert. Der Canadian Wheat Board, der, auf Grundlage von historischen Marktanteilen statt Effizienz, verschiedenen Getreidehebern Schienenbusse zuteilt, erwägt derzeit eine Deregulation des Gerstemarktes und könnte etwas später auch die Kontrolle über den Weizen abgeben, meint Wadhwaney.
Konsolidierung bei australischem Weizen
Die Wachstumsperspektiven für ABB Grain FPO, einen australischen Weizenkäufer und -händler, sind weniger offenkundig, doch die Aktie könnte zum Bewertungszeitpunkt ein noch besserer Tipp als Viterra sein, meint Wadhwaney. Sie hat sich erst kürzlich von der australischen Dürreperiode erholt, und obwohl es seither mehr regnet, ist noch ungewiss, ob die Dürre vollständig vorüber ist, fügt er hinzu.
„Man kauft diese Unternehmen, wenn es eine Dürre gibt. Dauert die Dürre an, so werden die schwächeren Konkurrenten ausgeschaltet“, sagt Wadhwaney.
Sobald der Australian Wheat Board im Juli sein Monopol als Weizenexporteur verliert, entsteht ein Potential für Konsolidierungen, die den größeren Unternehmen einen breiteren geografischen Wirkungskreis ermöglichen. Zudem werden diese die nötige finanzielle Stärke erlangen, um in die heimische Transportlogistik zu expandieren und Geschäfte mit Überseekunden abzuschließen. Es ist noch unklar, ob ABB Grain als Konsolidator agieren oder selbst übernommen werden wird, doch Wadhwaney geht davon aus, dass die Anleger so oder so von der Aktie profitieren werden.
Bei Lebensmittelkonzernen wie Archer Daniels Midland oder Bunge gestaltet sich die Argumentation etwas komplizierter.
Nachdem im Mittleren Westen schätzungsweise 3 Millionen Morgen an Mais den Fluten zum Opfer fielen, werden ADM und Bunge durch Lieferengpässe gezwungen, den Bauern höhere Preise zu zahlen, um Konkurrenten - von rivalisierenden Lebensmittelunternehmen bis zu Vieh- und Äthanolproduzenten - auszuschalten, meint Victor von Allendale.
Inmitten globaler Konjunkturströmungen
Das Äthanolprojekt von ADM, noch immer ein kleiner Teil seines Gesamtgeschäfts, scheint durch die höheren Maispreise gefährdet. Die Tatsache, dass das Unternehmen Lastkähne, Schienenbusse und Schiffe besitzt, hilft ihm jedoch, Transportkosten einzusparen und verschafft ihm einen kompetitiven Vorteil gegenüber „reinen“ Äthanolproduzenten wie Verasun Energy, erläutert Victor. Da die Äthanolpreise an die Rohölpreise gekoppelt sind, würde ein Rückgang der Ölpreise die Einkünfte aus dem Äthanolgeschäft drosseln und die Gewinne von ADM um 6 Cent pro Aktie für alle 2 Dollar pro Barrel schmälern, um die die Ölpreise sinken würden, schrieb Citigroup-Analyst David Driscoll in einer Notiz vom 29. Mai. (Mit den in ihren Forschungsberichten beschriebenen Unternehmen tätigt die Citigroup Bankgeschäfte oder strebt diese an.)
Bunge besitzt Vermögenswerte in aller Welt, einen guten Kassenstand sowie Risikomanagement-Operationen, die es dem Unternehmen ermöglichen, von der stärkeren Marktvolatilität zu profitieren, schrieb Credit-Suisse-Analyst Robert Moskow in einer Forschungsnotiz vom April. Da er von weiteren positiven Gewinnüberraschungen ausgeht, hob er seine Gewinnprognosen für 2008 auf 7,50 Dollar pro Aktie und für 2009 auf 8,40 Dollar pro Aktie an.
Deere und andere Hersteller landwirtschaftlicher Geräte profitieren ebenfalls von den gestiegenen Getreidepreisen, da die Bauern ihre höheren Einkünfte verwenden, um alte Geräte zu ersetzen, erläutert Victor. Die Gewinne von Deere werden jedoch auf der anderen Seite durch steigende Einsatzkosten geschmälert, hauptsächlich durch die höheren Stahlpreise, die durch die weltweite Verknappung des Angebots entstanden sind. Auch wenn die Preise für ihre wertvollen Produkte an den Weltmärkten in die Höhe schnellen, bleibt es den Agrarunternehmen - und ihren Anlegern - dennoch nicht erspart, die heiklen Stromschnellen der globalen Konjunktur zu umschiffen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |