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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Branchen-Analyse Medtech- und Biotech-Aktien haben ihre Lektionen gelernt

13.10.2004 ·  Unternehmen aus den Bereichen Biotechnologie und Medizintechnik wissen inzwischen, was die Börse von ihnen erwartet. Trotzdem sollte jeder Anleger, der sich auf solche Titel einläßt, am besten Fachwissen mitbringen.

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Krisen haben nicht selten auch ihre guten Seiten. Das gilt auch für den Bärenmarkt, der auf die Hausse Ende der 90er Jahre folgte. Denn die damit verbundene Krise hat alle Träumer unter den Firmenlenkern daran erinnert, um was es in unserem Wirtschaftssystem letztlich geht, nämlich um ein profitables Geschäfte machen.

Diese Erkenntnis hat sich natürlich auch längst bei den Vertretern aus den Sektoren Medizintechnik und Biotechnologie durchgesetzt. Dieser Eindruck bestätigte sich auch am Dienstag beim 1. Bio- und Medtech-Tag wieder. Denn bei der vom Finanzdienstleister Seydler Wertpapierhandelshaus AG organisierten Veranstaltung war zu spüren, daß es den teilnehmenden Gesellschaften (Lion Bioscionce, Evotec, Macropore Biosurgery, Plasmaselect, Pharming Group, Marseille-Kliniken, Analytik Jena, Geratherm Medical, W.O.M. World of Medicine und Epitan Limited) darum geht, mehr als nur vage Wachstumshoffnungen zu verkaufen.

Geratherm hatte keine Nachhilfe nötig

Wie solide beispielsweise ein Medtech-Unternehmen dastehen kann, beweist nicht erst seit gestern die Geratherm Medical AG. Der Anbieter von medizinischen Temperaturmeßtechniken und Biosignalen verdient mit seinen patentrechtlich noch 13 jahren geschützten Hauptprodukt gutes Geld. Der daraus resultierende Gewinn sorgt nicht nur für moderate Bewertung, eine ansehnliche Dividendenrendite und eine schuldenfreie Bilanz, sondern ermöglicht auch eine problemlose Finanzierung der Expansionsvorhaben im neuen Geschäftsfeld Cardiologie.

Hier hat das Unternehmen ein Gerät entwickelt, daß beim Entdecken von Vorhofflimmern, einer Vorstufe des Schlaganfalls, hilft. Wird dieses Produkt wie erhofft erfolgreich in den Markt eingeführt, hat Geratherm seinen Aktionären nicht mehr nur Solidität, sondern auch einen Schuß Phantasie zu bieten. Das gilt erst Recht, wenn es gelingt, für den bereich Wärmedecken die Bundeswehr als Kunden zu gewinnen, weil sich der Umsatz dann mit einem Schlag signifikant erhöhen würde.

Analytik Jena und Plasmaselect sind auf einen guten Weg

Ebenfalls in einem soliden Gewand präsentiert sich schon länger die Analytik Jena AG, die Analysemeßtechniken für Medizin, Pharma, Umwelt und Biotechnologie produziert. Diesem Unternehmen ist es in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2003/2004 gelungen, den Umsatz um 25,9 Prozent auf 73,839 Millionen Euro zu steigern und den Gewinn eje Aktie von 0,04 auf 0,22 Euro zu verbessern. Ein positiver Cash Flow führte außerdem zu einer Erhöhung der liquiden Mittel von 6,80 Millionen auf 9,99 Millionen Euro und einer von 40,0 Prozent auf 44,3 Prozent verbesserten Eigenkapitalquote.

Auf einem soliden Weg befindet sich offenbar auch die im bereich generische injektabile Pharmazeutika tätige Plasmaselect AG. Durch eine geschickte Akquisitionsstrategie, bei der anscheinend anders als früher in der Branche durchaus nicht unüblich auch kein Geld sinnlos verpulvert wurde, ist es hier gelungen, eine im Branchenvergleich respektable Größe zu erreichen.

Wie gut das Kapital angelegt ist, spiegelt sich in einer im Geschäftsbereich Hospital Solutions zuletzt deutlich gestiegenen Spanne beim Gewinn vor Zinsen und Steuern wider. Und wenn die eingeschlagene Strategie weiterhin greift, dann dürfte Plasmaselect die Früchte seiner Arbeit erst noch ernten. Mut macht dabei auch das Versprechen von Vorstand Burghard Weidler, wonach „was versprochen wird, auch eingehalten werden soll.“ Selbst darauf konnte man sich früher in diesen Branchen nicht immer verlassen.

Evotec und W.O.M. ringen um den Durchbruch

Sichtlich Mühe gibt sich auch das Biotechnunternehmen Evotec AG. Allerdings hat die Hamburger Gesellschaft, die sich als verläßlicher und innovativer Forschungspartner für die Pharma und Biotechindustrie einen Namen gemacht hat, noch mit einer teilweise vorherrschenden Zurückhaltung der Kunden bei der Auftragsvergabe zu kämpfen. Die Rate mit der man Geld verbrennt, wurde aber trotzdem schon spürbar gesenkt und im Geschäftsjahr 2003 wurde erstmals ein positiver Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Amortisationen erzielt.

Sogar auch schon unter dem Strich ist im zweiten Quartal 2004 der Medizintechnikfirma W.O.M. World of Medicine der Vorstoß in die Pluszone gelungen. Offenbar setzen sich die hauseigenen Geräte, die den chirurgischen Eingriff dank spezieller Geräte minimal und damit sehr schonend machen sollen, langsam am Markt durch. Dennoch bleibt zunächst hier abzuwarten, ob der Durchbruch nachhaltig ist und welches absolute Gewinnniveau sich mit dem Geschäftsmodell letztlich erzielen läßt.

Schon seit Jahren Gewinne schreibt die Marseille-Kliniken AG. Aber dabei handelt es sich auch nicht um einen klassischen Biotech- oder Medtechwert, sondern um einen Pflege- und Rehadienstleister. Die Aktionäre leben hier auch deshalb nicht in einer virtuellen Welt, weil beständig eine Dividende ausgeschüttet wird. Auf Basis des aktuellen Aktienkurses kann sich die Dividendenrendite von fast fünf Prozent durchaus sehen lassen. Das Manko hier ist nur, daß die Branche allgemein an der Börse keinen erstklassigen Ruf genießt und Großaktionär Ulrich Marseille in den vergangenen Jahren schon das ein oder andere Mal für negative Schlagzeilen gut war.

Werte ohne zugelassene Medikamente nur etwas für Zocker und Spezialisten

Mit einer negativen Presse muß auch Lion Bioscience leben. Und daran wird sich so lange trotz einer anerkannten Persönlichkeit wie Jürgen Dormann im Aufsichtsrat auch nichts ändern. Denn die Nachfrage nach den Produkten des Softwareherstellers von Bio- und Chemie-Informatiklösungen für Pharma- und Biotechnologie-Unternehmen läßt nach wie vor zu wünschen übrig. Da dem Unternehmen langsam aber sicher das Geld auszugehen droht, hat man aber nicht mehr allzu lange Zeit, um auf die geschäftliche Trendwende zu warten.

Nicht mehr als wachechte Biotech- und Pharma-Hoffnungswerte stellen im übrigen die drei anderen auf dem Biotech- und Medtech-Tag vertretenen Unternehmen dar. Der Spezialist für regenerative Medizin Macropore Biosurgery wartet dabei ebenso noch auf die Erstzulassung eines Medikaments wie die australische Epitan, die an einem Mittel zum Schutz vor Sonnenbrand und Hautkrebs forscht und auch die niederländische Pharming Group, die an einem Medikament zur Behandlung von Patienten mit vererbtem Angioödem arbeitet, hat den endgültigen Durchbruch noch nicht geschafft.

Gut lesen sich allerdings schon jetzt die von Pharming-Vorstand Francis Pinto vorgestellten Planrechnungen. Demnach ist alleine mit wichtigsten Produkt C1-Inhibitor ein Umsatz von 276 Millionen Euro geplant, wovon dann letztlich ein Ergebnisbeitrag bei fast 125 Millionen Euro resultieren soll. Aber ob diese Prognose wie von Pinto suggeriert tatsächlich konservativ ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Die genannten Planzahlen beziehen sich jedenfalls auf das Jahr 2010, und wer weiß schon, was bis dahin nicht alles passiert.

Beispiele wie diese machen aber auch deutlich, daß trotz des begrüßenswerten Realismus, der in der Branche Einzug gehalten hat, auch noch immer phantasievolle Geschichten zu finden sind. Wer darauf allerdings aufspringt, sollte sich der damit verbundenen Risiken bewußt sein und im Idealfall etwas von der Materie verstehen. Aber diese Vorbedingung können leider die wenigsten Börsianer erfüllen, weshalb sich für viele Anleger ein Engagement im frühen Leben eines Biotechwerts verbieten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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