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Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Branchen-Analyse Aktien von Aussteigern aus dem Kamerageschäft spekulativ interessant

01.02.2006 ·  Die Aktien der großen Hersteller von Fotokameras sind durch den Zusammenbruch der traditionellen Photographie zum Teil schwer gebeutelt worden. Nachdem einige den Schlußstrich gezogen haben, ergeben sich spekulative Kaufgelegenheiten.

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Was baumelte früher groß und mächtig auf dem nicht minder eindrucksvollen Bierbauch jedes deutschen Zerrbilderbuch-Touristen, der in karierten Socken, Sandalen, Tennishosen und T-Shirt die Hotelgäste Italiens und Spaniens im Fahrstuhl mit einem kräftigen „Mahlzeit!“ erschreckte? Richtig, eine Kamera. Heute baumelt sie allenfalls im digitalen Mini-Format am Handgelenk und das Knips-Knips-Knips-Geräusch kommt bestenfalls von der integrierten Sound-Datei.

Denn das Zeitalter der konventionellen, filmgestützten Photographie ist endgültig zu Ende. Das zeigten einmal die Zahlen und der Ausblick, den das weltgrößte Unternehmen des Sektors, Eastman Kodak, am Montag der Börse vorlegte.

Eastman Kodak häuft Verlust auf Verlust

Kodak hat den fünften Quartalsverlust in Folge verzeichnet. Positiv ist zu vermelden, daß dieser dank eines zwölf Prozent höheren Umsatzes mit 52 Millionen Dollar bzw. 0,18 Dollar je Aktie niedriger ausfiel als früher. Im Vorjahreszeitraum hatte der Nettoverlust noch bei 59 Millionen Dollar oder 0,20 Dollar je Aktie gelegen. Die Umsatzsteigerung stammt vor allem aus dem Umsatzwachstum von 45 Prozent bei digitalen Produkten und Dienstleistungen. Hingegen schrumpfte der Umsatz im Traditionsgeschäft um weitere 21 Prozent.

Dennoch wurden die Ergebnisse von höheren Restrukturierungskosten, Steueraufwendungen, Aufwendungen für die Bilanzierungsumstellung sowie Verluste aus dem operativen Geschäft belastet. Denn der Verlust aus dem operativen Geschäft stieg von 58 auf 143 Millionen Dollar, oder 0,50 Dollar je Aktie nach 0,20 im Vorjahresquartal.

Im Gesamtjahr stieg der Umsatz auf 14,268 Milliarden Dollar von 13,517 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust summierte sich auf 1,371 Milliarden Dollar nach einem Gewinn von 556 Millionen Dollar im Vorjahr oder 4,76 Dollar je Aktie. Grund: Restrukturierung und der Rückgang des traditionellen Fotogeschäfts.

Photographie braucht kein Film-Know-How mehr

Für viele Analysten waren diese Ergebnisse eine Enttäuschung. Denn diese hatten auf einen Quartalsgewinn gehofft, auch wenn sie wie Christopher Hayes von Hayes Fischer befürchtet hatten, das Unternehmen könnte einen „weiteren Stein werfen“. Der seit Juni im Amt befindliche Kodak-Chef Antonio Perez hatte mit Entlassungen, Werksschließungen und Abschreibungen von 900 Millionen Dollar die Wende einleiten wollen.

Was Eastman Kodak und anderen Unternehmen des Sektors nicht gelingt, ist die rasch dahinschmelzenden Umsätze im analogen Bereich durch neue, digitale Produkte auszugleichen. Das liegt vor allem an der Nicht-Exklusivität des technischen Know-Hows. Für eine Digitalkamera wird wenig fotoptisches Wissen, sondern vielmehr Computertechnik benötigt. Das verbreitert die Konkurrenz und drückt auf die Preise. Und Filme braucht bekanntlich kein Mensch, sondern vor allem Flash-Memory-Speicher. Und hier fielen die Preise zuletzt so stark, daß etablierte Hersteller wie Samsung oder AMD dies deutlich spürten. AMD trennte sich sogar von seiner Flash-Memory-Sparte Spansion, um den Verlustbringer endlich loszuwerden.

Fuji Photo läutet Ende einer Ära ein

Auch weltweit zweitgrößte Hersteller von Foto-Filmen Fuji Photo Film hat im abgelaufenen dritten Geschäftsquartal ein Schrumpfen des operativen Gewinns auf 41,65 Milliarden Yen nach 43,6 Milliarden Yen vor einem Jahr verbuchen müssen und damit die Erwartungen der Analysten verfehlt. Für das Gesamtjahr bis Ende März senkte Fuji Photo die Prognose für den operativen Gewinn auf 75 Milliarden Yen von 170 Milliarden Yen. Analysten hatten bisher mit 156 Milliarden Yen gerechnet.

Grund: höhere Restrukturierungsaufwendungen, rückläufige Preise für Digitalkameras und eine nachlassende Nachfrage nach konventionellen Photo-Filmen. Fuji plant die Streichung von 5.000 Arbeitsplätzen und die Verlagerung eines Teils der Produktion von Japan nach China. „Der Plan von Fuji Photo symbolisiert das Ende der Ära der Filmkameras“, sagte Hiroshi Chano, Vermögensverwalter bei Yasuda Asset Management zur Nachrichtenagentur Bloomberg. „Die Digitalisierung der Kamerabranche ging viel schneller vonstatten, als ich erwartet hatte.“

„Ich habe damit gerechnet, daß die Nachfrage nach Farbfilmen in diesem Jahr zehn Prozent zurückgeht“, erklärte Vorstandschef Shigetaka Komori auf der Pressekonferenz in Tokio. „Aber der Rückgang beträgt weiterhin mehr als 20 Prozent.“

Im Geschäftsbereich Imaging Solutions, der für 29 Prozent des Konzernumsatzes verantwortlich ist, setzte Fuji Photo mit 19,5 Milliarden Yen 5,2 Prozent weniger um. Der Betriebsgewinn der Sparte, zu der Farbfilme und Digitalkameras zählen, sackte um 20 Prozent auf 7,5 Milliarden Yen ab. Auch der Betriebsgewinn im größten Geschäftsbereich für Kopierer und Drucker brach ein.

Kopierer und Drucker helfen Konica-Minolta

Dieser Geschäftsbereich hält indes den Konkurrenten Konica-Minolta über Wasser. Das Unternehmen gab am Dienstag für das dritte Quartal einen mehr als doppelt so hohen Reingewinn von 17,43 Milliarden Yen als im Vorjahr bekannt. Der Umsatz legte 4,6 Prozent auf 275,42 Milliarden Yen zu. Das operative Ergebnis sei trotz scharfen Preiswettbewerbs im digitalen und analogen Fotogeschäft um 44 Prozent gestiegen.

Den Ausblick auf das Gesamtjahr bis Ende März ließ Konica Minolta unverändert. Danach soll sich in der Gruppe ein Verlust von 47 Milliarden Yen auf Basis eines Umsatzes von 1,05 Billionen Yen ergeben. Hintergrund für das prognostizierte Minus ist der jüngst angekündigte Rückzug aus dem verlustbringenden Kamera- und Fotogeschäft, in dessen Rahmen bis Ende 2007 insgesamt elf Prozent der Stellen abgebaut werden.

Der Bereich Fotografie ist zwar der älteste der fünf Geschäftssparten des Konzerns, doch mittlerweile auch der verlustreichste. Der Vorstand sehe aufgrund des verschärften Wettbewerbs keine Möglichkeit, die Sparte in die Gewinnzone zurückzuführen.

Teile des erfolgreichen Geschäfts mit Spiegelreflexkameras wird Konica-Minolta an Sony abtreten, der Rest wird aufgegeben. Bis zum Jahr 2007 wird auch der Bereich Fotozubehör abgewickelt. Auch Nikon hat die Produktion von Analogkameras und den zugehörigen Objektiven vor einigen Wochen mit sofortiger Wirkung fast völlig gestoppt und macht nun Räumungsausverkauf. Und der deutsche Traditionshersteller Leica konnte die Insolvenz nur durch deutliche Zugeständnisse und frisches Geld der Anteilseigner vermeiden, während Agfa Photo bekanntlich nunmehr abgewickelt wird.

Kodak verwirrt mit Prognosen

Kodak geht bislang immer noch einen anderen Weg und versicht sich vor allem mit dem Produkt Easyshare als Gesamtlösungsanbieter für digitale Photographie zu etablieren. Ob Kamera, Speicherkarten, Print-Abzüge, digitale Photoalben oder Photo-Versand - alles kommt aus Kodaks Hand.

Für 2006 wurde zunächst ein operativer Verlust von 0,9 bis 1,1 Milliarden Dollar angekündigt. Korrigiert soll der Verlust aus dem operativen Geschäft nun zwischen 500 und 850 Millionen Dollar betragen. Hintergrund war, daß man versäumt habe, den Gewinn aus dem Geschäftsbereich Digitalerzeugnisse einzurechnen, der zwischen 350 und 450 Millionen Dollar bei einem langsameren Umsatzanstieg von 16 bis 22 Prozent betragen soll. Der Umsatz im Filmgeschäft soll zwischen 16 und 22 Prozent sinken und der Verlust 950 Millionen bis 1,2 Milliarden Dollar betragen. Auch diese Projektion wurde gegenüber gestern erhöht - ohne Erklärung.

Was Wunder, wenn bei diesen Zahlen (und dem offenkundigen Chaos im Unternehmen) die Rating-Agentur Moody's die Einschätzung von Kodak abermals, diesmal auf „B2“, fünf Stufen unter Investment-Status gesenkt hat. Im Vorjahr hatte Standard & Poor's die Einschätzung nicht weniger als viermal reduziert.

Ende mit Schrecken vs. Schrecken ohne Ende?

Die Unternehmen der Branche stecken alle mitten in der Repositionierung und im Übergang. Naturgemäß trifft es die Großen am härtesten, wenn eine ganze Branche gleichsam zu existieren aufhört. Im etwas kleineren Maßstab haben dies die Hersteller von Schallplatten in den 80er Jahren erlebt. 2004 gingen 133 Millionen CDs über den Ladentisch - aber nur noch 800.000 Schallplatten. Diese Zahl entspricht dem Importkontigent Polens für „Westmusik“ aus dem Jahr 1976.

Während sich nun die japanischen Unternehmen offenbar für ein Ende mit Schrecken entscheiden haben, versucht Eastman Kodak offenbar weiter zu retten, was zu retten ist. Das senkt die Aussichten für die Kodak-Aktie ganz entschieden. Dieses Jahr hat gezeigt, daß der Abstieg rascher vonstatten geht als prognostiziert und so ist nicht auszuschließen, daß auch 2006 noch schlechter wird als es in den Prognosen vom Montag oder Dienstag und wer weiß noch welchen, demnächst neuen Planzahlen zum Ausdruck kommt.

Aktien zum Teil günstig bewertet, aber riskant

Unter den gegebenen Umständen bietet sich die gesamte Branche nicht wirklich als Investment an. Spekulativ lassen sich Hoffnungen machen, auch wenn sich charttechnisch keine der gebeutelten Aktien empfiehlt. Am ehesten noch Nikon, dessen Papiere seit Mai 2005 um 74 Prozent zulegen konnten.

Indes ist die Aktie auch mit Abstand die teuerste. Nikon ist bei einem prognostizierten Umsatz von umgerechnet 4,91 Milliarden Euro mit einer Marktkapitalisierung von 5,21 Milliarden Euro mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,06 bewertet.

Konica Minolta wird dagegen nach Plan im bis März laufenden Geschäftsjahr umgerechnet 7,37 Milliarden Euro umsetzen, während die Marktkapitalisierung lediglich 4,89 Milliarden Euro beträgt. Damit beläuft sich das Kurs-Umsatz-Verhältnis auf 0,66, so daß die Aktie vergleichsweise günstig erscheint. Zudem zeigen die jüngsten Zahlen, daß das Geschäft in den anderen Unternehmensbereichen offenbar läuft.

Auch Fuji Photo kommt bei einem prognostizierten Umsatz von umgerechnet 18.6 Milliarden Euro und einer Marktkapitalisierung von 14,48 Milliarden Euro auf ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 0,78. Indes waren die jüngsten Zahlen eher wenig erbaulich.

Eastman Kodak kommt zwar auf ein prognostiziertes Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 0,5. Doch im Unterschied zu den Japanern hat das Unternehmen noch keinen Schlußstrich gezogen. Rund 6,6 Milliarden Dollar hat Kodak im Traditionsgeschäft umgesetzt, 2006 sollen es über fünf Milliarden sein.

Doch das Tempo könnte auch schneller sein. Diese Unsicherheit und der schwache Ausblick auch für andere Bereiche wie den Kameraverkauf lassen die Zuversicht trotz der optisch günstigen Bewertung dahinschmelzen. Auch bei den anderen Unternehmen der Branche gibt es Unsicherheiten, wie teuer der Ausstieg nun wirklich kommt. Insofern empfehlen sich Absicherungen jedweder Art.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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