Die nächste Krise wird kaum zu verhindern sein. „Magische Lösungen“ werden auch Politiker nicht finden können; mehr Regulierung und Transparenz helfen nur begrenzt. Das sagt der Londoner Professor für Psychoanalyse David Tuckett im Gespräch mit der F.A.Z. Für grundlegende Änderungen müssten die Menschen die Gefühle, die Investitionen auf den Finanzmärkten hervorrufen, besser verstehen; vor allem die eigenen Gefühle müssten sie viel bewusster wahrnehmen. Nach einer Krise müssten diese Gefühle kollektiv aufgearbeitet werden, um „wirklich“ zu verstehen, wie es dazu gekommen sei, meint Tuckett. Die Suche nach Schuldigen bringe hingegen nichts. „Wenn wir alles nur auf die Banker schieben, dann werden wir das Problem nicht lösen.“ Doch müssten die Banker viel mehr Verantwortung für die gegenwärtige Krise übernehmen.
Tuckett verfügt über eine seltene Kombination an Qualifikationen. Er ist nicht nur Psychoanalytiker, sondern auch Soziologe und hat einige Semester Ökonomie studiert. Seit einigen Jahren befasst er sich mit einem Themengebiet, das „Emotional Finance“ heißt und auf dem sich bisher nur wenige Forscher tummeln. Die Vertreter dieser emotionalen Finanzökonomie bewegen sich in der Nähe von Verhaltensökonomen und Neuroökonomen, die ebenfalls wissen möchten, welche Gefühle im Spiel sind, wenn Menschen wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Ökonomen interessieren sich immer mehr für diese psychologische Forschung, um realitätsnäher argumentieren zu können.
Als Psychoanalytiker geht Tuckett besonders weit
Als Psychoanalytiker geht Tuckett in der Analyse von Emotionen besonders weit. Er benennt tiefe und oft negative Gefühle, die uns als Akteure auf den Finanzmärkten antreiben; viele Emotionen seien uns nicht einmal bewusst. Eine große Rolle spielen nach seinen Worten Gier, Angst, Neid, Hoffnung und Depression – je nachdem, was gerade passiere. Unangenehme Gefühle würden freilich gerne verdrängt. Neid zum Beispiel fühlten wir nicht bewusst. „Wir reden uns ein, jemand sei gar nicht zu beneiden, weil er ja einen Pickel auf der Stirn habe.“ Trotzdem sei das Neidgefühl immer noch da.
Auf den Finanzmärkten spielen nach Tucketts Worten Gefühle eine besonders große Rolle. Kaufe man einen Fernseher, dessen Preis kurz danach um 50 Euro sinke, dann habe man nach wie vor ein Gerät, das man nutzen könne. Mit einem Wertpapier sei das anders. „Es ist ein abstraktes Produkt; seinen Wert kennt man, solange man es besitzt, niemals wirklich“, sagt Tuckett. Denn der Wert schwanke im Laufe der Zeit. „Mit dieser Erfahrung muss der Investor zurechtkommen.“ Über ökonomische Modelle, in denen sich Marktpreise sofort bilden, muss Tuckett lachen. „Zeit ist extrem wichtig, weil die Menschen in dieser Zeit Erfahrungen machen.“
Weil die Erfahrungen mit Finanzprodukten besonders unstet sind, müssten die Käufer eigentlich Angst spüren und vorsichtig agieren. Doch das hielten sie nicht aus, meint Tuckett. Deshalb verdrängten sie ihre Angst, indem sie vor allem die guten Seiten sähen und an positive „Stories“ glaubten. Das sei wie in einer Ehe. Um diese zu festigen, sage man sich ständig: Oh, ist sie oder er nicht wunderbar? „Das gehört zu unserer biologischen Ausstattung.“ In den Aktienmarkt zu investieren sei wie in einer Beziehung zu stecken, sagt Tuckett.
Vom Versuch der Anleger, rational zu sein
Dennoch versuchten Anleger, so rational wie möglich zu handeln. „Sie versuchen wirklich, Entscheidungen sorgfältig und unter Hinzuziehung vieler Informationen zu treffen.“ Allerdings sei eine Aufteilung der menschlichen Antriebskräfte in rational und irrational nicht möglich. Denn man könne gar nicht nur rational oder nur emotional handeln. „Wir brauchen Gefühle, um Entscheidungen zu treffen“, erklärt Tuckett. Ohne Emotionen hätte man keine Motivation.
Nach Tucketts Analyse basiert die Instabilität der Finanzmärkte zunächst auf der Natur von Produkten, deren Wert man niemals wirklich kennt. Diese Instabilität werde dadurch verstärkt, dass vor allem solche Menschen in Finanzprodukte investierten, die anfällig für positive Geschichten seien. Vor dem Platzen der letzten Blase hätten die Akteure wirklich geglaubt, dass hohe Renditen ohne Risiko möglich seien, sagt Tuckett. Die Versuchung, die Angst zu verdrängen und positive Geschichten überzubewerten, werde durch den harten Wettbewerb auf den Finanzmärkten noch größer. Eine erfolgsabhängige Zahlung tue ihr Übriges.
Finanzkrisen sind nach Tucketts Überzeugung emotionale Phänomene, die immer derselben Entwicklungsbahn folgten. Zuerst rufe eine neue Idee wie neue Finanzprodukte eine positive Aufregung hervor; irgendwann dominiere diese Aufregung den Markt, die Blase werde immer größer. Wenn die Blase platze, folgten Angst und Schuldzuweisungen. Blasen, die Tuckett als „emotionale Inflation“ bezeichnet, seien auf den Finanzmärkten ständig vorhanden. Groß werde eine Blase, wenn ein großer Teil der Anleger an dieselbe positive „Story“ glaube.
Wie anfällig auch professionelle Anleger für solche einseitig positiven Geschichten sind, erfuhr Tuckett, als er 2007 fünfzig Fondsmanager interviewte. Sie investierten hohe Summen und standen unter großem Wettbewerbsdruck. Tuckett beschreibt sie als „interessante“ Persönlichkeiten, denen durchaus bewusst sei, dass Gefühle auf den Finanzmärkten eine überragende Rolle spielten. Auch sie erzählten, wie alle Menschen, gerne Geschichten. „Doch ihre Geschichten waren außergewöhnlich, und sie selbst glaubten, sich in einer außergewöhnlich Situation zu befinden.“ Das sei so weit gegangen, dass sie sich in ihre Unternehmen „verliebt“ hätten. „Sie glaubten, dass es um jedes Risiko ein Kissen gebe.“ Natürlich hätten sie über viele Informationen verfügt, die zeigten, wie wenig ihr Glaube mit der Wirklichkeit übereinstimmte. „Doch sie schafften es, diesen inneren Konflikt loszuwerden“, sagt Tuckett. „Sie fanden Gründe dafür, warum sie ein außergewöhnliches Beispiel sind.“ Die Blase sei deshalb so groß geworden, weil alle geglaubt hätten, außergewöhnlich zu sein.
„Das ganze System ist jederzeit unstabil“
Die Tendenz, solche phantastischen Geschichten – wie Finanzprodukte ohne Risiko – zu finden, sei immer da, meint Tuckett. „Das ganze System ist jederzeit unstabil.“ Deshalb ist er überzeugt, dass die nächste größere Blase gerade entsteht. Allerdings könne man noch nicht sagen, welche phantastische Geschichte es sein werde, die die Anleger überzeugen werde. „Es wird etwas Neues geben, was die Leute nicht verstehen, vielleicht hat es mit Umwelt zu tun“, sagt Tuckett.
Doch welche Konsequenzen sind aus Tucketts Analyse zu ziehen? So komplex seine Forschungsergebnisse sind, so schwierig ist die Suche nach einem System, das Finanzmärkte stabiler macht. Tuckett schlägt vor, Stellen einzurichten, die versuchten, Finanzmarktblasen zu erkennen. Auch plädiert er wie viele andere für Regeln, die kurzfristiges Handeln unterbinden. Grundsätzliche Änderungen werde es aber nur dann geben, wenn viele Menschen merkten, dass sie Teil des Systems seien.
Obwohl die letzte Blase erst zur Hälfte geplatzt ist
Siegfried Bauer (Siggi40)
- 24.09.2009, 12:37 Uhr
Für sichere Prognosen wissen wir immer zu wenig – Das ist wie beim Lotto
Hans-J. Sauer (Wertpapierportfolio)
- 24.09.2009, 14:40 Uhr
Herr Bauer,
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 24.09.2009, 14:43 Uhr
Kleine Ergänzung
Joachim Mense (JMense)
- 24.09.2009, 17:47 Uhr
@Joachim Mense (JMense) und Tucket
(binary_shitcode001001)
- 24.09.2009, 18:07 Uhr